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SchwangerschaftsverhütungNeue Pillen mit höherem Risiko

7 min

Susan Tabbach wäre fast an einer Lungenembolie gestorben.

Es ist erstaunlich, welch große Wirkung eine kleine Pille haben kann. Die Antibabypille schützt nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften. Als sie 1960 auf den deutschen Markt kam, revolutionierte sie auch die sexuelle Gleichberechtigung der Frau. Heute ist die Pille das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland, fast sieben Millionen Frauen nehmen sie täglich, meist vertragen sie sie gut. Dass sie trotzdem ein Medikament mit Risiken ist, zeigt sich jedoch immer wieder.

Als Susan Tabbach im Januar 2009 mit Atemnot in ein Krankenhaus eingeliefert wird, nehmen die Ärzte ihre Beschwerden zunächst nicht ernst. 29 Jahre, schlank, sportlich, Nichtraucherin. „Ich habe selbst nicht geglaubt, dass es etwas Ernstes sein könnte“, sagt die Architektin, heute 35. Tabbach war gerade aus dem Skiurlaub zurückgekehrt, wo sie Snowboard-Unterricht gegeben hatte. Sie fühlte sich fit, ging abends aufs Laufband. In der Nacht schreckte sie auf, weil sie um Luft ringen musste. Heute weiß sie: Das war der Moment, in dem das gelöste Blutgerinnsel in ihre Lunge gelangt war. Damals war ihr noch nicht klar, dass sie eine Lungenembolie hatte. Auch nicht, dass sie eine genetische Mutation am Blutgerinnungsfaktor V hat, das Faktor-V-Leiden, welches das Risiko von Thrombosen erhöht. Sie rief einen Rettungswagen. Doch die Ärzte im Krankenhaus schicken sie mit Verdacht auf Rückenschmerzen nach Hause. Dort geht es ihr immer schlechter. Sie fühlt sich schlapp, hat Schmerzen im Brustkorb. Zwei Tage später geht sie wieder ins Krankenhaus. Nur weil ihr Vater den behandelnden Arzt drängt, ein CT zu machen, willigt dieser ein. „Auf einmal gab es einen Riesenalarm“, so Susan Tabbach.

Folge: Lungenembolie

Weil Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen bei Tabbach ausgeschlossen werden können, ahnen die Ärzte, was die Lungenembolie ausgelöst haben könnte: Die Antibabypille. Die soll sie sofort absetzen. Zehn Jahre lang hatte Tabbach eine Pille der sogenannten zweiten Generation genommen – ein älteres Präparat – ohne dass sie jemals Schwierigkeiten damit gehabt hätte. Trotzdem war ihr nicht wohl gewesen bei dem Gedanken, ständig Hormone zu nehmen. Sie ging mit dem Wunsch nach einer nicht hormonellen Verhütungsmethode zum Frauenarzt. „Aber die Ärztin hat mir stattdessen eine andere Pille empfohlen.“ Ganz neu, niedriger dosiert und besser erforscht, so lautete das Versprechen. Kein Hinweis auf eine höhere Thrombosegefahr. Susan Tabbach ließ sich „Yasminelle“ verschreiben. Zwei Jahre lang nahm sie die Pillen. Bis zur Lungenembolie.

Neue Pillen, mehr Thrombose

„Auch Ärzte glauben oft, dass neue Medikamente automatisch besser sind“, sagt Pharma-Experte Gerd Glaeske. Tatsächlich aber sei bei der Pille das Gegenteil der Fall: „Die Pillen der dritten Generation, also mit anderen Gestagenen wie Desogestrel und Gestoden, zeigen ein bis zu doppelt so hohes Risiko für die Entwicklung von Thrombosen wie die Pillen der zweiten Generation.“ Dass sie trotzdem entwickelt und verschrieben werden, liege daran, dass neue Arzneimittel noch Patentschutz haben und deshalb höhere Preise auf dem Markt erzielen. Gestagene sind wie die Östrogene weibliche Geschlechtshormone. Je nach Gestagengehalt unterscheidet man bei der Pille vier verschiedene Generationen. Die Pillen der dritten und vierten Generation werden mit kosmetischen Eigenschaften beworben. Einigen Packungen liegen sogar Schminkspiegel bei. Denn während die Pillen der ersten und zweiten Generation oft mit Gewichtszunahme und Akne einhergingen, versprechen die Neuen schönere Haut und glänzendes Haar.

Probleme mit Gestagenen

Bei älteren Antibabypillen der zweiten Generation mit dem Gestagen Levonorgestrel entwickeln etwa 20 von 100000 Frauen pro Anwendungsjahr dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) zufolge eine Thrombose. Bei ihnen gilt: Je höher der Östrogengehalt, desto höher die Thrombosegefahr. In den laut Bfarm oft verschriebenen neueren Pillen der dritten und vierten Generation ist weniger Östrogen enthalten. Trotzdem entwickeln unter ihnen etwa 40 von 100000 Frauen pro Jahr eine Thrombose. Als Ursache vermutet man die neuen Gestagene wie Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon, wenn sie in Verbindung mit Östrogen verabreicht werden. „Für viele Gestagene liegen noch nicht genügend Daten vor“, so Thomas Römer, Chefarzt der Gynäkologie im Evangelischen Krankenhaus Köln-Weyertal. „Die kann man erst erheben, wenn die Pillen schon auf dem Markt sind.“ In Frankreich übernehmen die Krankenkassen die Kosten für diese Präperate nicht mehr. In Norwegen und Dänemark warnen die Gesundheitsbehörden vor ihnen.

Als Trägerin des Faktor-V-Leidens ist Susan Tabbach ein Sonderfall. Allerdings kein seltener: Fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung tragen diesen genetischen Defekt in sich. Ob eine Frau, die sich die Pille verschreiben lassen möchte, betroffen ist, wird nicht generell untersucht. Die Krankenkassen zahlen ein Screening nur, wenn bei der Patientin oder in ihrer Familie schon Fälle von Thrombose bekannt sind. Dann sei ein Screening ratsam, sagt Thomas Römer. „Pillen verschreiben ist eben nicht nur in die Kiste greifen. Wenn eine Patientin ein Thromboserisiko hat, muss der Arzt eine Pille der ersten oder zweiten Generation verschreiben, oder besser sogar eine östrogenfreie Pille.“ Es liegt also in der Verantwortung der Frauenärzte, richtig über die Thrombose-Gefahr aufzuklären. Bei Susan Tabbach ist das nicht geschehen.

Selbsthilfegruppe „Risiko Pille“

Sicher: „Das Risiko, dass eine Frau unter der Pille eine Thrombose bekommt, ist sehr, sehr gering“, sagt Thomas Römer. Statistisch gesehen gelten Betroffene wie Susan Tabbach als Einzelfälle. Tabbach selbst sieht das nicht so: „Es hat viel mehr Frauen getroffen, als immer angenommen wird. Nur: Es liegt bei den Frauen selbst, ihren Fall zu melden.“ Deshalb hat sie mit anderen Betroffenen die Selbsthilfegruppe „Risiko Pille“ gegründet. Auf ihrer Homepage rufen Tabbach und ihre Mitstreiterinnen Frauen mit dem gleichen Schicksal dazu auf, ihren Fall zu offenbaren. Rund 200 Berichte sind dort nachzulesen. Viele der Betroffenen leiden wie Susan Tabbach am Faktor-V-Leiden. Bei anderen kam es auch ohne Blutgerinnungsstörung zu Thrombosen. Der erste Erfahrungsbericht auf der Homepage ist ein prominenter: Die Schweizerin Céline erlitt vor fünf Jahren im Alter von 16 eine Lungenembolie, vier Wochen nachdem sie die Pille „Yasmin“ verschrieben bekommen hatte. Seitdem ist sie schwerbehindert. Ihre Mutter hat den Bericht geschrieben, denn Céline kann heute weder schreiben noch sprechen, laufen oder essen. Die Familie verklagte den Hersteller Bayer auf Schadenersatz und Genugtuung, jedoch ohne Erfolg. Bayer habe auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen, außerdem sei auch der Arzt in der Pflicht, die Patientin über Risiken aufzuklären, entschied das Gericht. In den USA hatte Bayer zuvor in außergerichtlichen Vergleichen rund eine Milliarde Euro an tausende Frauen gezahlt, die eine erlittene Thrombose oder Embolie mit den Pillen Yasmin oder Yaz in Verbindung gebracht und deshalb geklagt hatten.

Raucherinnen sollten keine Pille nehmen

Gerd Glaeske rät nicht generell von der Pille ab: „Die Verhütung mit der Pille gehört zu den sichersten Methoden, sie ist bei der Auswahl der richtigen Mittel auch zumeist sehr verträglich.“ Raucherinnen, die in jedem Fall ein erhöhtes Thromboserisiko haben, sollten andere Verhütungsmethoden vorziehen. Warum Drospirenonhaltige Pillen wie die Yasminelle noch erlaubt sind, ist für Glaeske jedoch „unverständlich“. Schließlich zeigten die vorliegenden Daten die erhöhten Risiken. Offiziell sind dem Bfarm 28 Todesfälle in Deutschland bekannt, die im Verdacht stehen, mit dem Wirkstoff Drospirenon in Zusammenhang zu stehen. Das Institut weist auf die Gefahren hin, zuletzt in einem „Rote Hand Brief“, in dem Ärzte über Risiken aufgeklärt werden. Es rät Gynäkologen, Pillen der neueren Generationen nur zu verschreiben, wenn ältere Präparate nicht vertragen werden. Gerd Glaeske ist das noch nicht genug: „Es sollte angesichts dieser Beweislage aktiver werden. Ich würde die Frauenärzte dazu aufrufen, solche Pillen nicht mehr zu verordnen“, sagt Glaeske. Gynäkologe Thomas Römer sieht das etwas anders: „Man brauchte Pillen, die gegen das prämenstruelle Syndrom helfen und für einen stabilen Zyklus sorgen.“ Er rät Frauen, sich über alle Methoden zu informieren und den Arzt über mögliche Risikofaktoren aufzuklären. Da Frauen heute im Schnitt viel später Kinder bekommen als früher, seien auch Langzeitverhütungsmittel wie die Spirale sinnvoll. „Verteufeln sollte man die Pille aber nicht, sie ist schon eine Errungenschaft.“

Nachwirkungen der Lungenembolie

Susan Tabbach leidet noch heute unter den Nachwirkungen der Lungenembolie: Zwei kleine Schlaganfälle folgten dem Zusammenbruch, belastbar wie früher ist sie nicht. Dass sie vor vier Monaten Mutter eines Mädchens geworden ist, ist für sie ein besonderes Glück: Denn die Gefahr, noch einmal eine Thrombose zu erleiden, ist für die Betroffenen gerade in der Schwangerschaft noch höher.

Die Selbsthilfegruppe „Risiko Pille“ im Internet:

www.risiko-pille.de