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BrauchtumDer geklaute Maibaum

4 min

Wer klaut schon Maibäume? Abgesehen von den Junggesellenvereinen, die versuchen, sich gegenseitig den Maibaum vom Marktplatz zu stehlen doch keiner. Oder? Falsch! Als ich vom Tanz in den Mai zurückkam, war ich schon in freudiger Erwartung, gleich mein Maibäumchen zu bewundern.

Nachdem ich nach Hause kam und keinen grünen Liebesbeweis gesehen hatte, fragten mich meine Eltern, wie ich besagten Baum finden würde. Ich war ziemlich irritiert und so langsam kam mir eine schlimme Befürchtung in den Sinn... Als dann mein Vater vor‘s Haus ging und entsetzt sagte, dass er geklaut worden sei, hatten sich jene bestätigt. Selbstverständlich haben wir nach dem Baum gesucht: Zunächst in der Nacht mit dem Auto (was sich jedoch im Nachhinein als wenig produktiv erwies), dann man nächsten Morgen zu Fuß. Schon am Ende meiner Straße wurde ich fündig: Ein weißes Bändchen von meinem Baum! Es gab nur ein kleines Problem: Die „Spur“ endete ausgerechnet an einer Kreuzung. Folglich ging ich weiter in meiner Nachbarschaft auf die Suche.

Als ich nach etwa einer Stunde ohne jeden Hinweis bereits den Rückweg nach Hause antrat, sah ich ihn: Eine Straße von unserem Haus entfernt stand vor einem Mehrfamilienhaus - mein Baum! In freudiger Erwartung bahnte ich mir einen Weg zu meinem wiedergefundenen Geschenk, als mir etwas Erschreckendes auffiel: Auf dem Herzen, auf dem zuvor in weißer Schrift „Miriam“ gestanden hatte, waren nun nur noch Umrisse zu erkennen. Stattdessen stand da mit schwarzem Filzstift „Melanie“ auf MEINEM Herzen. Einige Sekunden wägte ich die Optionen des weiteren Verlaufs meines persönlichen Maikrimis ab: entweder den Baum einfach zurück klauen – aufgrund seines Gewichts eher semi-optimal – oder nach Hause gehen und meine Eltern informieren, so dass alle Verantwortung eine Entscheidung betreffend auf diese abgewälzt wurde. Selbstverständlich habe ich mich logisch und konstruktiv für letzteres entschieden. So ging ich folglich erst mal nach Hause. Dort schnappte ich mir meine Mutter und fuhr mit ihr zum Tatort.

Da hinter „Melanie“ (überraschenderweise) kein Nachname stand, klingelten wir uns erst einmal wahllos durch, bis schließlich ein Mann öffnete. Auf die Frage, wo in seinem Haus eine Melanie wohnt, antwortete er: gar keine. Diese Antwort löste in mir mehr Verwirrung aus, als alles, was vorher passiert war. Glücklicherweise antworte meine Mutter geistesgegenwärtig wie eh und je, dass wir den Baum nun mitnähmen und in der Nachbarschaft wohnten, falls von der unbekannten und obendrein illegalen Neubesitzerin Protest kommen sollte. Unter kritischer Beobachtung zweier Fußgänger machten wir uns mitsamt dem Baum wieder auf den Weg nach Hause. Nur eine halbe Stunde später klingelte es schließlich an der Tür: Melanie! Und ihre Mutter, die das Gespräch gleich damit begann, dass wir ihrer Tochter dem Baum gestohlen hätten. Ich versuchte, den beiden mithilfe des Herzens (Beweis Nummer 1) und eines Fotos von meinem Hab und Gut (Handy sei dank: Beweis Nummer 2) klarzumachen, dass der Freund ihres Töchterchens MIR den Baum gestohlen hatte, nicht andersherum. Einige diskussionsreiche Minuten später mischte sich mein Vater ein, indem er darauf hinwies, dass es sich schlicht um Diebstahl handele, welchen man im Zweifelsfall sogar anzeigen könne.

Ich weiß nicht, ob es meine überzeugenden Beweise oder doch der Verweis auf die Polizei war, aber Melanie und ihre Mutter zeigten plötzlich Einsicht und entschuldigten sich. Aus Angst, dass das Mädchen oder dessen Freund am Ende aber doch nicht mit dem Ausgang der Geschichte zufrieden waren und gerne den Baum zurück hätten, habe ich mein zurückgewonnenes Eigentum auf meinen Balkon gestellt. Kleiner Nebeneffekt: Von dort aus gibt es einen guten Blick auf das Haus, in dem meine Nebenbuhlerin wohnt. Oder nicht wohnt? Wie auch immer, folglich ist davon auszugehen, dass sie meinen Baum immer wieder sehen kann. Ein bisschen tut sie mir ja auch leid, aber ich hoffe, es war ihr eine Lehre: Mit Jungen, die einem romantisch einen Maibaum stehlen, möchte ich persönlich lieber nichts zu tun haben.

Für mich bleibt das größte Mysterium der Maikrimi-Geschichte jedoch jener Mann, der aussagte, dass in seinem Haus keine Verdächtige besagten Namens wohnen würde. Was hat ihn dazu veranlasst? War es Verwirrung? Angst? Besteht eine Chance, dass er das hier liest? Falls dem so sein sollte, dann bitte ich Sie, sich zu melden und mir Klarheit zu verschaffen... Mit freundlichen Grüßen, Miriam - nicht Melanie!