Abo

Positives DenkenWarum das Gehirn ein nerviger Mitbewohner ist

4 min
Unsere Aufmerksameit ist wie ein Schwarm Vögel.

Unsere Aufmerksameit ist wie ein Schwarm Vögel.

In der ersten Folge ihrer „Kölner Stadt-Anzeiger“-Kolumne „Hirn und Herz“ schreibt Neurowissenschaftlerin Dr. Laura Wünsch, warum wir nicht glauben sollten, was wir denken.

Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens zwischen unseren Ohren und wir wissen erstaunlich wenig über diesen Ort. Hier ein Beispiel: Unsere Aufmerksamkeit ist wie ein Schwarm Vögel. Mal setzen sie sich zu uns und wir nehmen bewusst wahr, was unser Gegenüber gerade erzählt, oder was wir gerade lesen, und manchmal fliegen sie davon. Wir denken an unser Abendessen, unser volles Postfach oder einen Menschen, der uns ärgert, während wir einen Artikel lesen. Plötzlich sind wir auf der nächsten Seite und wissen nicht, was wir gerade gelesen haben. Oder, wie bei Homer Simpson: Seine Frau schimpft mit ihm, er nickt sehr aufmerksam. Eine Innenaufnahme seines Gehirns zeigt jedoch, dass darin ein Affe wild herumtanzt und zwei Metallbecken gegeneinanderschlägt. Wissen Sie eigentlich wie oft Ihre Vögelchen wegfliegen und wie Sie sie bei sich behalten?

Wir Menschen haben unser Gehirn seit der Steinzeit nicht weiterentwickelt. Wir sind dazu gebaut, abgelenkt zu werden, um zu überleben. Ein Knacken oder ein Ton bedeutet für uns immer noch eine giftige Schlange aus dem Unterholz oder ein Feind eines anderen Stammes, der uns angreifen könnte. Daher bemerken wir Gefahren, oder alles potentiell Negative schneller und erinnern sie länger. Das ist der Grund, warum bis zu 75Prozent unserer Gedanken negativ sind. Auch hier ein schneller Selbsttest: Ein Freund oder eine Kollegin schreibt Ihnen „wir müssen reden“. Was ist Ihr erster Gedanke? Wahrscheinlich „was habe ich falsch gemacht?“ oder „ist irgendetwas Schlimmes passiert?“ Selten war dies der Fall und doch macht uns dieser Satz immer wieder nervös.

Menschen, die das Positive sehen, leben gesünder, sind kreativer und heilen schneller nach Schlaganfällen und Herzinfarkten
Dr. Laura Wünsch

Bleiben wir bei den Fakten. Wenn Sie das Privileg haben, diesen Artikel lesen zu können, dann würden mindestens eine Milliarde Menschen das Leben sofort mit Ihnen tauschen wollen. Heute leben Sie in Frieden, haben genug für sich und Ihre Familie zu essen, ein Dach über Ihrem Kopf, haben eine Schule besucht und jede zweite Bahn kommt pünktlich. Warum Sie sich daran nicht erinnern und mit anderen nicht darüber sprechen, was gut läuft in Ihrem Leben? Weil das nicht wichtig ist für Ihr Gehirn. Es ist gesund, sich daran zu erinnern und mit anderen darüber zu sprechen, denn unser Gehirn ist über den Vagusnerv mit unserem Körper verbunden und wenn wir Negativität und Dramen konsumieren, dann werden wir ängstlicher und verstimmter, was wiederum zu höheren Entzündungswerten in unserem Bauch führen kann.

Wussten Sie, dass bis zu 70 Prozent aller Erkrankungen selbstgemacht sind? Menschen, die das Positive sehen, leben gesünder, sind kreativer und heilen schneller nach Schlaganfällen und Herzinfarkten. Dabei geht es nicht darum, ignorant zu sein, sondern realistisch. Jeden Tag passieren uns mehr gute als schlechte Dinge. Der Vater, der das Kind auf den Schultern trägt, der Kollege, der uns anlächelt, das aufgebaute Straßenverkehrsnetz, der Baum, der Schatten spendet, die Menschen, die Obdachlosen eine Suppe ausschenken, der Büroarbeiter, der Geld spendet.

Es ist alles da, wir sehen es nur nicht. Ich glaube schon lange nicht mehr, was ich denke, denn mein Gehirn ist ein nerviger Mitbewohner, der überall Gefahren wittert. Er meint es gut, aber er ist nie in der modernen und sicheren Welt angekommen. Wenn uns die schlechten Nachrichten dieser Welt anspringen, dann können wir unsere Aufmerksamkeitsvögelchen fragen, was gerade auch noch alles wahr und gut ist. Schenken Sie sich und anderen somit nicht nur ein Lächeln, sondern auch Ruhe und Gesundheit.

P.S.: Wow! Sie haben es geschafft, diesen Artikel zu lesen und Ihre Vögelchen bei sich zu behalten.


Neurowissenschaftlerin und Kolumnistin Laura Wünsch

Neurowissenschaftlerin und Kolumnistin Laura Wünsch

Zur Person

Dr. Laura Wünsch ist Neurowissenschaftlerin, wurde als Top 10 der Mental Health Expertinnen ausgezeichnet, ehemalige Sozialarbeiterin und unterrichtet an der Universität Cambridge. Sie ist Keynote Speakerin und Trainerin. Ihr Buch heißt „Kopfsalat und Bauchgefühl“. In ihrer Kolumne schreibt sie darüber, wie unser Gehirn – das uns nach wie vor im Steinzeitmodus hält – unser Verhalten beeinflusst. Und sie gibt Tipps, wie wir trotz dieser physischen Voraussetzung zu mehr Wohlbefinden gelangen können.