Träge statt motiviert ins neue Jahr? Warum der Januar aufs Gemüt schlägt – und wieso auch Kinder vom Winterblues betroffen sind.
Januar-BluesWas die Stimmung im ersten Monat des Jahres aufhellt

Auch wenn man es kaum hören möchte: Spaziergänge sind ein natürlicher Stimmungsaufheller – auch an trüben Tagen.
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Grau hier, Grau da, Grau überall: Ist die Laune seit Jahresbeginn im Keller, ist oft vom Januar- oder Neujahrsblues die Rede. Doch was steckt dahinter – und was hilft wirklich?
„Wissenschaftlich lässt sich nicht fundiert belegen, dass der Januar der depressivste Monat ist“, klärt Prof. Rupert Conrad, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster, auf. Dennoch kann man dem Experten zufolge im Januar von einer Phase „erhöhter psychischer Empfindlichkeit“ sprechen.
Dass sich viele Menschen zu Jahresbeginn niedergeschlagen, traurig oder müde und antriebslos fühlen, hat laut Conrad verschiedene innere und äußere Ursachen. Dazu zählen unter anderem:
- Der starke Kontrast zu den Feiertagen mit vielen positiven Aktivitäten, der zu Jahresbeginn besonders spürbar ist.
- Der „Druck des Neuanfangs“: gute Vorsätze, der Wunsch nach Veränderung – und das Gefühl, selbst mithalten zu müssen.
- Lichtmangel im Winter und ein dadurch veränderter Hormonhaushalt, der Müdigkeit und gedrückte Stimmung begünstigen kann.
- Die ruhigere Zeit zum Jahresbeginn, die mehr Raum für Selbstreflexion lässt: „Da werden auch ungelöste Themen deutlicher spürbar“, sagt Conrad.
Blues oder Depression? Wann Hilfe wichtig ist
Wichtig ist immer, zwischen einem vorübergehenden Stimmungstief, bei dem man tageweise mal durchhängt, und einer Depression zu unterscheiden – die eine fachärztliche Diagnose und Behandlung erfordert. Maßgeblich sind laut Prof. Conrad dabei Dauer, Intensität und Beeinträchtigung.
Hält das Tief länger als zwei Wochen an, verursacht es starken Leidensdruck, fehlen Freude und Motivation oder kommen Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid hinzu, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.
Strategien gegen das Stimmungstief
Dem typischen Januar-Blues ist man jedoch nicht hilflos ausgeliefert. Conrad erklärt, der Mensch lasse sich aus evolutionsbiologischer Sicht als großes Säugetier mit einer gewissen Tendenz zum Winterschlaf begreifen. „Jahreszeiten prägen auch unser Leben“, sagt der Klinikdirektor. Wer diese Phase akzeptiert und sinnvoll einordnet – etwa als Zeit der Regeneration und des Kraftschöpfens –, kann leichter damit umgehen, dass die Energie vorübergehend geringer ist.
Was hilft noch? Der Facharzt empfiehlt zum Beispiel diese Strategien:
- Selbstansprüche senken: realistische Erwartungen statt Perfektionsdruck.
- Positiv mit sich selbst sprechen: „Sich selbst der beste Freund sein, auf den man sich auch in schlechten Zeiten verlassen kann“, wie Conrad es beschreibt – etwa, indem man den Blick auf das richtet, was bereits gelungen ist, statt auf das Unerledigte.
- Positive Reize als Belohnung: Erlaubt ist, was guttut: Musik hören, Sport machen, Freunde treffen. Auch kleine Ziele dürfen belohnt werden, das motiviert.
- Struktur schaffen: Regelmäßigkeit im Tagesablauf kann die Energie steigern.
- Im Arbeitsalltag: Aufgaben priorisieren, Wichtiges von Unwichtigem trennen und statt in Aktionismus zu verfallen – aufschreiben, was wirklich zählt.
- Achtsamkeit üben: „Ein achtsames Umgehen mit jedem Augenblick ermöglicht auch im Januar, den Lichtstreif am Horizont wahrzunehmen, der zeigt, dass der Winter den Frühling schon in sich trägt“, so Conrad.
Kinder feinfühlig begleiten
Sie wundern sich, warum auch ihre Kinder gerade durchhängen oder besonders große Gefühle haben? Auch sie kann der Neujahrsblues treffen. Hinzu kommt, dass sie oft besonders sensibel auf ihre Umgebung reagieren – etwa auf die Stimmung ihrer Eltern.
Prof. Conrad empfiehlt auch bei Kindern auf eine feste Tagesstruktur, Bewegung und frische Luft zu achten. Kleine Belohnungen, positive Beschäftigungen oder gemeinsame Familienrituale können ebenfalls unterstützen.
Entscheidend ist zudem eine offene Kommunikation. „Kinder merken, wenn es ihren Eltern nicht gut geht“, sagt Conrad. „Das offen anzusprechen, ist deutlich günstiger, als es zu verschweigen und dem Kind die Spannungen atmosphärisch mitzugeben.“ (dpa)

