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Interview

Kölner Mediziner
„Die Leber ist entscheidend dafür, ob der Mensch gesund alt wird“

5 min
Die Leber ist ein besonders regenerationsfähiges Organ.

Die Leber ist ein besonders regenerationsfähiges Organ.

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland hat eine Fettleber – oft unentdeckt. Professor Christoph Neumann-Haefelin erklärt, was hilft. 

Herr Neumann-Haefelin, viele Menschen gönnen ihrer Leber zum Jahresbeginn eine Pause vom Alkohol und machen beim „Dry January“ mit. Was bewirkt ein alkoholfreier Monat?

Ein solcher Monat entlastet die Leber deutlich, vor allem nach Wochen, in denen man übermäßig und mehr getrunken oder üppiger gegessen hat. Die Leber regeneriert sich schnell, solange noch keine schweren Schäden entstanden sind. Für viele Menschen ist dieser Monat eine gute Möglichkeit, den eigenen Alkoholkonsum zu reflektieren und zu merken, wie gut ihnen eine Pause tut.

Warum gilt Alkohol überhaupt als so gefährlich für die Leber – und was passiert im Körper, wenn wir trinken?

Alkohol schadet nicht nur der Leber, sondern dem gesamten Körper. Schon nach wenigen Wochen ohne Alkohol schläft man besser, fühlt sich wacher und ausgeglichener. Für die Leber ist Alkohol zum einen belastend, weil beim Abbau des Alkohols unter anderem Acetaldehyd entsteht, ein giftiges Zwischenprodukt, das Leberzellen angreift. Je mehr Alkohol man trinkt, desto mehr dieser Stoffe entstehen und desto größer ist der Schaden. Zum anderen enthält Alkohol viele Kalorien. Das führt zur Fetteinlagerung in der Leber, die wiederum entzündliche Prozesse fördert. Wenn Alkohol regelmäßig und in größeren Mengen konsumiert wird, kann daraus eine Entzündung entstehen, die im Laufe der Jahre zu Vernarbungen führt. Im Extremfall entwickelt sich eine Leberzirrhose.

In Köln wird gerade Karneval gefeiert, da gehört Kölsch oft dazu. Gibt es eine Menge Alkohol, die man als unbedenklich bezeichnen könnte?

Leider nein. Die frühere Empfehlung von ein bis zwei Drinks pro Tag gilt heute als überholt. Wir wissen inzwischen, dass selbst kleine Mengen Alkohol das Risiko für Leberschäden und auch für verschiedene Krebsarten erhöhen. Heute lautet die Empfehlung: möglichst wenig und am besten nur ein bis zwei Drinks pro Woche. Eine echte unbedenkliche Grenze gibt es nicht.

Christoph Neumann-Haefelin ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie an der Uniklinik Köln, wo er mit seinem Team Menschen mit Lebererkrankungen behandelt.

Christoph Neumann-Haefelin ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie an der Uniklinik Köln, wo er mit seinem Team Menschen mit Lebererkrankungen behandelt.

Spielt es eine Rolle, ob man Kölsch, Wein oder Schnaps trinkt?

Zwischen Bier und Wein gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Hochprozentige Getränke wirken jedoch aggressiver – auf die Leber, aber auch auf die Schleimhäute von Speiseröhre und Magen. Entscheidend ist aber letztlich die Menge des reinen Alkohols, nicht die Form.

Die Leber übernimmt mehr als 500 Funktionen und ist das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers. Wofür ist sie besonders wichtig?

Alles, was wir essen und trinken, gelangt zuerst in die Leber. Dort werden Nährstoffe verarbeitet, gespeichert oder umgebaut. Die Leber entgiftet den Körper, bildet wichtige Eiweiße für Blutfluss, Gerinnung und Immunsystem und sorgt dafür, dass Stoffe über Galle oder Niere ausgeschieden werden. Ohne eine funktionierende Leber kann der Körper viele grundlegende Aufgaben nicht erfüllen. Die Leber ist entscheidend dafür, ob man gesund alt wird.

Wie verbreitet ist die Fettleber heute – und warum ist sie so häufig?

Etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland hat eine Fettleber. Der häufigste Grund ist ein ungesunder Lebensstil: zu viele Kalorien, zu viel Zucker und zu wenig Bewegung. Alkohol spielt ebenfalls oft eine Rolle, häufig zusätzlich zur Ernährung. Die hohe Verbreitung zeigt, wie sehr moderne Lebensgewohnheiten die Leber belasten.

Drei anatomische Modelle des Menschen stehen nebeneinander. Im vorderen Model ist unten die Leber zu sehen.

Drei anatomische Modelle des Menschen stehen nebeneinander. Im vorderen Model ist unten die Leber zu sehen.

Weshalb bemerken viele Menschen eine erkrankte Leber lange nicht?

Weil die frühen Stadien völlig beschwerdefrei sind und weil Leberwerte bei Routineuntersuchungen nicht automatisch kontrolliert werden. Ein Ultraschall wird meist erst veranlasst, wenn es andere Hinweise gibt. Viele Menschen tragen daher jahrelang eine Fettleber mit sich herum, ohne es zu wissen.

Wozu kann eine Fettleber führen, wenn sie unbehandelt bleibt?

Zunächst lagert die Leber nur Fett ein. Bleibt die Ursache bestehen, kommt es zu einer Entzündung – oft erkennbar an erhöhten Leberwerten. Über viele Jahre entsteht daraus eine Vernarbung, die sogenannte Fibrose. Wird diese stark ausgeprägt, kommt es zur Zirrhose: Die Leber baut sich um, verliert an Funktion und es können Komplikationen auftreten wie Wasser im Bauch, gefährliche Blutungen oder neuropsychiatrische Probleme durch Giftstoffe im Blut. Außerdem steigt das Risiko für Leberkrebs deutlich.

Gibt es typische Merkmale, an denen man erkennen kann, dass man zur Risikogruppe gehört?

Menschen mit deutlich erhöhtem Körpergewicht und zusätzlichen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen haben ein hohes Risiko. Auch eine familiäre Häufung spielt eine Rolle. Diese Personen sollten die Leberwerte im Blut bestimmen lassen – die werden nicht automatisch mitgemessen, man muss sie beim Arzt ansprechen. Es gibt aber auch schlanke und sportliche Menschen, die eine Fettleber haben.

Mettbrötchen mit Zwiebeln sind bei Lebererkrankungen nicht mehr erlaubt.

Mettbrötchen mit Zwiebeln sind bei Lebererkrankungen nicht mehr erlaubt. (Symbolbild)

Welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll?

Gesetzlich Versicherte ab 35 haben Anspruch auf einen einmaligen Test auf Hepatitis B und C. Diese Infektionen verlaufen oft lange unbemerkt, können aber schwere Leberschäden verursachen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass Leberwerte grundsätzlich Teil der regelmäßigen Gesundheitschecks werden. Dadurch wären viele Erkrankungen früher erkennbar. Man sollte seinen Hausarzt deshalb darauf ansprechen, wenn man das Gefühl hat, zur Risikogruppe zu gehören.

Kann sich eine Fettleber vollständig zurückbilden?

Ja – und das sogar relativ schnell, wenn man früh genug gegensteuert. Wenn keine starke Vernarbung vorliegt, kann eine Fettleber innerhalb weniger Wochen bis Monate vollständig verschwinden. Die Leber ist eines der regenerationsfähigsten Organe des Körpers. Man kann sogar Teile entfernen und sie wächst wieder nach. Das kann so kein anderes Organ sein.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer täglichen Arbeit an der Kölner Uniklinik am häufigsten?

In der Klinik sehe ich vor allem Patientinnen und Patienten mit Lebererkrankungen, die teilweise schon weit fortgeschritten sind. Viele kommen wegen einer Fettleber mit deutlicher Entzündung oder wegen einer Zirrhose, manchmal auch mit Schwierigkeiten wie Wasseransammlungen oder Blutungen. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, diese Menschen zu stabilisieren, die Ursachen der Schädigung zu identifizieren und gemeinsam mit ihnen Wege zu finden, wie sich die Leber entlasten und regenerieren kann. Gleichzeitig betreuen wir auch Patientinnen und Patienten mit Virushepatitis oder anderen chronischen Lebererkrankungen. Früher endeten Lebererkrankungen tödlich. Mittlerweile gibt es zum Glück immer mehr Medikamente, die helfen.

Welche Patientengruppen nehmen in Ihrer Arbeit besonders zu?

In den letzten Jahren sehen wir deutlich mehr Menschen mit einem metabolisch bedingten Fettleber – auch mit einer Fettleber, die vor allem durch Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel entsteht. Diese Gruppe wächst stark, und das häufig schon in einem vergleichsweise jungen Alter. Auch immer mehr Kinder sind darunter. Viele der Betroffenen haben zusätzlich Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Neumann-Haefelin ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie an der Uniklinik Köln, wo er mit seinem Team Menschen mit Lebererkrankungen behandelt. In seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigte er sich damit, wie das Immunsystem Virusinfektionen und Tumoren in der Leber bekämpft. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Köln.

Am 27. Januar ist Prof. Dr. Christoph Neumann-Haefelin zu Gast bei einer Veranstaltung des Kölner Stadt-Anzeigers in der Workstage zu Gast und spricht darüber, was wir alle tun können für eine gesunde Leber. Dazu gibt es eine Verkostung von Zero de Cologne, der alkoholfreien Variante von Gin de Cologne. Der Abend wird moderiert von Claudia Lehnen, Chefreporterin des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Tickets für 14 Euro (zzgl. VVK) können Sie hier kaufen . Datum: 27. Januar 2026, Uhrzeit: 19.30 Uhr, Ort: Workstage Kölner Stadt-Anzeiger.