Uniklinik Köln und Diakonie Michaelshoven wollen sektorübergreifende Versorgungsmodelle für Köln entwickeln. Sie starten mit Angeboten für chronisch kranke Kinder und pflegebedürftige Senioren.
Gesundheit in KölnUniklinik und Diakonie planen bessere Versorgung für Kinder und Senioren

Professor Edgar Schömig und der Vorsitzende der Diakonie Michaelshoven Uwe Ufer (v.l.) erklären die neue Kooperation der beiden Gesundheitsinstitutionen.
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Willi Küppers ist 78, lebt allein in seiner Kölner Wohnung, mit dem Gehstock kommt er überall hin. Dann stürzt er, bricht sich den Oberschenkelhals, landet in der Uniklinik Köln, wird operiert. Und dann? Heute beginnt an diesem Punkt nicht selten das Chaos. Ein Kurzzeitpflegeplatz muss her – doch die sind rar und schlecht vernetzt. Das Bett in der Uniklinik bleibt also belegt. Oder Küppers wird verlegt, bekommt am Freitagnachmittag dort aber kein Sauerstoffgerät und landet also wieder in der Klinik. Teurer Drehtüreffekt, seufzt man da bei den Kostenträgern.
Christian Potthoff von der Diakonie Michaelshoven hat sich diesen Willi Küppers ausgedacht – als Beispiel dafür, was in der deutschen Gesundheitsversorgung schiefläuft. Erzählt hat er das Beispiel am Dienstag auf einer Pressekonferenz in der Uniklinik Köln, bei der beide Institutionen unter Federführung von Professor Edgar Schömig und Professor Uwe Ufer ihre neue strategische Partnerschaft vorstellten.
Derzufolge soll es künftig anders laufen, nämlich so: Sobald Küppers eingeliefert wird, gibt die Uniklinik ein Signal an die Diakonie. Ein Kurzzeitpflegeplatz wird reserviert – acht sind exklusiv für die Uniklinik vorgesehen, 20 weitere entstehen derzeit auf dem Campus. Eine gemeinsame Fallkonferenz startet: Ärzte und Pflegefachleute beider Häuser besprechen Diagnose, Medikation, Hilfsmittel, Physiotherapie, Ernährung. Festgelegt wird, wann die Verlegung erfolgt und mit welcher Ausstattung. Nach der Entlassung arbeiten Pflege und Medizin weiter Hand in Hand, gemeinsam mit dem Hausarzt. Im besten Fall endet die Geschichte so: Küppers spaziert wieder mit seinem Gehstock durch Köln.
Demografie erfordert Veränderungen im System
Was nach gesundem Menschenverstand klingt, ist bislang die Ausnahme. Dabei werden die Zahlen, die man an diesem Nachmittag präsentiert, immer drängender: Bis 2049 wächst die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland um 800.000 Menschen. Gebraucht werden dann zwischen 300.000 und 700.000 zusätzliche Pflegekräfte – woher sie kommen sollen, weiß niemand. Für Köln bedeutet das konkret: 72.000 mehr Pflegebedürftige, 50 neue Einrichtungen, 5000 zusätzliche Pflegekräfte. Die gute Nachricht: Bis zu 30 Prozent des Pflegebedarfs lässt sich Potthoff zufolge präventiv vermeiden. Auch hier wollen beide Häuser mit Vorsorgekursen ansetzen. Für Köln hieße das: 18.000 Fälle weniger.

Der Direktor der Uniklink Köln Edgar Schömig (r.) und der Vorsitzende der Diakonie Michaelshoven Uwe Ufer besiegeln die Kooperation. „Wir wollen vom Menschen denken, nicht vom Sozialrecht.“
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Neben der Geriatrie richtet die Kooperation ihren Blick auf eine zweite vulnerable Gruppe: Familien mit chronisch kranken Kindern. Jörg Marquardt von der Jugendhilfe der Diakonie Michaelshoven berichtet, dass seine Teams bereits heute Hausbesuche erproben – bei Familien, deren Kinder gerade aus der Klinik entlassen wurden. „Die Eltern sind überfordert“, sagt er. Zehn Stunden verbringen die Fachkräfte mit ihnen: Sie besprechen den Umgang mit dem kranken Kind, helfen bei der Medikation, planen die nächsten Schritte. Ziel ist es, erzieherische Hilfen zu vermeiden und auch hier: den Drehtüreffekt zu durchbrechen. Ab kommendem Jahr soll das Modell richtig anlaufen. Marquardt: „Wir wollen im nächsten Jahr eine Finanzierung durch eine Kasse erreichen.“
Diakonie und Uniklinik wollen nicht auf den Staat warten
Uniklinik-Chef Professor Edgar Schömig erklärt den umfassenden Plan: Mit dem Modellprojekt wolle die Uniklinik dazu beitragen, Strukturbrüche zu vermeiden – zwischen Akutversorgung, Kurzzeitpflege und häuslicher Rückkehr. Schömig denkt groß: Das Modell soll hochskaliert werden, bis an die Kapazitätsgrenzen. Eine feste Pilotphase gebe es nicht. „Wir wollen immer weiterlernen.“
Das sei auch nötig, sagt Diakonie-Vorstand Professor Uwe Ufer. Schließlich sei der Status quo nicht haltbar: Renten-, Kranken- und Pflegesystem litten, Ressourcen schwänden, die Qualität gerate unter Druck. „Es lohnt sich nicht, auf den Staat zu warten“, sagt er. „Wir wollen vom Kunden her denken – nicht vom Sozialrecht.“ Kaufmännischer Direktor Damian Grüttner von der Uniklinik ergänzt den betriebswirtschaftlichen Effekt: Unnötige Wiederaufnahmen entfielen, blockierte Betten würden frei. Was gut für Patienten ist, rechnet sich also auch – so die Hoffnung der beiden Kölner Gesundheitsinstitutionen.
Wissenschaftlich begleitet wird das Vorhaben von der Uniklinik, die sich als besonderer Ort der Altersforschung versteht. Schömig betont: „Was logisch klingt, muss nicht gut sein. Wir müssen es empirisch nachweisen.“ In etwa zwei Jahren sollen erste Daten vorliegen – belastbar genug, um damit auf Kostenträger und Politik zuzugehen. Mit einem funktionierenden Produkt, nicht mit Absichtserklärungen. Ufer formuliert die Hoffnung so: „Erst mal versuchen, dann evaluieren, dann Standard werden.“
