Rauchen, wenig Bewegung, zu viel Essen, Mannsein - über die Risiken eines frühen Todes und wie man sie umgehen kann, sprach der Neurologe Dr. Magnus Heier.
Medizintalk„Hätte Helmut Schmidt nicht geraucht, würde er wohl heute noch in Talkshows sitzen“

Dr. Magnus Heier erklärt dem Publikum beim Medizintalk: „Wie werde ich 100 - und bleibe dabei fit?“
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Jeanne Calment wurde 122 Jahre alt. Jiroemon Kimura aus Japan brachte es auf 116. Und irgendwo in den bolivianischen Hochanden soll Carmelo Flores Laura sogar 124 Lenze gezählt haben – auf 4000 Metern Höhe, von Coca-Blättern und Kartoffeln lebend, ohne Medikamente. Solche Namen tauchen immer wieder auf, wenn es um das verführerische Versprechen des Uraltwerdens geht. Aber wie stellt man es am besten an? Beim Medizintalk des Kölner Stadt-Anzeiger gab Dr. Magnus Heier, Neurologe und Wissenschaftsjournalist, einen ebenso kenntnisreichen wie humorvollen Überblick über das, was die Forschung wirklich weiß – und was wir uns nur einbilden.
Zunächst eine schlechte Nachricht für die Hälfte des Publikums: Mann sein gilt als eigenständiger Risikofaktor für ein kürzeres Leben. Frauen leben im Schnitt länger – das zeigen Daten aus aller Welt. Doch ganz so einfach ist es nicht, wie beispielsweise eine Klosterstudie belegt: Mönche leben rund viereinhalb Jahre länger als andere Männer, während Nonnen keinen vergleichbaren Vorteil gegenüber anderen Frauen haben. „Das heißt nicht, dass Männer empfindlicher im Umgang mit Frauen sind“, betont Heier. Schließlich zeigen andere Daten, dass das Verheiratetsein wiederum den Männern mehr Lebensjahre beschert, während der Effekt bei den Ehefrauen kleiner ist. „Wir sehen daran eher, dass viele Faktoren eine Rolle spielen und es am Ende eine Mischung aus Genen und Verhalten ist, das uns alt werden oder früh sterben lässt.“
Geringe Bildung erhöht das Risiko eines frühen Todes
Was aber hängt wirklich mit langer Lebenserwartung zusammen? Armut und Reichtum spielen laut Heier jedenfalls eine Rolle: „Wer in einer Villa in Malibu lebt, hat statistisch mehr Jahre vor sich als derjenige, der sein Dasein unter einer Einflugschneise in London fristet.“ Doch überraschenderweise ist nicht das Geld der entscheidende Faktor, sondern die Bildung, die sich der Reiche häufig besser leisten kann. Denn Bildung, verändert das Verhalten. „Wer mehr weiß, raucht weniger, bewegt sich mehr, geht maßvoller mit dem eigenen Körper um“, sagt Heier. Hier könnte auch der Schlüssel zu einer statistisch geringeren Lebenserwartung von Männern liegen: „Es gibt statistisch zwar mehr männliche Genies, aber auch mehr männliche Deppen“, sagt Heier. Das erhöhe beispielsweise die Gefahr, zu viel Alkohol zu trinken, oder sich im Auto totzurasen. Rauchen bleibt dabei Risikofaktor Nummer eins – auch wenn Helmut Schmidt das mit fast 97 Lebensjahren und Zigarette im Mundwinkel zu widerlegen schien. „Die Antwort ist banalerweise: Hätte Helmut Schmidt nicht geraucht, würde er wahrscheinlich heute noch in Talkshows sitzen.“ Und dieser Satz ist laut Heier nur teilweise ein Scherz.

„Wer in einer Villa in Malibu lebt, hat statistisch mehr Jahre vor sich als derjenige, der sein Dasein unter einer Einflugschneise in London fristet.“ Dr. Magnus Heier im Gespräch mit Moderatorin Claudia Lehnen.
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Ein besonderer Schwerpunkt des Abends galt dem Darm – genauer: dem Mikrobiom, der Gemeinschaft von rund 100 Billionen Bakterien, die in uns leben. Dieses „neue Organ", wie Heier es nannte, wurde erst in jüngerer Zeit in seiner Bedeutung erkannt. Es ist individuell wie ein Fingerabdruck, wird bei der Geburt übertragen und verändert sich durch Ernährung, Antibiotika und das soziale Umfeld – nachweislich teilen Menschen, die zusammenleben, ähnliche Bakteriengemeinschaften. Tierversuche zeigen: Das Mikrobiom beeinflusst dabei auch das Körpergewicht und wer das wiederum unter Kontrolle habe, hat nachweislich die Chance auf ein längeres Leben. Ob Stuhltransplantationen beim Menschen künftig helfen können, ist laut Heier noch offen – aber ein vielversprechender Forschungsansatz.
Warum altern wir überhaupt? Die Antwort, erklärt Heier, liegt in den Telomeren, den Schutzkappen an unseren Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden. Das Altern ist, biologisch gesehen, vermutlich vor allem ein genetisch programmiertes Ende. Der Grönlandhai wird knapp 400 Jahre alt, die Islandmuschel über 500, und eine schwedische Fichte hält angeblich seit 9.550 Jahren durch.
Gute Idee: Weniger Essen
Dem Menschen bleibt immerhin, sein Verhalten anzupassen. Heier präsentierte einen pragmatischen Handlungskanon: Weniger essen: Kalorienreduktion und Fastenphasen verlängern bei Fadenwürmern das Leben um 50 Prozent, und auch beim Menschen mehren sich die Hinweise auf positive Effekte jenseits des bloßen Gewichtsverlustes. Dabei spiele die entscheidende Rolle nicht die Kostform, sondern die bloße Menge an Kalorien: „Wer mehr als 3000 Kalorien pro Tag zu sich nimmt, stirbt früher.“ Mehr bewegen: Sport stärkt nicht nur Herz und Knochen, sondern auch das Gehirn, das Immunsystem und die Blutgefäße. Saunagänge haben laut Heier ähnlich positive Effekte. Dabei gebe es eigentlich keine Altersgrenze. „Die Finnen sagen: Wer zur Sauna gehen kann, kann auch in die Sauna gehen. Daran würde ich mich halten.“ Nicht vereinsamen: die Epidemie der Einsamkeit ist längst ein medizinisches Problem. „Soziale Kontakte sind lebensverlängernd, Isolation raubt uns Lebensjahre.“
Eine besonders ermutigende Botschaft hatte Heier auch noch dabei: Eine Studie mit 1.546 Personen zwischen 21 und 100 Jahren zeigte, dass körperliche und kognitive Leistungen zwar mit dem Alter sinken – das psychische Wohlbefinden aber steigt. Auch Demenz, ergänzte Heier, ist zu 45 Prozent durch Lebensstilfaktoren beeinflussbar: Bildung, Bewegung, gutes Hörvermögen, ein gut eingestellter Blutdruck, der Verzicht auf Zigaretten.
