Die Kölner Dermatologin Margaretha Skorupka erklärt, was Medizin und Kosmetik bei Haarausfall leisten können – und was nicht.
Kölner DermatologinEigenurin, Rosmarinöl oder Blutdrucksenker? Was gegen Haarausfall hilft

Bis zu hundert Haare dürfen jeden Tag in der Bürste stecken.
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Wie funktioniert das Haar überhaupt – und ab wann spricht man von krankhaftem Ausfall?
Das menschliche Haar wächst in Zyklen – und das, wie Dr. Skorupka betont, bewusst asynchron. „Wäre das anders, würden wir alle zeitweise kahl“, sagt sie. Zwischen 150 und 200 Haare pro Quadratzentimeter bedecken die Kopfhaut, jedes wächst etwa einen Zentimeter pro Monat und lebt zwei bis sechs Jahre. Rund 90 Prozent des sichtbaren Haares bestehen aus totem Horn – was erklärt, warum äußere Einflüsse dem Haar selbst, nicht aber dem Follikel schaden. Krankhaft wird der Ausfall dann, wenn er das natürliche Maß dauerhaft überschreitet: „Wer über Wochen hinweg täglich mehr als hundert Haare verliert, sollte das ernst nehmen und abklären lassen.“
Wie lässt sich Haarausfall verhindern?
Das hängt entscheidend von der Ursache ab. Bei der häufigsten Form, der androgenetischen Alopezie, ist genetische Veranlagung der Treiber – vollständig verhindern lässt sie sich nicht. Der Mechanismus dahinter ist biochemisch präzise: Testosteron wird zu Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt, das die Haarfollikel hemmt und schließlich verzwergt. „Das Haar wird feiner, kürzer, irgendwann unsichtbar“, sagt Skorupka.
Anders bei reaktivem Haarausfall, dem sogenannten telogenen Effluvium: Stress, Infekte oder hormonelle Schwankungen lassen den Haarwuchszyklus aus dem Takt geraten – allerdings ist die Misere reversibel, wenn die Ursache beseitigt wird. Auch Prävention ergibt deshalb Sinn. Skorupka empfiehlt, das Blutbild regelmäßig prüfen zu lassen, insbesondere Ferritin, den Schilddrüsenwert TSH und Vitamin D. Eisenmangel trifft vor allem junge Frauen und bleibt häufig unerkannt. Ohne bekannten Mangel zu supplementieren sei aber auch keine Lösung. „Die Diagnose beginnt im Labor“, so Skorupka.

Margaretha Skorupka erklärte beim Medizintalk, wie es zu Haarausfall kommen kann, wie man vorbeugt und therapiert.
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Welche medizinischen Therapien gibt es?
Das therapeutische Spektrum ist breit. Skorupka unterscheidet nach Ursache und Schweregrad: Bei der androgenetischen Alopezie gelten Finasterid und Dutasterid als wirksame Optionen für Männer – sie blockieren die Umwandlung von Testosteron zu DHT. Finasterid wurde ursprünglich als Prostata-Medikament entwickelt; der haarwuchsfördernde Effekt offenbarte sich als Nebenwirkung. Für Frauen sind diese Präparate nicht zugelassen. Östrogen-haltige Tinkturen, einst ein gängiger Ansatz, treten laut Skorupka zunehmend in den Hintergrund wegen besserer evidenzbasierter Therapieoptionen. Ein Beispiel wäre Minoxidil, eigentlich als Bluthochdruck-Medikament konzipiert, aber auch die PRP-Behandlung mit plättchenreichem Plasma, das aus dem eigenen Blut gewonnen und in die Kopfhaut injiziert wird.
Bei der Alopecia areata, dem kreisrunden Haarausfall, hat die Forschung zuletzt bedeutende Fortschritte erzielt. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die eigenen Follikel angreift – im schlimmsten Fall bis zur vollständigen Kahlheit. JAK-Inhibitoren (Januskinase-Hemmer), ursprünglich für andere Autoimmunerkrankungen entwickelt, haben hier laut Skorupka beeindruckende Ergebnisse gezeigt. „Das ist ein echter Durchbruch für Menschen, die jahrelang keine Therapieoption hatten.“
Bei pilzbedingtem Haarausfall ist Schnelligkeit entscheidend: Wer zu lange wartet, riskiert dauerhaften Follikelverlust.
Was zahlen die gesetzlichen Krankenkassen?
Die Antwort ist so eindeutig wie für Patienten ernüchternd. Die Kassen übernehmen bei androgenetischer Alopezie in der Regel keine Kosten – sie gilt als ästhetisches, nicht als medizinisches Problem. Besonders bitter: Selbst bei der Alopecia areata, einer anerkannten Autoimmunerkrankung, erstatten die Kassen die wirksamen JAK-Inhibitoren nicht. „Das ist schwer zu vermitteln“, sagt Skorupka, rät aber dazu, Anträge zu stellen. Besonders bei betroffenen Kindern gebe es manchmal Ausnahmen. Auch wer von krankheitsbedingtem Haarausfall etwa nach einer Chemotherapie heimgesucht wird, kann einen Zuschuss zu einer Perücke beantragen.
Bescheidene Erfolge von Koffeein-Shampoos
Wie hoch sind die Kosten bei privater Finanzierung?
Die Spanne ist erheblich. Minoxidil ist ab etwa 20 bis 40 Euro monatlich erhältlich und gilt als Einstiegsoption. PRP-Behandlungen – bei denen aufbereitetes Eigenblut in die Kopfhaut injiziert wird – kosten pro Sitzung zwischen 200 und 400 Euro; empfohlen werden meist mehrere Sitzungen pro Jahr. Am kostenintensivsten bleibt die Haartransplantation: Je nach Methode und Ausmaß fallen 3000 bis 12.000 Euro an. Skorupka warnt davor, bei der Anbieterwahl zu sparen: „Eine schlecht durchgeführte Transplantation lässt sich kaum korrigieren.“
Wann darf man auf Verbesserungen hoffen?
Geduld ist in jedem Fall gefragt. „Der Haarfollikel arbeitet langsam“, sagt Skorupka. Erste Effekte von Minoxidil zeigen sich frühestens nach drei bis vier Monaten; eine belastbare Beurteilung sei erst nach einem Jahr möglich. Nach einer Haartransplantation durchläuft das verpflanzte Haar zunächst einen Schockausfall – „das erschreckt viele, ist aber vollkommen normal“. Das endgültige Ergebnis zeigt sich erst nach zwölf bis achtzehn Monaten.
„Haarausfall bei Frauen ist nach wie vor stark stigmatisiert. Das tut mir in der Praxis täglich weh“
Was ist von Hausmitteln zu halten?
Skorupka differenziert. Rosmarin-Öl habe in einer vielzitierten Studie mit Minoxidil mitgehalten: „Das ist bemerkenswert, auch wenn die Datenbasis schmal bleibt – die Teilnehmerzahl war extrem begrenzt – und die verwendete Minoxidillösung niedriger konzentriert war als vorgeschrieben.“ Koffein-Shampoos zeigten in Laborstudien eine gewisse Wirkung auf Haarfollikel, im klinischen Alltag blieben die Effekte bescheiden.
Auch auf das Einreiben mit Knoblauch schwörten einige, wegen der Durchblutungssteigerung. Skorupka hält das für „harmlos, aber ohne belastbare Evidenz. Wer sich damit wohlfühlt, soll es tun – auf eine medizinische Diagnose verzichten sollte er trotzdem nicht.“ Von einer Behandlung mit Eigenurin, einer alten Hausmittelpraxis, rät sie ab. Hier seien keinerlei Ergebnisse zu erwarten.
Wie kann man aktiv vorbeugen?
Vorbeugung beginnt mit Aufmerksamkeit, dazu zählten regelmäßige Blutbildkontrollen. Manche Frisuren sieht Skorupka im Kontext als problematisch an: Straffe Zöpfe sowie enge Dutts begünstigen durch den permanenten Zug Haarausfall. Übermäßiges Bleichen und Hitzestyling schaden zwar nicht dem Follikel, aber dem Haar als Substanz erheblich. „Ein gesundes Haar bricht nicht so leicht.“
Welche gesellschaftlichen Trends prägen den Umgang mit Haarausfall heute?
Skorupka beobachtet eine ambivalente Entwicklung. Die Body-Positivity-Bewegung habe dazu beigetragen, Glatzen – besonders bei Männern – gesellschaftlich zu normalisieren. Gleichzeitig erzeugten soziale Medien enormen Druck: Haartrends auf Instagram und TikTok befeuerten die Nachfrage nach Behandlungen, oft ohne solides Hintergrundwissen. Für Frauen bleibt die gesellschaftliche Last ungleich schwerer. „Haarausfall bei Frauen ist nach wie vor stark stigmatisiert. Das tut mir in der Praxis täglich weh.“
Was ist von zukünftigen Therapien zu erwarten?
Skorupka ist vorsichtig optimistisch. Die Erfolge der JAK-Inhibitoren bei Alopecia areata markieren nach ihrer Einschätzung einen echten Wendepunkt. Für die androgenetische Alopezie richtet sich die Forschung zunehmend auf Stammzelltherapien und die gezielte Reaktivierung ruhender Follikel. „Wir verstehen den Haarfollikel molekular immer besser. Die Frage ist nicht ob, sondern wann wir in der Lage sein werden, ihn gezielt neu zu programmieren.“ Bis diese Ansätze in der Regelversorgung ankommen, dürften allerdings noch zehn bis fünfzehn Jahre vergehen.

