Was wollen wir wirklich? Ist es der Wunsch nach der Zigarette oder der Entschluss, gesund zu leben? Welcher der beiden Wünsche ist Ausdruck unseres wahren Selbst? Die spontane Laune oder die durchdachte Absicht? Schwer zu sagen, welcher Wille uns selbst abbildet. Oft wird behauptet, der authentische Wille müsse spontan sein. Aber ist das, was wir ohne nachzudenken wollen, tatsächlich Ausdruck wahrer Freiheit? Ein Wille, über den wir keine Kontrolle haben? Das würde bedeuten, dass wir nicht frei wären, zu wollen, was wir wollen. Unser Leben wäre ein unkontrollierbares Naturereignis.
Kaum verwunderlich, dass jeder namhafte Philosoph zu dieser Frage einen Kommentar auf Lager hatte. Schließlich ist das Problem der Willensfreiheit keine Lappalie. Unsere Wünsche sind die Schlüssel zu einer glücklichen Existenz. In der Antike herrschte diesbezüglich große Zuversicht: Platon und Aristoteles waren überzeugt, dass der vernünftige Wille zwangsläufig zu einem guten Leben führe. Die Vernunft, so ihre optimistische Prognose, könne immer nur das Gute wählen. So betrachtet würde unser Raucher, der wider besseren Wissens handelt, an einer Krankheit des Geistes leiden, „Willensschwäche“ genannt.
Seit der Neuzeit gehen die Meinungen über den Willen auseinander. Skeptiker traten auf den Plan. Thomas Hobbes (1588-1679) etwa dachte mechanistisch. Für ihn waren Menschen wie willenlose Marionetten im Theater der kausalgesetzlichen Welt. Den freien Willen hielt er für philosophischen Firlefanz. Auch der lebenskluge David Hume (1711-1776) warnte davor, die Vernunft zu überschätzen. Er sah in ihr die Sklavin der Begierden. Nicht der Verstand sollte den Willen leiten, sondern die Regeln der Gesellschaft. Arthur Schopenhauer (1788-1860) schließlich trieb die Vernunftskepsis auf die Spitze und erklärte brüsk, die Welt sei nichts anderes als das Spielfeld des blinden Willens. Damit war das Tor zur Moderne aufgestoßen. Wenn der Wille blind ist, dann sucht er sich ohne Vernunft immer neue Ziele, die er hemmungslos verfolgt, bis er sie erreicht hat.
Harry G. Frankfurt: „Freiheit und Selbstbestimmung. Ausgewählte Texte“, Akademie Verlag
Arthur Schopenhauer: „Über die Freiheit des menschlichen Willens“, Diogenes, 11,90 Euro
Diese Skepsis trat im 20. Jahrhundert ihren Siegeszug an. Der freie Wille wurde zum Treppenwitz der Philosophiegeschichte. Es fehlte nur noch der zwingende Beweis dafür. Es war der amerikanische Psychologe Benjamin Libet (1916-2007), dem dies gelang. Er zeigte, dass Probanden, die sich zwischen zwei Tasten entscheiden mussten, eine der beiden drücken, noch bevor sie eine bewusste Entscheidung treffen. Das „Bereitschaftspotenzial“ in unserem Gehirn schert sich nicht die Bohne um die Idee des freien Willens.
Man mag das drehen und wenden wie man will: Bevor wir entscheiden, was wir wollen, hat das Gehirn bereits die Entscheidung für uns getroffen. Ein anonymer Apparat formt unseren Willen – kein freies Ich auf weiter Flur. Damit schien der Mythos von der freien Individualität vom Tisch. Das deterministische Weltbild zerlegte den Menschenwillen endgültig. Heikel daran ist nur, dass die gesamte Kultur, vor allem unser Rechtssystem, auf der Idee der persönlichen Verantwortlichkeit beruhen. Kann ein Täter behaupten, die kriminelle Entscheidung habe nicht er selbst getroffen, sondern das anonyme System in ihm? Wenn wir diese Konsequenz der Libet-Experimente zulassen, verlieren wir mehr als nur ein philosophisches Steckenpferd. Denn wie soll man jemanden für eine Tat zur Rechenschaft ziehen, wenn er gar nicht anders konnte als genau so zu handeln? Libet zufolge tun wir nicht das, was wir eigentlich wollen, sondern wir wollen das, was wir tun.
In dieser Situation tritt der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt auf den Plan. Er schlägt vor, mit Hilfe einer einfachen Überlegung die Idee der Verantwortlichkeit zu retten. Frankfurt bezweifelt nicht, dass wir – ebenso wie Streichhölzer und Wasserfälle und Galaxien – den Gesetzen der Physik folgen. Unsere Welt ist tatsächlich die Spielwiese anonymer Ursachen und Wirkungen. Zu behaupten, wir könnten aus diesem Gefängnis ausbrechen, wäre in etwa so seriös, als würde man erklären, man könne allein mit der Kraft seines Geistes Gegenstände schweben lassen.
Der Philosoph aus Pennsylvania hat aber eine originelle Idee. Er fragte sich, ob wir nicht am meisten über unseren Willen lernen, wenn wir Süchtige betrachten. Süchtige gelten par excellence als unfrei. Sie sind abhängig vom Konsum der Droge. Sein Plan ist, anhand der totalen Unfreiheit eine neue Idee von Freiheit zu buchstabieren. Dazu unterscheidet er drei Figuren: Den „triebhaft Süchtigen“, der seinem Wunsch, die Droge zu nehmen, bedenkenlos folgt. Er ist gewissermaßen apathisch. Er ähnelt einem Kind oder Tier. Dieser Süchtige ist unfrei und nicht verantwortlich für sein Tun. Pointiert ausgedrückt: Ihm fehlt die Freiheit, das zu wollen, was er wollen möchte. Im Gegensatz dazu steht der „willentlich Süchtige“, der mit ganzem Herzen die Droge konsumiert. Er ist voll verantwortlich für sein Tun.
Zuletzt definiert Frankfurt den „Süchtigen wider Willen“: Er verspürt den körperlichen Wunsch, die Droge zu konsumieren. Also ist er unfrei. Doch lehnt er sich innerlich dagegen auf und leistet seinem Verlangen nur widerwillig Folge. Dieser Süchtige ist interessant, weil er der Debatte um den Willen eine realistische Note verleiht. Schließlich erfahren wir täglich den Widerspruch zwischen unseren Wünschen und einer Welt, die wir nicht ändern können. Dieser Zwiespalt aber ist durchaus produktiv.
Frankfurts Lösung klingt einfach: Der Süchtige wider Willen demonstriert, dass wir unsere Wünsche beurteilen und auf dieser Grundlage einen neuen, höherstufigen Willen entwickeln können. Durch diesen Selbstwiderspruch geschieht etwas Verblüffendes: Während der Raucher den Wunsch nach einer Zigarette verspürt, bezieht sich sein Wille nicht länger auf die Zigarette selbst, sondern auf den Wunsch danach. Das ist ein feiner Unterschied, denn dadurch erlangt er eine neue Freiheit. Er entfernt sich von der tatsächlichen Situation und richtet seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Droge, sondern auf seinen Wunsch nach ihr. Dadurch wird sein erster Wunsch zum Thema. Es ist diese Umorientierung, die ihm einen Freiraum verschafft, der ihm fehlte, solange er nur auf die Zigarette bedacht war.
Frankfurts Theorie erlaubt uns eine neue Sicht auf diese Dinge: Auch wenn wir nicht kontrollieren können, was wir begehren, so können wir doch unsere Wünsche bewerten. Wir haben zwar keinen Einfluss auf unser Verlangen, wie der Süchtige wider Willen. Aber wir können uns selbst erziehen, indem wir die Bedeutung der kausalen Welt aufheben. Eine Einsicht, die man zu unterschiedlichen Zeiten und in vielen Kulturen wiederfindet: Indem wir unsere Aufmerksamkeit neu justieren, entziehen wir unseren Wünschen ihre scheinbare Dringlichkeit.
Es gibt also eine gute und eine schlechte Nachricht: Wir haben das, was wir uns wünschen, nicht in der Hand. Wir sind wie Süchtige, die immer wieder gegen ihre Sucht ankämpfen. Doch bleibt uns der beherzte Entschluss, unsere unerwünschten Wünsche zu bändigen. Zugegeben: Das ist eine mühsame Freiheit. Andererseits hat niemand behauptet, die Freiheit unseres Willens fliege uns einfach zu.
