„In Sachen Liebe“ – unsere neue KolumneWas die Liebe mit uns macht

Lesezeit 6 Minuten

Was gibt es Schöneres und Wichtigeres im Leben als die Liebe? Wie wir sie finden, pflegen und sie uns erhalten; was geschieht, wenn sie vergeht oder wir sie verlieren – darum geht es in unserer neuen Kolumne „In Sachen Liebe“. Expertinnen und Experten ganz unterschiedlicher Profession geben Tipps für ein gelingendes Liebesleben. Sex gehört natürlich dazu. Aber auch Kinder, Familie, Freunde. Alles, was Paaren begegnet; alles, was ihre Beziehung bereichern, aber auch belasten kann.

Mit Damaris Sander und Peter Wehr haben wir zwei erfahrene Psychologen gewinnen können. Beide sind versiert in der Beratung rund um Liebe, Beziehung und Partnerschaft. Volker Wittkamp, Facharzt für Urologie und Erfolgsautor, kennt sich mit allem aus, was Liebe mit unserem Körper macht – und umgekehrt. Annette Frier bringt die Kunst ein, die eine gute Schauspielerin auszeichnet: in jemand anderes Haut zu schlüpfen und dessen Sache zur eigenen zu machen – mal humorvoll und heiter, mal ernst oder traurig, aber immer menschlich.

Leseraufruf

Jede Woche beantwortet einer aus unserem „In Sachen Liebe“-Team Ihre Fragen. Schreiben Sie uns, was Sie in der Liebe bewegt; was Ihnen schwerfällt; Wo Sie sich einen guten Rat wünschen!

Ihre Zuschriften unterliegen dem Redaktionsgeheimnis und werden von uns in anonymisierter Form zur Beantwortung weitergegeben. 

Schicken Sie Ihre Frage an:  in-sachen-liebe@dumont.de

Frau Sander, Herr Wehr, ein Beziehungsratgeber in Kolumnenform – geht das überhaupt seriös?

Damaris Sander Eine Kolumne ist keine Therapie, das ist klar. Aber sie kann Denkanstöße geben. Und ich bin überzeugt, dass auch konkrete Antworten auf eine konkrete Beziehungsfrage in Brieflänge möglich sind.

Peter Wehr Natürlich bleiben bei einer kurzen Frage Leerstellen offen. Die füllt jeder Leser auf seine Weise. Wir versuchen, uns professionell in die Situation einzufühlen. Die Leser tragen dann ihre persönlichen Erfahrungen ein – nach dem Motto, „ah ja, das kenne ich doch auch“. So kann die Frage des Einzelnen zu einer Frage für viele werden. Beziehungen gehen uns schließlich alle an.

Sander Was bei der Lektüre immer passieren wird, ist die Aktivierung eigener Erfahrungen. Die laufen sozusagen als Hintergrundfilm ab. Insofern berühren Fragen und Probleme anderer tatsächlich immer auch das eigene Leben. Das macht es ja so spannend und reizvoll. Die Leser können sagen: „Was andere beschäftigt, das trifft mich nicht in der gleichen existenziellen Wucht. Und doch betrifft es mich.“

Wehr Jeder kann sich aus der Kolumne das herausziehen, was gerade zu seiner Lebenssituation passt. Das schafft einerseits eine gewisse, beruhigende Distanz: „Da geht’s ja nicht um mich. Aber es werden Probleme berührt, die vielleicht doch mit mir und meiner Partnerschaft zu tun haben.“ Andererseits tut es dem eigenen Einfühlungsvermögen gut, sich mit Fragen zu beschäftigen, die andere an ihre Beziehung stellen. Und dann auch zu schauen, welche Antworten unsere Kolumnen geben.

Sander Am Ende kann es ja auch ganz schön sein, als Leser erfreut festzustellen: „Also, dieses Problem habe ich nun gerade nicht.“

Manchmal gehen die Begriffe Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut ziemlich durcheinander. Können Sie das mal entwirren?

Wehr Wir beide haben Psychologie studiert. Das ist unser Grundberuf. Zusätzlich haben wir eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten mit folgender Approbation und Kassenzulassung in einem anerkannten Therapieverfahren absolviert. Beim Psychiater ist es anders: Der hat Medizin studiert und sich dann auf das Fachgebiet Psychiatrie spezialisiert. Er beschäftigt sich in erster Linie mit der körperlichen Diagnostik und Behandlung psychisch erkrankter Menschen. Es gibt auch ärztliche Psychotherapeuten. Die haben nach dem Medizinstudium ebenfalls eine psychotherapeutische Zusatzqualifikation erworben.

Sander Zwei unterschiedliche Stämme mit gleicher Baumkrone, wenn Sie so wollen.

Wer krank ist, geht zum Psychiater. Wer ein Problem hat, zu Ihnen?

Wehr Nein! Psychotherapeuten behandeln Menschen mit einer Symptomatik „von Krankheitswert“. Das heißt, es muss eine Diagnose vorliegen und ein Behandlungsantrag bei der Krankenkasse gestellt werden. Es ist deswegen falsch und polemisch, zu behaupten: Wer zum Psychotherapeuten geht, der „hat ja eigentlich gar nichts“. Das erste, was wir tun, wenn ein Klient in unsere Praxen kommt, ist die Klärung der Frage: Liegt eine psychische Störung vor, die als Erkrankung einzustufen ist? Paarberatungen oder Coachings sind davon zu unterscheiden. Die bieten wir auch an. Aber das ist keine Leistung, die von Krankenkassen bezahlt wird. Nicht jeder, der Beratungsbedarf hat, braucht eine Therapie.

Sander Warten wir mal, was die Leser von uns wissen wollen! Ich denke, es wird um Fragen und Probleme gehen, wie sie in jeder Beziehung vorkommen können.

Wehr Ja, darauf bin ich auch gespannt. Ich hoffe, wir können die Leser dazu anregen, über ihre Beziehungen nachzudenken und mit ihren Partnern darüber zu sprechen.

Manchmal ist despektierlich zu hören, heutzutage rennen die Leute wegen jedem Seelen-Wehwehchen und Herzschmerz gleich zum Therapeuten. Ist da was dran?

Sander In Berichten oder Filmen aus den USA klingt es manchmal wie ein Statussymbol, „seinen Therapeuten“ zu haben. In Deutschland ist das nicht so. Ich erlebe das Thema Psychotherapie nach wie vor für viele Menschen als schambesetzt.

Wehr Aber das nimmt ab, zum Glück. Es gibt heute eine größere Offenheit, zu sagen, dass man sich für ein bestimmtes Problem therapeutische Hilfe holt. Dafür gibt es dann nicht selten auch Anerkennung durch die eigene Umgebung.

Stellen Sie in Ihrer Praxis aktuell bestimmte besondere Problemlagen fest, mit denen Sie früher nicht so sehr zu tun hatten?

Sander Die Aufweichung festgelegter Geschlechterrollen ist heute ein viel wichtigeres Thema als früher. Auch die psychosexuelle Identität ist nicht mehr so klar. Da tut sich derzeit sehr viel.

Psychosexuelle Identität? Was meinen Sie damit?

Sander Die Menschen stellen ihre geschlechtliche Identität anders in Frage als früher: Bin ich Mann? Bin ich Frau? Oder was sonst? Was heißt es für mich, Mann oder Frau zu sein? Da geht es natürlich um die sexuelle Orientierung und die Partnerwahl. Aber es geht auch um das eigene seelische Befinden, um Rollenbilder und den Umgang mit ihnen. „Ich bin halt hetero und fertig“ – so einfach ist es für viele heute nicht mehr. Menschen leben bisexuell. Homosexuelle Paare stellen sich die Frage: heiraten, ja oder nein?

Wehr Auch die Beschleunigung der Arbeitswelt mit all ihren Verunsicherungen schlägt auf das Beziehungsleben durch – mit all den Ansprüchen, Berufliches und Privates unter einen Hut zu kriegen. Der eigentlich positive Abschied von festgelegten Rollenmustern führt im Alltag zu vielerlei Verwirrung und damit auch zu Belastungen für die Paare.

Sander Das ist völlig normal, wenn an Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alten Modellen gerüttelt wird. Aber es braucht Beziehungsarbeit und eben auch gute Begleitung.

Wehr Zudem prägt das Thema Emanzipation die Partnerschaften sehr deutlich. Frauen haben lange für ihre Gleichberechtigung gekämpft. Auf dem Papier ist vieles erreicht. Aber bis das auch die Seelenlandschaften verändert, ist es ein mindestens so langwieriger Prozess.

Was haben Sie als Gesprächspartner einem guten Freund, einer guten Freundin voraus?

Wehr Zunächst einmal zehn Jahre Fachausbildung, würde ich sagen. Eine Behandlung ist mehr als Zuhören. Gute Freunde können stabilisierend und unterstützend wirken, sie sollten aber eine professionelle Therapie nicht ersetzen.

Sander Freunde mit Verständnis und Empathie sind zweifellos eine ganz wichtige Ressource. Aber das stößt an Grenzen, weil es in der Freundschaft kein unbeteiligtes Gegenüber gibt. Ein professioneller Grundsatz therapeutischer Arbeit lautet ja, dass wir privat mit den Klienten nichts zu tun, also auch keine eigenen Interessen in der Beziehung zu den Klienten haben.

Wehr Vielleicht auch ein Vorteil für unsere Kolumne.

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