Monika Steinbach wollte in den Urlaub fahren. Stattdessen erfuhr sie, dass sie Lungenkrebs hat – ein Zufallsbefund, der ihr das Leben gerettet hat.
Neues ScreeningFrüher Lungenkrebs-Befund rettet Kölnerin das Leben

Monika Steinbach hatte Glück: Ihr Karzinom in der Lunge wurde zufällig rechtzeitig entdeckt. Ein Screening soll Krebs nun strukturiert frühzeitig erkennen.
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Monika Steinbach steckte mitten in den Weihnachtsvorbereitungen. Das Fest wollte sie mit ihrem Partner Gerhard Heine in St. Peter Ording verbringen. Ausgedehnte Spaziergänge am zwölf Kilometer langen Sandstrand, Wind, Leuchtturm, Pfahlbauten, vielleicht sogar ein paar Robben beobachten. Auch das neue Jahr 2026 wollte das Paar in Nordfriesland einläuten. Ein Besuch bei der Hausärztin am 18. Dezember zerstach die weihnachtliche Traumblase. Ein heller Fleck im Röntgenbild, Überweisung zur Lungenklinik, Termin am Montag. „Montag kann ich nicht, da fahren wir in den Urlaub“, hatte Monika Steinbach da noch gesagt. Bis ihr Partner Gerhard beherzt eingriff und sagte: „Moni, wir fahren nicht. Das muss sofort abgeklärt werden.“
Also Bronchoskopie statt Wellenrauschen. Viel Hin und Her. Am Ende steht eine Diagnose, die zu positiv ist für den Zusammenbruch, aber zu negativ, um in Jubel auszubrechen: Adenokarzinom am linken Lungenflügel, frühes Stadium. „Die durchschnittliche Überlebenschance in frühen Stadien der Erkrankung nach fünf Jahren liegt bei über 70 Prozent“, sagt Dr. Matthias Heldwein, Vorstand des Lungenkrebszentrums Köln Solingen (LuKS) und Leiter der onkologischen Thoraxchirurgie an der Uniklinik Köln, der Steinbach auch operiert hat. Ein bisschen Zuwarten und der Tumor wäre so groß geworden, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit auf unter 50 Prozent gesunken wäre. „Das geht super schnell runter“, sagt Heldwein. Für das verpasste Weihnachtsfest erhielt Steinbach also in gewisser Weise immerhin ein Weihnachtswunder. Denn ihr Befund war ein Zufall. Und nichts als Glück.
Lungenkarzinome sind für die meisten Krebstoten verantwortlich
Dabei ist ihr Fall kein Einzelschicksal, sondern symptomatisch für eine systemische Lücke in der Vorsorge: Lungenkarzinome sind für mehr Krebstote in Deutschland verantwortlich als jede andere Tumorart – und haben inzwischen auch bei Frauen den Brustkrebs überholt. Das Heimtückische: Die Erkrankung bleibt lange stumm. Beschwerden melden sich meist erst, wenn der Tumor so groß geworden ist, dass er die Atmung erschwert oder bereits Metastasen gestreut hat. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Operation oft nicht mehr möglich – es bleibt nur noch palliative Versorgung. Steinbachs Kurzatmigkeit, die sie seit zwei Jahren beim Treppensteigen und Tragen von Einkaufstaschen plagte, wies die Hausärztin zunächst einem Herzproblem zu. Ein genauerer Blick auf den Brustkorb offenbarte dann aber kurz vor Weihnachten den Schatten am linken unteren Lungenflügel. Zwei Zentimeter klein und wahrscheinlich gar nicht ursächlich für die Luftnot. Seine Entdeckung dennoch lebensrettend.
Nun soll ab April das Lungenscreening in Deutschland die Lungenkrebsvorsorge revolutionieren. Die Idee: Starke Raucherinnen und Raucher werden einmal im Jahr prophylaktisch per Computer-Tomografie auf verdächtige Veränderungen in der Lunge gescannt. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. Wucherungen könnten so rechtzeitig entdeckt werden, die Heilungschancen stiegen rapide. So wie bei Monika Steinbach. Nur eben strukturiert, ohne die Hoffnung auf den Zufall bemühen zu müssen.

Dr. Simon Lennartz ist Radiologe an der Uniklinik Köln. Bald scannt er die ersten Raucherinnen und Raucher prophylaktisch.
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Simon Lennartz, Leitender Oberarzt und Radiologe an der Uniklinik Köln, wiegt lächelnd den Kopf, wenn man ihn fragt, warum man dem Zufall nicht schon viel länger auf die Sprünge hilft. Schließlich ist so ein CT keine neue Erfindung. Und im Falle der Lungen-CT für den Patienten mit wenig Aufwand verbunden. „Kein Kontrastmittel, das allergische Reaktionen oder Missempfindungen auslösen könnte, keine Probleme mit Platzangst, weil es sich um keine Röhre, sondern lediglich um einen Ring handelt, durch den man wenige Sekunden hindurchgefahren wird“, sagt Lennartz. Der Grund für die Zögerlichkeit liegt im Grundsatz, dass möglicherweise gesunden Menschen kein Schaden zugefügt werden dürfe, und sei das Risiko auch noch so gering.
Wer unter bestimmten Symptomen leide, den könne man schon immer mittels CT auf ein Karzinom untersuchen. Ausschließlich zur Prävention liegen die Hürden für eine Strahlenexposition aber sehr hoch, sagt Lennartz: „Die Regeln sind sehr streng. Zwar arbeiten wir hier mit einer sogenannten Low-dose-Technik, also einer sehr niedrigen Strahlendosis von höchstens 1,3 Milligray. Dennoch muss auch ein sehr geringes Strahlenrisiko gerechtfertigt sein.“ Dazu käme die Gefahr der falsch positiven Befunde, schließlich würden manchmal auch harmlose Knötchen entdeckt, auf die eine Biopsie folge, die auch mit gewissen Verletzungsrisiken einherginge.
Neue Studienergebnisse haben laut Lennartz aber in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, bei starken Rauchern ein Karzinom im Frühstadium zu finden und so auch heilen zu können, das Risiko auf der anderen Seite überwiegt. Auf hundert Screenings kämen zwar 85 mit negativem oder gutartigem Befund, aber eben auch 15 mit Auffälligkeiten. „Am Ende ist es uns statistisch gesehen möglich, bei einem von rund 250 präventiv gescreenten Patienten die große Katastrophe eines Lungenkrebs-Todesfalles zu verhindern“, sagt Lennartz. Der Begriff „starker Raucher“ muss hier übrigens wörtlich verstanden werden: Untersucht werden darf, wer zwischen 50 und 75 Jahre alt ist, mindestens 25 Rauchjahre hinter sich hat und dabei mindestens 15 Packungsjahre, also über diesen Zeitraum eine Schachtel Zigaretten täglich geraucht hat. Wer die Kriterien nicht erfüllt, darf weiter nicht präventiv untersucht werden.

Dr. Matthias Heldwein operiert Lungenkarzinome, wenn diese noch keine Metastasen gebildet haben. So wie bei Monika Steinbach.
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Steinbach selbst wäre an den Kriterien gescheitert. Sie sitzt im Besprechungsraum des CIO in der Uniklinik Köln, ihr silbergraues Haar ist flott geföhnt, die Augen strahlen unter blauem Lidstrich. Wenn man sie fragt, ob sie sich nun das Rauchen abgewöhnen müsse, dann schüttelt sie resolut den Kopf. „Ich rauche gar nicht“ und schiebt etwas entschuldigend hinterher: „Zwei Jahre in meiner Jugend hab ich mal, das ist aber lange her.“ Als Nie-Raucherin gelte sie dadurch schon nicht mehr, sagt Heldwein. „Um diesen Status zu verlieren, reichen schon 100 Zigaretten im Leben, beispielsweise auf Partys“, sagt Heldwein. Aber auch das Passivrauchen etwa in der Kindheit oder später in Kneipen. Generell seien aber auch diejenigen, die tatsächlich nie Nikotin eingeatmet haben, vor dem Lungenkrebsrisiko nicht komplett gefeit. „Rauchen erhöht das Risiko enorm. Aber auch Umweltgifte können Lungenkrebs auslösen“, sagt Heldwein. Er hofft deshalb, dass sich die Screening-Technik noch verbessert, die Strahlenbelastung noch reduziert werden kann, damit der Test ähnlich wie die Mammografie irgendwann in einer bestimmten Altersspanne standardmäßig angeboten werden kann.
Bei Monika Steinbach scheint die große Katastrophe in jedem Fall abgewendet zu sein. Vor zwei Wochen wurde sie robotisch am Uniklinikum operiert. Geblieben sind ihr fünf kleine Löcher im Brustkorb, die gut verheilen. „Früher wurde Thoraxpatienten der halbe Brustkorb aufgeschnitten. Seit fünf Jahren operieren wir hier an der Uniklinik mit dem Da-Vinci-Roboter. Das bedeutet für den Patienten: Weniger Schmerzen, schnellere Heilung und durch die technischen Möglichkeiten eine genauere Diagnose“, sagt Matthias Heldwein. Beim Nachbesprechungstermin bei ihrem Lungenfacharzt am Klinikum Bethanien Solingen, seit 2015 wichtigster Bestandteil des zertifizierten Lungenkrebszentrums Köln Solingen (LuKS), erhielt Steinbach dann die Nachricht: Alles Bösartige ist ausgeräumt. Das bedeutet auch: Keine Chemo, keine Bestrahlung. „Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt sie lachend. Steinbach jedenfalls fühlt sich gut. Ein bisschen Übung ist freilich noch vonnöten, um die Atmungsleistung des fehlenden Lungenstücks zu kompensieren. Bald aber will sie wieder die Altstimme im Gospelchor singen. Und natürlich mit Gerhard an die Nordsee reisen. „Im Juni steht Büsum auf dem Programm.“ Diesmal sollen keine Sorgen in die Vorbereitungen platzen.
Lungenkrebs gehört zu den häufigsten und tödlichsten Krebserkrankungen. Ab April soll ein neues Lungenkrebs-Screening mit einer Niedrigdosis-Computertomographie (Low-Dose-CT, LDCT) helfen, Tumore bereits in einem frühen Stadium zu entdecken, in dem die Erkrankung heilbar ist.
Wer kommt für ein Screening in Frage? Alle Personen zwischen 50 und 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre lang rauchen oder geraucht haben (Rauchstopp nicht länger als 10 Jahre her) und hierdurch mindestens 15 Packungsjahre erreicht haben. Ein Packungsjahr entspricht hierbei dem Konsum von einer Packung Zigaretten pro Tag für ein Jahr. Nicht teilnehmen können Personen, die bereits wegen Lungenkrebs behandelt werden oder bei denen aktuell Symptome bestehen, die auf eine Krebserkrankung hinweisen.
Wie läuft das Screening ab? Die Anspruchsberechtigung wird beim Hausarzt, Internist oder Arbeitsmediziner ausgestellt. Anschließend gibt es eine Überweisung an einen Radiologen. Dort wird das Niedrigdosis-CT angefertigt. Ein Ergebnis (ohne Auffälligkeiten, kontrollbedürftig oder abklärungsbedürftig) kommt dann etwa zwei Wochen später. Im schlimmsten Fall muss eine Biopsie überprüfen, ob tatsächlich ein Karzinom vorliegt.
Wo kann ich das machen lassen? Angeboten wird das Screening in Köln vor allem in der Lungenklinik in Merheim und bei der Uniklinik Köln, aber auch in Radiologischen Praxen.
