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EURO 2012Die Spucke klebt für immer

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DANZIG/CHARKOW - Rudi Völler bereist gerade das winterliche Südamerika. Bayer Leverkusens Sportdirektor sucht neue Spieler für seinen Klub. Die kommen meist aus Südamerika oder aus Osteuropa. Einen Niederländer hat Völler noch nie geholt. Dabei hätte der es nicht weit bis nach Leverkusen. Nein, sagt Völler, das habe nichts mit Antipathie zu tun: „Die guten Holländer sind einfach zu teuer für uns.“

Es ist wie ein Gesetz: Wenn Deutschland gegen die Niederlande spielt, wird Völler dazu gefragt. Er ist 52 jetzt, sein Haar ist längst weiß statt blond wie 1990 im WM-Achtelfinale. Doch an Tagen wie diesem Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF) gehen die alten Bilder noch mal um die Welt. Dann ist es, als würde Frank Rijkaards Spucke immer noch in seinen Locken kleben. Für alle außer Völler. „Es ist doch schlappe 22 Jahre her“, sagt er. Er meint: Hört doch auf damit, ist erledigt. „Der Platzverweis war viel schlimmer für mich als das Spucken. Ich hab nie verstanden, warum ich Rot gesehen habe. Das war ein Tiefschlag, das war bitter.“ 1996 hat sich Rijkaard in einem öffentlichen Brief entschuldigt und sich mit Völler getroffen. „Noch heute merke ich, wenn ich ihn treffe, wie unangenehm ihm die Sache ist“, sagt Völler.

Sieben Duelle zwischen den beiden Ländern hat es bisher bei Endrunden gegeben. Die Nacht von Mailand mit Völler war der vorläufige Endpunkt der auf dem Platz offen ausgetragenen deutsch-niederländischen Fußball-Feindschaft.

Ihre Wurzeln hatte sie im Zweiten Weltkrieg mit der Besetzung durch die Deutschen. Ausbrechen konnte sie auf dem Platz erst 1974. Bis dahin ist die niederländische Mannschaft nach dem Krieg kein Faktor im Weltklassefußball. In den 70er Jahren ändert sich das: die Ajax-Schule, „Voetbal totaal“, das Genie von Johan Cruyff. Die „Elftal“ hat sich 1974 zum ersten Mal für eine WM-Endrunde qualifiziert. Das Finale in München beherrschen die Spieler von Rinus Michels. Aber die Deutschen gewinnen.

In den Niederlanden wird das als erneute Demütigung empfunden. Der Verteidiger Wim van Hanegem boykottiert das Abschluss-Bankett: „Der Hass war immer da. Er hat Hintergründe, die jeder kennt und die nicht noch nicht vergangen sind.“ Van Hanegem hat im Zweiten Weltkrieg seinen Vater und drei Geschwister verloren. Andere aber tauschten in der Kabine die Trikots – damals auf dem Platz noch verboten – und reichen sich die Hand. Franz Beckenbauer und Cruyff verbindet ein freundschaftliches Verhältnis.

1978 in Argentinien begegnen sich die Nachbarländer in der zweiten Finalrunde. Die Partie endet 2:2 – schon fast das Aus für den Titelverteidiger mit Trainer Helmut Schön. Die Boulevardmedien haben das Konflikt-Thema angeheizt. In der Gluthitze von Cordoba geht es heftig zur Sache. „Es ist traurig, dass sie den Fußball als Ventil für ihren Hass wegen des Zweiten Weltkriegs benutzen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge.

Auch 1980 bei der EM in Italien flammt das Thema auf: „Vor dem Spiel wusste ich, dass es schlimm werden würde. Die hassen uns so viel mehr, als wir sie hassen“, sagt Karlheinz Förster damals. Die DFB-Auswahl siegt in einer ruppigen Partie durch drei Allofs-Tore 3:2. Die Niederländer scheiden nach der Vorrunde aus, die Deutschen holen den Titel.

Zum Skandal wird das Duell bei der EM 1988 in Deutschland. In Hamburg werfen die Niederlande das Team von Franz Beckenbauer mit 2:1 im Halbfinale aus dem Turnier. Ronald Koeman wischt sich mit dem Trikot von Olaf Thon den Hintern ab. Marco van Basten, der Siegtorschütze, spricht von „widerwärtigen Deutschen“. In München, dem Ort der Niederlage von 1974, werden sie Europameister. Der Konflikt eskaliert. Beim WM-Qualifikationsspiel 1989 in Rotterdam kommt es zu schweren Ausschreitungen. Im Stadion prangt ein Transparent, das Lothar Matthäus als Hitler zeigt.

Erst nach dem WM-Spiel 1990, in dem Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme den 2:1-Sieg herausschießen, beruhigt sich die Lage langsam. Bei der EM 1992 in Schweden ist die Spuckattacke nur kurz ein Thema. Für die Niederländer wichtiger: Sie bezwingen Weltmeister Deutschland ohne die verletzten Matthäus und Völler in der Gruppenphase mit 3:1, ehe sie im Halbfinale am späteren Champion Dänemark scheitern. 2000 bekommt Matthäus für sein 144. Länderspiel in Amsterdam Blumen überreicht – ein Zeichen von Tauwetter.

Die bisher letzte Turnierbegegnung erlebt Völler als Teamchef. Sein Team ist 2004 in Portugal Außenseiter und trotzt dem Favoriten ein 1:1 ab. Die letzte Schlacht des „dreißigjährigen Kriegs“ (Weltwoche) ist das Spiel nicht mehr.

Das ernsthaft Feindselige ist verschwunden. Das Geschäft führt die Spieler viel häufiger als Kollegen bei den Klubs zusammen, die Trainer arbeiten grenzüberschreitend. Aber speziell wird diese Nachbarschaft immer bleiben, sagt Marc van Bommel, Kapitän der Elftal: „Freundschaftsspiele gibt es zwischen Deutschland und uns gar nicht.“