Frankfurt – Für manche sind sie Fossilien der Medienbranche: die Buchclubs und Buchgemeinschaften. Dass sie dennoch eine Zukunft haben, beweist die Büchergilde Gutenberg. Sie bekommt gerade neuen Schwung. Denn jetzt steht fest: Künftig wird sie als Genossenschaft weitermachen. Bertelsmann hingegen beendet das Kapitel Buchclub Ende nächsten Jahres und kappt damit seine Wurzeln – „wegen mangelnder wirtschaftlicher Perspektive“.
Die Buchgemeinschaft ist eine Erfindung der 1920er Jahre, einst war sie mit politisch-weltanschaulichen Ambitionen verbunden. Die Büchergilde wurde 1924 vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründet. Als „Kulturinstitution der Werktätigen“ verbreitete sie vor allem sozial engagierte Literatur. 1933 kam das Verbot durch die Nazis. Nach dem Krieg der Neuanfang.
Zu dieser Zeit entwickelte Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn eine neue Variante der Buchgemeinschaft. Ihm ging es nicht um Weltanschauung oder Volksbildung, sondern um das Vertriebsmodell: Mitglieder sind verpflichtet, regelmäßig Bücher zu kaufen. So lässt sich gut kalkulieren. Die Werke werden mit zeitlichem Abstand zum Original als Lizenzausgaben offeriert. Das macht große Auflagen, günstige Preise und zugleich ordentliche Renditen möglich.
Bertelsmanns Buchclub war lange Zeit der Schrecken der Buchhändler, auch wegen des aggressiven Marketings: Drückerkolonnen sorgten für stetig steigende Mitgliederzahlen. Das Geschäft wuchs in den Wirtschaftswunder-Jahren zeitweise so schnell, dass Druckereien und Vertrieb kaum noch mitkamen. Der Buchclub passte in die Zeit. Zu einem bundesrepublikanischen Aufsteigerhaushalt gehörten auch einige Meter Bücherregal im Wohnzimmer. Bertelsmann expandierte in andere Länder, schluckte viele hiesige Konkurrenten, erreichte schließlich in Deutschland einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent. Und das Unternehmen verdiente damit soviel Geld, dass parallel andere Geschäfte ausgebaut werden konnten – heute ist Bertelsmann Europas größter Medienkonzern.
Der Club war 1990 auf seinem Höhepunkt, als er allein in Deutschland sechs Millionen Mitglieder hatte. Danach ging es bergab, das beschleunigte sich noch, als Amazon begann, den Buchhandel aufzumischen. Nun zieht der Konzern den Schlussstrich. Die letzte Filiale wird Ende 2015 am Stammsitz in Gütersloh dicht gemacht. Es gebe keine „tragfähige Perspektive mehr“, sagt Bertelsmann Manager Fernando Carro.
Auch die Büchergilde musste durch einige Krisen, hat sie aber erstaunlicherweise überstanden. Viele Jahre gehörte das Frankfurter Unternehmen zur Gewerkschaftsholding BGAG. 1998 wurde das Unternehmen dadurch gerettet, dass das Management übernahm. Die Zähigkeit hat mit dem besonderen Konzept zu tun. Noch immer schimmert linkes Gedankengut durch. Es geht um anspruchsvolle Literatur, präsentiert in Form von handwerklich hochwertig gemachten Büchern, illustrierte Werke sind eine Spezialität.
Gute Autoren früh entdecken
Geschäftsführer und Verleger Mario Früh spricht von einer „Nischenstrategie“. Die gelte sowohl für die Lizenzausgaben als auch für die selbst verlegten Werke, für die es die Edition Büchergilde gibt. Früh räumt aber ein: „Ich kann nicht verhehlen, dass das Geschäft schwierig ist.“ Um internationale Bestseller auf den deutschen Markt zu bringen, fehlt der Edition die finanzielle Kraft. Früh und seine Mitstreiter setzen deshalb darauf, gute Autoren zu entdecken, die noch nicht bekannt sind.
Rückgrat der Büchergilde sind ihre rund 70 000 Mitglieder. Viele von ihnen werden künftig mitbestimmen. Im März fiel die Entscheidungen, die Büchergilde in eine Genossenschaft umzuwandeln. Das Ziel war, Leute zu finden, die mindestens 300 Anteile à 500 Euro übernehmen. Das Ziel wurde dieser Tage erreicht. Die Konstruktion Genossenschaft soll erreichen, was für viele Unternehmen immer wichtiger wird: Bindung der Kunden. Bei der Büchergilde wird das gewissermaßen auf die Spitze getrieben. Kunden werden Eigentümer des Unternehmens. Früh hofft, so langfristig „die Existenz der letzten und einzigen Buchgemeinschaft“ hierzulande zu sichern.
Aber passt das noch in die Welt des Ex-und-hopp-Lesen auf Smartphones oder E-Book-Readern? Für Früh hat keinen Zweifel: „Gut gemachte Bücher sind noch längst nicht tot“. Er sieht sogar ein wieder „wachsendes Werte- und Qualitätsbewusstsein“, wenn es um Lesen und Literatur geht.
