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Leben in Bergisch GladbachFlüchtlinge zwischen Krieg und Karneval

8 min

Jak Hassan

Bergisch Gladbach – Ein Stück runter die Jakobstraße, dort steht 109 b, die Nummer mit Farbe an eines der in einer Reihe stehenden grauen Häuser in einem kleinen Hinterhof geschrieben. Es ist das Haus, in dem Jak mit seiner Familie in einer kleinen Wohnung lebt.

Jak, ein hagerer Typ, zwar lässig im Gang, aber mit einem Gesichtsausdruck, der verrät, dass er sich unbehaglich fühlt, geht voraus, grüßt ein paar Nachbarn in einer mir unverständlichen Sprache und steuert auf sein Zimmer zu. Dort angekommen, plärrt einem der Fernseher entgegen und etwas zwitschert zwischen den Vorhängen. „Ein Vogel“, wie Jak erklärt, bei näherem Hinsehen eine kleine Meise.

In gebrochenem Deutsch liefert er die passende Geschichte: „Die habe ich aus dem Regen gerettet. Sie konnte nicht mehr fliegen, da habe ich sie aufgenommen.“ Den perfekten Käfig hat Jak von einem Freund bekommen. Stolz zeigt er, dass die Meise trotz des geöffneten Fensters nicht wegfliegt, sondern bei ihm bleibt. „Sie lebt jetzt hier und will nicht mehr weg.“

Jaks Miene, die sich beim Gespräch über seinen Vogel erhellt hat, verdunkelt sich, sobald die Frage nach seiner Flucht und den Gründen für sie aufkommt. „Man kann sich ja denken, warum ich hier bin“, sagt Jak knapp. Das Wort „Krieg“ kommt ihm nicht über die Lippen, steht aber dennoch im Raum. Jak erzählt, dass er nun seit anderthalb Jahren in Deutschland lebt. Er berichtet, dass sein Bruder Jano und er nachgekommen waren, als seine Familie und Nachbarn bereits in Deutschland lebten. Sie rieten ihm nachzukommen, also fragte Jak: „Was kann ich machen, wie kann ich hinkommen?“ . Und eine lange Reise quer durch Europa begann.

„Ich war in der Türkei, in Griechenland, in Italien, und – ahh, mir fällt der Name nicht ein!“, stockt er. „Frankreich vielleicht?“ „Ja, ja, Frankreich, zehn Stunden, aber nur zehn Stunden da“, sagt er.

In Deutschland überkam Jak ein regelrechter Kulturschock. „Man versteht nichts, alle reden wild durcheinander“, erklärt er. Besonders faszinierend findet Jak aber die Politik und das Strafrecht in Deutschland. Er gibt ein Beispiel: „ Wenn ich jetzt einen Mann schlagen würde, bekäme ich eine einfache Strafe. In Syrien würde mich bei diesem Delikt direkt eine Gefängnisstrafe erwarten.“

„Deutsche lieben keine Ausländer“

Ob es ihm in Bergisch Gladbach gefällt, kann Jak nicht genau sagen. „Halb, halb“, sagt er schulterzuckend. Ein Leben in Sicherheit ist es für den 21-Jährigen dennoch nicht. „ Ich bin heute hier, morgen kann mich die Polizei zurückschicken.“ Von sich aus, erzählt Jak nicht viel. Generell hapert es mit dem Verständnis und er muss öfter über seine Antworten nachdenken, bevor er spricht.

Zurzeit besucht Jak das Berufskolleg in Bergisch Gladbach und lernt Deutsch. Davor hatte er ein Jahr bei der Awo gearbeitet. „Holz-Technik“, sagt Jak. Dort erlebte Jak auch seinen ersten Karneval. Als was er sich verkleidet hat, kann er nicht mehr sagen. „Wenn man sich im Gesicht anmalt“, versuchte er sein Kostüm zu erklären. „Warst du Clown?“ „Ja, Clown, so heißt das wohl“, nickt er.

Unvermittelt platzt Jak beim Thema Awo heraus: „ Ich habe da Sasha kennengelernt. Er hat mit mir Deutsch gelernt.“ Und er erzählt, dass hierzulande alles so anders ist als bei ihm zu Hause. Als Beispiel sagt er zu seiner schulischen oder beruflichen Laufbahn in Syrien Jak Folgendes: „In Syrien macht man keine Ausbildung. Man ist heute hier, morgen da.“ Außerdem hat er auf der Schule sechs Jahre lang Arabisch gelernt: „Lesen kann ich’s nicht, aber sprechen“. Hier in Deutschland hat Jak viele Freunde. „Fünfzig“, sagt er stolz. Fügt aber traurig hinzu: „Leider alle männlich“. Jak wünscht sich unbedingt eine Freundin, doch er scheint kein Glück in der Liebe zu haben. „Ich habe schon öfter an der Berufsschule Mädchen angesprochen, sich mal mit mir zu treffen.“ Die Abfuhren, die er kassieren musste, verleiten ihn zu der Ansicht: „Deutsche lieben keine Ausländer“. Kopf hoch, Jak! Für jeden Topf gibt es den passenden Deckel!

Auf die Frage, was er in seiner Freizeit macht, sagt Jak ein Wort: „Q1“ und lächelt milde. Mit seinen Freunden trifft er sich gerne dort, um Kicker, Billard und freies Wi-Fi zu nutzen. Die Erfahrung, dass ihm gegenüber jemand mal feindselig war, kennt Jak auch: „Ein Mal“, weiter möchte er das nicht ausführen. Abschließend sagt Jak: „ Ich komme hier zurecht. Aber wenn der Krieg vorbei ist, will ich zurückkehren nach Syrien.“

Sandra Matelot, 17 Jahre alt, Tochter von zwei Flüchtlingen aus Togo.

Kurzzeitig in der Martin-Luther-King-Straße in Bergisch Gladbach Hand zwischen all den ähnlich aussehenden gelben und blauen Wohnblöcken verirrt, schreitet ein hübsches Mädchen mit wilden Rastalocken und dunklem Teint aus ihrer Wohnung heraus direkt auf die orientierungslose Autorin zu, streckt die Hand aus und sagt grinsend in perfektem Deutsch: „Hallo, ich bin die Sandra! Du willst doch sicher zu mir?!“ Das ist dann gerade noch mal gut gegangen.

In der Wohnung wird man von einem riesigen Tumult empfangen: Babygebrabbel und Geschrei laute Stimmen und lebhafte Diskussionen. Das alles in einer Mélange aus Deutsch und einer afrikanischen Sprache. „Ewé“, wie Sandra später erklärt. Diese Sprache spricht man vorwiegend in Togo, wo Sandras Eltern herstammen. Ansonsten spricht Familie Matelot aber viel Deutsch und Sandras Mutter redet mit dem erst zehn Monate alten Baby Stella Französisch.

Für das Protokoll sagt Sandra aber erst mal: „ Eigentlich ist Sandra nur mein Zweitname. Mit vollem Namen heiße ich Akossiwa Sandra Matelot“. Soviel dazu. Weiter im Gespräch stellt sich heraus, dass Sandra so gesehen eigentlich gar kein Flüchtling ist. Sie ist anerkannte deutsche Staatsbürgerin, genau wie ihre drei Schwestern und ihr Bruder. „Meine Mutter und mein Vater sind vor 19 Jahren aus Togo geflüchtet. Meine Schwester Linda war erst ein Jahr alt. Ich bin aber in Deutschland groß geworden.“ Über die Gründe für die Flucht spricht Sandra ganz offen: „ Es gab viele Unruhen. Außerdem wollte mein Vater eine bessere Zukunft und ein Leben mit Perspektive.“ Seine Tochter und seine nachfolgenden Kinder sollten in den Genuss von Bildung kommen. Auch wenn Sandra schon öfter in Togo war, ist sie in Deutschland heimisch: „Natürlich! In Afrika leben zwar all meine Verwandten, aber hier bin ich zu Hause.“

Wegen ihrer dunklen Hautfarbe und der extravaganten Haare wird Sandra häufig auf ihre Herkunft angesprochen. „ Klar! Mit solchen Situationen werde ich ständig konfrontiert, ob im Bus eine neugierige Oma oder in der Schule, wenn man neu in einer Klasse ist, die Mitschüler.“ Die Frage „Woher kommst du?“ ist Alltag für sie. Bisher hatte Sandra einmal ein feindseliges Erlebnis. Offen und herzlich wie sie ist, hält sie auch mit der Info nicht lange hinterm Berg: „ Es war einmal, als ich aus dem DM gekommen bin. Da hat mir eine Frau, sie war- glaub ich- angetrunken, Parolen wie „geh in dein Land zurück! „zugerufen.“ Aber Sandra lässt das ganz kalt. Selbstbewusst sagt sie: „Das braucht einen gar nicht zu interessieren“. Passend zu Sandras Temperament erzählt sie, dass sie vier Jahre lang Karate trainiert hat. Wenn es mal hart auf hart kommen sollte kann sie sich also bestes zu Wehr setzen.

Auch wenn es Sandra nicht direkt betrifft, sagt sie in puncto aktueller Flüchtlingsthematik: „ Ja klar, man fühlt sich damit angesprochen“. Allerdings sieht sie das Ganze unter zwei Gesichtspunkten: einem menschlichen und einem politischen. „Man versteht die Leute und weiß, wie sie sich fühlen und dass sie auch nur überleben wollen. Nur ist die Frage, wie lange Deutschland das durchhält, immer mehr Flüchtlinge aufzunehmen.“ Sandra zieht die Stirn kraus „ Schließlich haben wir auch eigene Probleme, die gelöst werden müssen“. Weiter sagt sie kritisch: „Deutschland verliert sich“.

„Ich muss brandneue News als Erste erfahren.“

Bei dem Gespräch über die Flüchtlinge merkt man, dass Sandra eine Affinität zu politischen Themen hegt. Wenig später erzählt sie, dass sie sehr politisch interessiert ist und auch ihren Berufsweg danach ausrichten möchte. „ Zurzeit gehe ich noch auf das Berufskolleg in Bergisch Gladbach und werde dort mein Fachabitur im Sozial-und Gesundheitswesen absolvieren“. Das reicht der ambitionierten Afrodeutschen aber noch längst nicht. „Danach möchte ich auch noch die allgemeine Hochschulreife erreichen!“

Beruflich möchte sie dann im Politik-Management oder -Wissenschaften arbeiten oder als Politiklehrerin an einer Schule unterrichten.“ Damit sie auch immer gut informiert ist, was gerade so in der Welt passiert, hat Sandra die n-tv-App: „Ich muss brandneue News als Erste erfahren.“ Für uns Jugendliche hat Sandra auch noch eine Mitteilung: „ Ich kann nur sagen, macht was aus eurem Leben!“ Dann unterbricht sie kurz und erzählt von Jungs, die von extrem teuren Sportwagen schwärmen und fest vorhaben, so einen mal zu besitzen. Sandra kann darüber nur beherzt lachen „Leute, ihr kriegt gerade mal euren Hauptschulabschluss, wie soll das da was werden.“ Mit fester Stimme sagt sie „Man muss realistisch bleiben“.

Aber der Ehrgeiz und das große Selbstbewusstsein scheinen in der Familie zu liegen. Auch Sandras jüngere Schwester Annika hat große Pläne: „Sie wird eines Tages zu Germany’s next Topmodel gehen“, verrät mir Sandra augenzwinkernd. Auf die Frage, wie Sandra Karneval gegenüber eingestellt ist, sagt sie: „Ich bin mittel“. Dann lacht sie „Ich gehe natürlich auf die Züge und hab Spaß, aber Alkohol trinke ich nicht“. Ein edles Geständnis, wenn man die heutzutage üblichen Sauforgien von Jugendlichen bedenkt. Die diesjährige Verkleidung hält Sandra schlicht: „Ich bin einfach Blau-Weiß“.

Auf dem Weg zur Tür erlebt das Tohuwabohu im Hause Matelot seinen Höhepunkt. „ Das ist typisch afrikanische Familie“, kann Sandra dazu nur sagen. „ Immer turbulent“, stellt sie schulterzuckend fest und lacht ausgelassen.