Abo

„Wir investieren viel Geld in Technik, aber kaum in Zeit für Gespräche“Warum Frauen allein gebären

8 min
Eine Frau mit grüner Weste schaut ernst in die Kamera.

Sabine Hartmann-Dörpinghaus ist Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule in Köln. Auch wenn es eigentlich nur ein Randphänomen ist, spielen Alleingeburten in Ihren Vorlesungen immer wieder eine Rolle.

Auf Instagram und TikTok wird die Alleingeburt romantisiert, in der Realität bleibt sie ein Randphänomen. Warum wenden sich manche Frauen vom gängigen Hilfesystem ab? Welche Risiken werden unterschätzt? Darüber spricht die Kölner Hebammen-Professorin Sabine Hartmann-Dörpinghaus.

Frau Hartmann-Dörpinghaus, eine Alleingeburt bedeutet eine Geburt außerhalb des Gesundheitssystems, also weder in einer Klinik noch in einem Geburtshaus. Die Frau plant die Geburt allein, eventuell mit Partner, aber ohne Fachpersonal. Wie häufig sind Sie als Hebamme damit in Berührung gekommen?

Sabine Hartmann-Dörpinghaus: Es ist ein Randphänomen. Ich selbst habe nur einmal eine solche Situation erlebt. Wenn eine Hebamme zu einer Alleingeburt gerufen wird, ist das jedoch sehr schwierig. Geht sie nicht hin, kann das als unterlassene Hilfeleistung gelten. Geht sie hin, trägt sie die volle Verantwortung für alles, was passiert. Das ist besonders für junge Hebammen belastend. Sie wissen nicht, wie das Kind liegt oder ob Vorerkrankungen bestehen. Sie können in Situationen geraten, die kaum zu bewältigen sind.

Ich wurde als junge Hebamme einmal zu einer geplanten Alleingeburt gerufen. Das Kind kam spontan und ohne Komplikationen. Die Frau hatte mich akut um Hilfe gebeten, weil sie merkte, dass sie es nicht mehr allein schafft. Es war in meinem Wohnort, nur wenige Kilometer entfernt. Ich war schnell dort und konnte ad hoc reagieren. Am Ende ist alles gut gegangen.

Welche Risiken bestehen bei einer Alleingeburt?

Bei einer Alleingeburt bestehen dieselben Risiken wie bei jeder anderen Geburt. Das beginnt damit, dass sich das Kind im Becken nicht richtig dreht, und reicht bis zu starken oder sogar lebensbedrohlichen Blutungen nach der Geburt.

Laien sind damit überfordert. Sie können viele dieser Informationen nicht einordnen. Wenn ich zum Beispiel sage, dass eine Schulterdystokie auftreten kann, der Kopf ist geboren, aber die Schulter bleibt stecken, bedeutet das im schlimmsten Fall den Tod des Kindes und ohne adäquate Hilfe eventuell auch der Mutter. Was soll eine Laienperson mit so einer Information anfangen? Deshalb halte ich mich mit Aufzählungen zu Horrorszenarien immer zurück. Solche Listen verselbstständigen sich, werden aus dem Zusammenhang gerissen und erzeugen unnötige Angst. Genau dafür ist Fachpersonal da: um solche Situationen zu erkennen und zu handeln.

Der Unterschied bei der Alleingeburt ist, dass niemand mit Fachkenntnis anwesend ist. Gleichzeitig darf man aber nicht denken, dass in einer Klinik „nichts passieren kann“. Für eine existenziell bedeutsame Situation wie eine Geburt, kann es kein Sicherheitsversprechen geben. Zu jedem Zeitpunkt im Geburtsverlauf kann etwas passieren, ganz unabhängig vom Ort und auch von der Kenntnis der anwesenden Menschen.

Ist eine Alleingeburt also grundsätzlich ausgeschlossen oder unter welchen Voraussetzungen kann sie gelingen?

Nein, ausgeschlossen ist sie nicht. Eine Frau kann eine Alleingeburt durchaus gut bewältigen. Die Frage ist jedoch, ob die Voraussetzungen stimmen, ob das Risiko gering ist und keine relevanten Komplikationen zu erwarten sind. Für alle ist eine Alleingeburt aber auf keinen Fall geeignet. Eine Alleingeburt erfordert eine sehr sorgfältige Abwägung, die ein Paar gemeinsam treffen muss.

Würden Sie persönlich von einer Alleingeburt immer abraten?

Ich würde zunächst immer umfassend aufklären und mich dafür interessieren, warum die Frau eine Alleingeburt plant. Ich verurteile niemanden, das steht mir nicht zu. Aber ich erkläre die Risiken, weise auf Faktoren wie Erkrankungen in der Vorgeschichte hin und fordere dazu auf, die Entscheidung gut zu überdenken. Wie sich eine Person am Ende entscheidet, liegt in ihrer eigenen Verantwortung. Ich spreche hier von personaler Verantwortung. Die Frau muss ihren Weg vor sich selbst vertreten können. Menschen dürfen sich irren, auch in existenziellen Fragen. Das gehört dazu.

Und: Irgendwann muss man an das glauben, was man tun möchte. Umkehren erfordert Mut. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass auch bei einer Alleingeburt irgendwann eine Art Sturheit entsteht, die einen dazu bringt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Wie wird im wissenschaftlichen Diskurs über Alleingeburten gesprochen?

Das hängt vom wissenschaftlichen Denkstil ab. Wer, wie ich, aus einer phänomenologisch‑systemischen, philosophischen Richtung kommt, rückt die Frau in den Mittelpunkt. Dann geht es nicht in erster Linie um die Frage, ob jemand fahrlässig handelt, sondern darum, zu verstehen, warum sie diese Entscheidung trifft.

In einem naturwissenschaftlich‑medizinischen Denkstil steht das Objekt im Fokus: Puls, Temperatur, Blutdruck, Daten, Fakten. Aus dieser Perspektive ist oft wenig nachvollziehbar, warum eine Frau eine Alleingeburt plant. Es wird seltener die Perspektive der Frau reflektiert und schneller anhand von erhobenen Werten geurteilt.

Ich vergleiche das manchmal mit Suchterkrankungen. Wenn jemand sagt: „Alkohol ist doch schädlich“, ist das rational klar. Aber im Moment des Suchtdrucks hilft dieser Hinweis niemandem. Menschen leiden darunter, und wer sagt „lass es einfach“, hat nicht verstanden, was Suchtdruck bedeutet. Ich finde, Menschen müssen ihr Leben selbst gestalten dürfen, dazu gehören unterschiedliche Entscheidungen.

Was sind die Gründe, weshalb sich Frauen für eine Geburt ohne Fachkräfte entscheiden?

Das sind Frauen, die mit dem bestehenden Gesundheitssystem unzufrieden sind. Das ist nachvollziehbar: Schwangere befinden sich in einer existenziell wichtigen Situation, die oft Angst auslöst: vor Fremdbestimmung oder übergriffigem Verhalten. Sie suchen einen anderen Weg, versuchen abzuschätzen, was während der Geburt passieren könnte, obwohl das nicht planbar ist. Eine Geburt lässt sich nicht mit einem routinemäßigen medizinischen Eingriff vergleichen, bei dem man weiß, was einen erwartet.

Wenn wir im Studium über Alleingeburten sprechen, ist wichtig: Die Frauen handeln meist nicht aus Leichtsinn. Wir betrachten ihre Entscheidung in meinen Veranstaltungen aus einer systemischen und phänomenologischen Perspektive. Wir fragen, was sie zu diesem Schritt bewegt hat und wie sie den Weg möglichst sicher gehen können. Das Thema ist auch für Studierende relevant, obwohl Alleingeburten selten sind. Es kann eine Ausnahmesituation entstehen, und es lohnt sich, zu verstehen, warum Frauen sich vom Gesundheitssystem abwenden.

Tatsächlich fanden 2024 nur rund zwei Prozent der Geburten in Deutschland außerhalb einer Klinik statt, meist in Geburtshäusern oder als Hausgeburten mit Hebamme. Der Anteil echter Alleingeburten ist noch viel geringer. Dennoch wächst online eine Szene, die Geburten ohne Fachpersonal idealisiert und tausendfach verbreitet, auch aus der rechten Szene. Wie nehmen Sie das wahr?

Das Thema Alleingeburt ist nicht neu, aber Social Media verstärkt die Dynamik. Dort wird das Thema stark aufgebauscht, weil es Reichweite erzeugt. Die extremen Rechten nutzen die Thematik für ihren „völkischen Feminismus“ und die Propagierung der „traditionell weiblichen“ Rolle – von dieser Ideologie grenze ich mich scharf ab.

In diesen Accounts wird der biologische Unterschied und eine vermeintlich „natürliche Ordnung“, bezogen auf die Geschlechterrollen, propagiert und vor allem der Begriff „Selbstbestimmung“ in den Vordergrund gestellt. Aber ich frage: Was soll die Bestimmung des Selbst unter der Geburt denn sein? Nie ist man so ausgeliefert. So ist Entspannung unter der Geburt bekanntlich förderlich, aber man kann sie eben nicht „herstellen“ oder „machen“.

Selbstbestimmung rückt die Fähigkeit und das Recht in den Fokus, das Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten – frei von Zwang zu handeln. Dies ist erst einmal begrüßenswert, wenn wir uns als freies und verantwortliches Wesen verstehen. Gleichzeitig werden in diesem Konzept aber bestimmte menschliche Dimensionen, die eben auch zur conditio humana gehören, ausgeklammert, obwohl sie unter der Geburt unaufhaltsam in Erscheinung treten: unsere leibliche Situiertheit, die Unbestimmtheiten, die Bedürftigkeit und Brüchigkeit von uns Menschen.

Die Selbstbestimmung, die in den sozialen Medien propagiert wird, ist ein nach außen gerichtetes Bild von Autarkie: „Zeig, wie unabhängig du bist.“ Wenn Frauen anfangen zu recherchieren, stoßen sie häufig auf selbsternannte Coaches oder Heilsversprechen. Diese Monopolisierung von Kompetenz durch angebliche Experten führt letztlich zu einer systematischen Entmündigung der Einzelnen und zur Abhängigkeit. Diese Heilsverkünder suggerieren, es gebe einen festen Weg, wenn man nur bestimmte Anleitungen befolge. Das ist Unsinn. Es gibt keinen Einheitsweg. Unter der Geburt muss jede Frau ihren eigenen Weg finden, ob im Wasser, auf dem Hocker, im Stehen oder im Querbett, und dieser Weg ist auch von Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit begleitet.

Entgegen diesen „Lösungsbringern“ interessiere ich mich im wissenschaftlichen Kontext für die Frage, warum eine Frau eine Alleingeburt plant. Welche Ängste und Befürchtungen dahinterstehen, das ist für meine Lehre und mich wesentlich.

Was bedeutet denn Selbstbestimmung unter der Geburt? Ist sie überhaupt möglich?

Kann es in dieser Ausnahmesituation, der Geburt, so etwas wie Selbstbestimmung geben? Meine Antwort lautet: nein. Weil sich das körperlich-leibliche Geschehen unter der Geburt nicht steuern lässt. Wenn eine Frau mit Mitte 20 oder 30 ihr erstes Kind bekommt, hat sie 20 Jahre gelernt, körper‑leibliche Impulse zu kontrollieren. Unter der Geburt soll sie auf einmal genau das Gegenteil tun, sich gehen lassen, den Kopf ausschalten, und das fällt vielen schwer. Sie müssen sich auf einen Prozess einlassen, der sich ihrer Kontrolle entzieht.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: In einem Geburtsvorbereitungskurs sagte eine Frau einmal, der Vierfüßlerstand sei für sie „absurd“, das würde sie nie machen. Wenige Wochen später gebar sie im Vierfüßlerstand ihr Kind.

Andere planen eine Wassergeburt, weil sie gern baden. Doch die Frage ist: Hält man im Wehenschmerz warmes Wasser überhaupt aus? Manche empfinden es bei drei Zentimetern Muttermund als angenehm, springen bei fünf Zentimetern entsetzt aus der Wanne und gehen bei vollständiger Öffnung wieder hinein. Entweder eine Frau lässt sich auf den Geburtsprozess ein oder sie versucht, ihn rational zu steuern. Letzteres funktioniert aus meiner Erfahrung nicht.

Welche strukturellen Probleme sehen Sie im Gesundheitssystem?

Es gibt zu wenig Personal, Zeit für Begleitung, Kliniken schließen, und diese Themen kehren ständig zurück. Die grundsätzliche Frage lautet: Bieten die Kliniken den Frauen oder Gebärenden das, was sie brauchen? Die Antwort ist: häufig nein.

Was benötigen Gebärende Ihrer Ansicht nach von diesem System?

Viele Menschen stößt ab, wie mit ihnen umgegangen wird. Viele Patientinnen wünschen sich etwas anderes. Gebärende Frauen müssen in erster Linie als Personen gesehen werden. Genau das geschieht immer seltener. Viele erleben, dass sie eine Nummer ziehen, ein Identifikationsarmband bekommen und von Personal aufgenommen werden, das nicht einmal den Blick hebt. Das sind entwürdigende Situationen. Was fehlt, ist Zeit für Begegnung. Wir investieren viel Geld in Technik und bildgebende Verfahren, aber kaum in Zeit für Gespräche, für das Aushalten von Ängsten und für ein echtes Verständnis der Person gegenüber.


Sabine Hartmann-Dörpinghaus ist Prodekanin im Fachbereich Gesundheitswesen und Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule in Köln. Sie leitet den additiven Studiengang Hebammenkunde und die Weiterbildung zur Praxisanleiterin im Hebammenwesen. Sie ist zudem berufserfahrene Hebamme.