Warum ist ein Tischtuch weiß, was ziemt sich beim Niesen und isst man Spaghetti mit Gabel und Löffel? Adrian Grandt ist einer von bundesweit 200 Knigge-Trainern. Er weiß, was heute gutes Benehmen ausmacht – und warum das bei Jüngeren wieder in ist.
Knigge-Trainer erklärt moderne TischmanierenVom Niesen bis zu Spaghetti-Regeln

Adrian Grandt ist bundesweit einer von 200 Knigge-Trainern und Vorstandsmitglied der Deutschen Knigge-Gesellschaft. RND
Copyright: Patan/RND (Montage), Foto: Daniel Junker
Jemand niest, ein anderer sagt „Gesundheit“. So haben es viele von uns gelernt. „Das ist unnötig“, sagt Adrian Grandt. „Man lenkt damit die Aufmerksamkeit noch zusätzlich auf die andere Person.“ Zwar habe sich die Handlung im Alltag etabliert. „Knigge sagt aber: Man soll sich nie in den Vordergrund stellen.“ Durch den Ausspruch profiliere man sich hingegen selbst. Die einfache Lösung in so einem Fall: „Wenn jemand niest, sagt man einfach gar nichts.“
Grandt muss es wissen. Er ist nicht nur Direktor des Pflegeheims Victor‘s Residenz in Laatzen bei Hannover, sondern auch Vorstandsmitglied der Deutschen Knigge-Gesellschaft, die Empfehlungen auf Fragen zum Zeitgeist von Stil und Etikette formuliert. Der 51-Jährige ist einer von rund 200 zertifizierten Knigge-Trainern in Deutschland. Er bietet kostenlose Benimmkurse für Menschen jeden Alters an.
Anleitung zum korrekten Verhalten
„Gerade bei jungen Leuten sind Etikette-Kurse wieder in“, sagt Grandt. „Viele finden es toll, wenn sie wissen, wie man sich zu benehmen hat.“ Manche seien im würde- und respektvollen Umgang miteinander wenig erfahren – sie hätten aber großes Interesse daran. „Man hat die steife Etikette, die es früher einmal gab, abgelegt. Das Thema ist seit 60 Jahren aus den Schulen verschwunden. Dadurch gibt es heute aber einen riesigen Bedarf an der Schulung der elementaren Dinge.“
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Der Begriff „Etikette“ sei wörtlich zu nehmen – wie beim Etikett in der Kleidung. „Man möchte seine Kleidung ja nicht gleich beim ersten Waschgang durch eine falsche Behandlung wieder zerstören.“ Etikette sei eine Anleitung zum korrekten Verhalten. Wer sich nicht daran hält, könne Beziehungen zunichtemachen – oder ein Geschäft. „Es gibt im Leben zig Gelegenheiten, in denen ich mich blamieren kann. Dann ist das Geschäft dahin.“
Bei den Knigge-Kursen bekommen die Teilnehmenden Tipps, wie sie anderen Wertschätzung entgegenbringen können. Grandt nennt mehrere Beispiele: „Man legt eine Papierserviette nach dem Essen nicht auf den Teller. Das zeugt nicht von Respekt gegenüber dem Spüler, der das in der Küche alles wieder auseinandernehmen muss.“
Gerade beim Essen gebe es viele Dinge zu beachten. „Das fängt schon beim Brot an“, sagt Grandt. „Es gibt Menschen, die sich im Restaurant eine Stulle schmieren, so wie ein Brot für die Schule.“ So sollte es aber nicht gemacht werden. „Man bricht das Brot in mundgerechte Stücke und bestreicht es dann mit Butter.“ Auch die Worte „Guten Appetit“ seien fehl am Platze. „Das sagt nur der Kellner“, so Grandt. „Wir gehen nicht essen, weil wir Appetit haben, sondern um das Essen zu genießen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen.“
Ein aktuelles Thema sei der Umgang mit dem Mobiltelefon. „Das Handy gehört nicht auf den Tisch.“ Es bleibe unsichtbar, am besten werde es ausgeschaltet. „Wir treffen uns, um Gespräche zu führen. Das Mobiltelefon lenkt davon ab.“ Es gebe aber Ausnahmen. „Fehlverhalten ist in Ordnung, wenn es angekündigt wird“, so Grandt. „Wenn ich einen wichtigen Anruf erwarte, sage ich das vorher.“
Regeln sind oft anlassbezogen
Oft seien die Regeln anlassbezogen. „In der Oper sagen viele ganz freundlich ‚Guten Abend‘ und ‚Entschuldigung‘, wenn sie zu ihrem Sitzplatz möchten. Trotzdem zeigen sie denen, die bereits sitzen, ihren Hintern.“ Richtig sei es, ihnen das Gesicht zuzuwenden. „In der Kirche ist es genau umgekehrt. Da schaue ich in Richtung Altar. Das ist der feine Unterschied.“
Entstanden seien die Benimmregeln am französischen Hof in Versailles und in der katholischen Kirche. „Jede Regel ist zu erklären und meist mit einer Symbolik verbunden.“ Grandt nennt die weiße Tischdecke als Beispiel. „Ein weißes Tuch bezeichnet eine Friedensabsicht.“ Dieses Zeichen sei von Restaurants übernommen worden. „Das weiße Tischtuch ist ein Symbol des Willkommens und der Gastfreundschaft, aber auch der Hygiene.“ Zudem stehe Weiß für Luxus, Freude und Eleganz.
Selbstvorstellung, Kleidung, Small Talk
Die bei den Kursen vermittelten Regeln beziehen sich auf den westeuropäischen Raum. „In anderen Ländern gibt es andere Regeln“, betont Grandt. So sei das Schlürfen in manchen asiatischen Ländern ein Zeichen des Wohlwollens, „bei uns ist es sehr unhöflich“.
Bei den Etikette-Kursen behandelt Grandt unterschiedliche Schwerpunkte – von der Vorstellung der eigenen Person über Restaurantbesuche, Kleidung und Small Talk („Nicht über das Wetter, das wäre sehr langweilig“) bis zum Umgang mit schwierigen Speisen. „Spaghetti werden nur mit der Gabel gegessen“, nennt Grandt ein Beispiel. „Viele Menschen glauben, dass der Löffel ihnen irgendeinen Vorteil bringt. Das tut er aber nicht. Man rollt die Spaghetti auf dem Teller, man darf aber natürlich nicht zu viele nehmen.“
Warum sich Menschen „Gesundheit“ beim Niesen wünschen, weiß Grandt ebenfalls: „Der Ursprung kommt aus der Zeit der Pest“, sagt der Knigge-Trainer. „Man hatte damals panische Angst, sich mit der Pest oder anderen Krankheiten anzustecken. Wenn jemand hustete oder niesen musste, sagte man innerlich das Stoßgebet ‚Herr, schenke mir Gesundheit‘.“ Grandt vergleicht das mit der Situation während der Corona-Pandemie. „Auch da wollte man sich nicht anstecken lassen und bloß nicht krank werden.“ Die heutige Nutzung beruhe auf einem Übertragungsfehler der Kommunikation.
Dieser Artikel erschien zuerst in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ – Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.
