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WintergesundheitAbhärtung wirkt über Wiederholung, nicht über einzelne Heldentaten

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Ein Freizeitsportler joggt durch eine leicht verschneite Winterlandschaft.

Auch bei Kälte sollte man möglichst täglich zu einer Runde Bewegung nach draußen. 

Den Verlockungen des Dreiklangs der Gemütlichkeit - Sofa, Ofen, Wärmflasche - sollte man auch im Winter immer mal wieder widerstehen und die Herausforderung in der Abhärtung suchen. Warum, weiß der Kölner Sportmediziner Hans-Georg Predel.

Die Fußball spielenden Kinder tragen weiße Hauben auf ihren schwarzen Mützen. Ab und zu bröckelt ein Schneestück herunter und macht sich lawinenmäßig auf Richtung Schultern. Bei jedem Sprint zum Tor, bei jedem rüden Zweikampf hört man, wie ein dick eingepacktes Elternteil vom Spielfeldrand scharf und besorgt die Luft zwischen den Zähnen einsaugt. Als das letzte Spiel abgepfiffen wird, sind die Leibchen vom Hinfallen zwar nass, aber verletzt hat sich niemand. Und wer die apfelbäckigen Kinder ansieht, der wechselt das Mitleidgefühl auch unverzüglich gegen fast ein wenig Neid aus: So viel Lachen leuchtet aus den eiskalten Gesichtern.

Wer in diesen Tagen des Winters draußen ist und dort vielleicht sogar bei widrigen Bedingungen Sport treibt, der härtet sich ab, das weiß sogar der Volksmund. Grund genug, dem Dreiklang der Gemütlichkeit aus Sofa, Ofen und Wärmflasche allen Verlockungen zum Trotz den Rücken zu kehren und sich aus der Komfortzone herauszuwagen. Der Sportmediziner Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln hat ein paar fundiertere Argumente parat. Wer sich im Winter aus der Komfortzone herauswagt, dessen „Körper lernt, Temperatur, Durchblutung und Stressreaktionen effizienter zu regulieren“, sagt Professor Predel dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dabei haben die erstmal unangenehmen Reize Auswirkungen auf viele körperliche Prozesse: „Blutgefäße reagieren schneller, das vegetative Nervensystem wird trainiert und Entzündungsprozesse können gedämpft werden.“

Kältereize fördern Aktivität der Immunzellen

Der Ertrag kann in einer niedrigeren Infektanfälligkeit bestehen, moderate Kältereize beispielsweise fördern laut Studien die Aktivität bestimmter Immunzellen, was dem Sportmediziner zu Folge Infekte „subjektiv seltener oder milder“ verlaufen lässt. Wichtig sei aber auch zu wissen, dass eine kalte Dusche kein medizinisches Wundermittel sei: „Abhärtung ersetzt keine Impfung, kann aber die Infektanfälligkeit reduzieren.“

Sportmediziner Hans-Georg Predel

Hans-Georg Predel rät Anfängern erst einmal zu zehn bis zwanzig Sekunden kaltem Wasser am Ende einer warmen Dusche.

Wer unter chronischen Schmerzen leidet, könne mit abhärtendem Training gegensteuern, auch wenn das keine gezielte Schmerztherapie ersetze. „Kältereize können schmerzlindernde Botenstoffe aktivieren und die Schmerzwahrnehmung beeinflussen“, weiß Predel. Das funktioniere etwa bei Rücken- und Spannungsschmerzen. Auch der Blutdruck profitiert, wenn wir auch bei kalten Temperaturen möglichst täglich das Haus verlassen und joggen oder spazieren gehen. „Langfristig verbessert sich die Gefäßelastizität. Regelmäßige Abhärtung kann den Kreislauf deshalb stabilisieren – vorausgesetzt, sie erfolgt langsam steigend und angepasst.“

Aber nicht nur der Körper verbucht am Ende ein Plus, wenn man die Dusche mal ganz zum blauen Anschlag dreht, auch die Psyche freut sich – zumindest hinterher, wenn man schon wieder im warmen Bademantel steckt. Den Zusammenhang erklärt Predel mit einer verbesserten Stressregulation. „Wer lernt, kontrolliert mit unangenehmen Reizen umzugehen, entwickelt oft mehr Gelassenheit, Selbstwirksamkeit und Stressresistenz.“

Abhärtung verhilft zu einem resilienteren Umgang mit Belastungen

Das hilft am Ende übrigens nicht nur uns selbst, sondern auch der Gesellschaft als Ganzes. Denn: „Ein sehr komfortorientierter Lebensstil reduziert die Bereitschaft – und auch Fähigkeit - zu körperlichen und auch mentalen Anstrengungen.“ Abhärtung kann uns also auch als Gesellschaft zu einem resilienteren Umgang mit Belastungen verhelfen.

Die gute Nachricht für all diejenigen, die jetzt noch bei Tee mit dem Rücken zur warmen Heizung sitzen: Lange durchhalten muss niemand. Predel sagt, das Ziel sei nicht, sich zu quälen, die Herausforderung sollte lieber täglich in kleinen Dosen verabreicht werden. Wichtig sei die Regelmäßigkeit, nicht das Extreme. „Abhärtung wirkt über Wiederholung, nicht über einzelne Heldentaten.“

Um die bemützten, Fußball spielenden Kinder draußen müsse man sich laut Predel übrigens keine Sorgen machen. „Kinder profitieren besonders von frischer Luft und Bewegung – solange sie sich bewegen, trocken bleiben und Freude haben.“


Tipps zum Abhärten für Anfänger:

  1. Unter der Dusche am Ende zehn bis 20 Sekunden den Hahn auf kalt stellen
  2. Kneippgänge, also barfuß in kaltem Wasser auf der Stelle treten, die Gliedmaßen anschließend durch Bewegung wieder erwärmen
  3. Einen Winterspaziergang unternehmen oder auch mal bei Kälte oder Regen joggen – eines von beidem möglichst regelmäßig, am besten täglich
  4. Saunagänge oder Kälteanwendungen wie Kältekammer oder Eisabreibung oder Eisbad
  5. Auf kühlem Untergrund gern auch kurz mal barfuß laufen

Auf diese Warnsignale sollte man achten:

  1. Schwindel, Brustschmerzen, Atemnot
  2. anhaltendes Frieren ohne Wiedererwärmung
  3. Herzrhythmusstörungen
  4. Infektzeichen trotz Training
  5. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Gefäßerkrankungen sollten vorher ärztlichen Rat einholen.