Köln – „Der erste Schuss nach dem Jahr im Knast war schön, ehrlich gesagt. Es ist zwar brandgefährlich, wenn man so lang nichts hatte. Aber ein Junkie hat keine Angst vor dem Tod. Sonst würde ja keiner mehr drauf kommen.“ Sven, Heroinjunkie
Sven sieht aus wie der Tod. Schläfen und Wangen eingefallen, die Augen tief in den Höhlen. Seine Haut ist dünn und blass, die Wangenknochen stehen hervor. Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder. Sven (Name geändert) ist seit mehr als 25 Jahren süchtig nach Heroin. Mit 16 fing es an, da hat er zum ersten Mal „ein Blech geraucht. Spritzen ging dann ratzfatz“, erinnert sich der 44-Jährige. Seitdem ist er ein Junkie.
Heute endet seine Entgiftung in Merheim, es ist ein sonniger Tag im August. Wie viele Entzüge Sven schon hinter sich hat, weiß er nicht. 20? 25? 30? Die Zahl spielt auch keine große Rolle. Rückfällig wurde er immer. Jetzt steht Sven vor der Klinik, sein ganzes Leben steckt in einer blauen Plastiktüte: ein Päckchen Gummibärchen, seine Lieblingsschokolade, ein bisschen Kaffee und ein Zahnputzbecher. Ein kleiner Fernseher steht noch beim Bruder. Mehr hat er nicht
Er ist viel zu warm angezogen, trägt lange Jeans, eine Strickjacke und ein Unterhemd. Er schwitzt. Sven ist nervös, hat in der Nacht kaum geschlafen. Neben ihm steht Jane van Well vom SKM, einer katholischen Hilfseinrichtung. Die 38-Jährige kümmert sich um Sven, hat ihn im Knast besucht, in der Notschlafstelle am Dom ins Bett gebracht und wieder geweckt.
Seit 13 Jahren auf Rettungsmission
Seit 13 Jahren sorgt die Sozialarbeiterin dafür, dass Sven am Leben bleibt. Sie und die Helfer vom SKM sind sein Rettungsanker, das weiß er: „Ohne euch wäre ich heute tot.“ Jetzt hat Jane van Well ihm einen Platz in einer psychosozialen Einrichtung in Bornheim besorgt. „Das ist meine letzte Chance“, sagt Sven, als er ins Auto steigt. Vermutlich hat er Recht.
Wie viele Heroinsüchtige es in Köln gibt weiß niemand. Auf jeden Fall sind es deutlich weniger als noch vor 20 Jahren. Knapp 1800 Menschen werden substituiert, bekommen Methadon als Ersatzdroge. Auch die Zahl der Herointoten ist deutlich gesunken. In den 90er Jahren waren es bis zu 90 im Jahr, 2012 noch 32. Heroin ist out – zu teuer, zu gefährlich. Trotzdem sind die Junkies nicht weg. Sie treffen sich am Neumarkt, am Wiener Platz, am Hauptbahnhof. Stehen rum, schlagen die Zeit tot.
44 Jahre alt, in Lindweiler aufgewachsen. Vater war Baggerführer, ist aber schon lange tot. Die Mutter brachte vier Jungs zur Welt. Ein jüngerer Bruder starb mit 21 an einer Überdosis Heroin. Sven war auf der Sonderschule angemeldet, hat aber lieber schon morgens am Kiosk Bier getrunken, gekifft oder sich geprügelt. Im Alter von 16 Jahren erster Konsum von Heroin. 25 Jahre süchtig. Lebt derzeit nach Jahren auf der Straße in einer psychosozialen Einrichtung in Bornheim.
Beim ersten Treffen Anfang Juni sitzt Sven im Klingelpütz. Er hatte eine ganze Latte an Vorstrafen angesammelt: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl, Unterschlagung, Hausfriedensbruch, Schwarzfahren. Wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen muss er für fast 14 Monate ins Gefängnis. Und hat damit zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Dach über dem Kopf. Wie lang er auf der Straße gelebt hat, weiß er nicht genau. 15 Jahre? 20 Jahre? Sicher ist nur: „Irgendwann ging es extrem schnell bergab.“ Als Obdachloser und Bettler ist er eine Art Promi in der Hauptbahnhof-Szene, die Chefin eines
Juweliergeschäfts versorgt ihn regelmäßig mit Kaffee und Brötchen. „Wer den Sven nicht kennt, hat die Welt verpennt“, ruft er und lacht. Er wirkt ein bisschen stolz in diesem Moment. Doch das harte Leben hat Spuren hinterlassen. Sven nuschelt stark, hat Erinnerungslücken, verwechselt vieles. Das kommt vom Heroin, aber auch vom Suff. Und starken Psychopharmaka. Denn auch schwere Psychosen sind Folgen des jahrelangen Missbrauchs. Der Einstieg in die Heroinkarriere war der endgültige Ausstieg aus der Gesellschaft. „Ich war immer nadelgeil“, beschreibt Sven im Junkiejargon seine Sehnsucht nach dem Rausch.
Ende Juli kommt er aus dem Knast. Es ist 7:30 Uhr, ein kühler Morgen nach einer stickigen Sommernacht. Häftlinge fegen den Platz vor der JVA, ein Justizbediensteter lehnt rauchend an einen Poller und guckt zu. Es herrscht Hochbetrieb vor dem Tor: Handwerker, Lieferanten, Kombis. Ein Beamter kommt raus, macht kurz die Heckklappe auf und wirft einen flüchtigen Blick ins Innere. Im Knast kann man alles kaufen, was es draußen auch gibt, hat Sven erzählt. Auch Drogen.
Das graue Stahltor öffnet sich mit leisem Knistern. Sven kommt raus, sein Gang ist wackelig. Nach einer kurzen Begrüßung sagt er: „Lass uns zum Kiosk, ich will mir eine Flasche Bier reinziehen.“ Sven hat Druck. Ein Jahr ohne Alkohol, ohne Heroin liegt hinter ihm, nur mit der Ersatzdroge Methadon. Sein Körper schreit förmlich nach Betäubung. Jane van Well vom SKM und sein gesetzlicher Betreuer holen Sven ab. Der Vormund trifft alle wichtigen Entscheidungen für Sven.
Heroin wirkt beruhigend, entspannend und schmerzlösend. Konsumenten fühlen sich glücklich und zufrieden. Der wohlige Effekt hält allerdings nur wenige Minuten an. Ist die Wirkung vorbei, verlangt der Körper sofort nach einem neuen Kick.
Die Folgen sind verheerend. Leberschäden, Magen- und Darmstörungen, Zahnausfall sowie Lungenkrankheiten. Durch infizierte Spritzen können Krankheiten wie HIV oder Hepatitis übertragen werden. Die Sucht mindert das geistige Aufnahme- und das Erinnerungsvermögen.
Heroin führt sehr schnell in die Abhängigkeit. Entzugssymptome sind Schwitzen, starke Gliederschmerzen, Schlafstörungen bis hin zu Kreislaufzusammenbrüchen. Da die Sucht die finanziellen Möglichkeiten der meisten Abhängigen übersteigt, verelenden viele.
Das Substitutionsprogramm umfasst in Köln gut 2400 Plätze, etwa drei Viertel sind belegt. In der Regel wird Methadon als Ersatz verabreicht, das unter ärztlicher Aufsicht in flüssiger Form konsumiert wird. Es unterdrückt das Verlangen nach Heroin. Ziel ist langfristig ein Leben ohne jegliche Substanzen.
Im Auto geht es nach Kalk zum Amt, dort steht die Anmeldung bei der Krankenkasse an, auch Hartz IV muss beantragt werden. Gut 30 Minuten dauert diese Prozedur. Während sein Leben wieder in Gang gebracht wird, ist Sven total abwesend, starrt auf die Tischplatte. Seine Gedanken kreisen jetzt um Drogen und Alkohol. Am Ende soll er alles durchlesen und unterschreiben. Er tippt mit dem Finger auf ein Feld und fragt seinen Betreuer: „Ist das der Betrag, den ich kriege?“ „Leider nicht“, sagt der, „das ist die Bankleitzahl.“
Später, in der Methadonambulanz des SKM, kehrt plötzlich das Leben zurück in Svens geschundenen, vernarbten Körper. Er hat dort zufällig seinen alten Dealer getroffen. Sie verabreden sich für den Nachmittag. Dann rennt er förmlich zum nächsten Kiosk und zieht eine kleine Flasche Schnaps weg. Sven ist drei Stunden in Freiheit, als er den Kampf gegen die Sucht verliert. Wieder einmal.
Zurück im alten Leben
Am Nachmittag hängt er schon wieder am Dom ab. In einem Parkhaus setzt er sich den ersten Schuss. 563 Euro, die er im Knast verdient hat, gehen am selben Tag für Heroin und Kokain drauf. Schon hängt Sven wieder in seinem alten Leben. Drückt, bettelt, säuft zwei Flaschen Korn am Tag. „Das war ein ganz, ganz schneller Absturz“, gibt er später zu. Und wieder wird er aufgefangen.
Als Sven Anfang August in der Bornheimer Torburg ankommt,einer Einrichtung für Suchtkranke, glaubt niemand so recht, dass er dort länger als ein paar Tage bleiben wird. Doch er hält durch. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten. Er ist in Zimmer 24 eingezogen, sein Name steht an der Tür. Er lebt dort mit 17 anderen Ex-Junkies, bekommt Methadon und ist ansonsten drogenfrei. Freiwillig, seit fast vier Monaten.
Jane van Well vom SKM kann kaum fassen, das Sven nicht abgehauen ist aus Bornheim: „Das ist ein Riesenerfolg“, weiß die Sozialarbeiterin. Einer, der auf wackligen Beinen steht. „Vielleicht steht er irgendwann wieder bei uns vor der Tür“, fürchtet van Well. Sie hat ihm zum Geburtstag geschrieben, Ende September ist Sven 44 Jahre alt geworden. Er hat nicht geantwortet. „Vielleicht ist das sogar besser, weil er mich mit dem Leben am Bahnhof in Verbindung bringt“, sagt Jane van Well. In das Sven eigentlich nicht mehr zurück will. Er sagt: „Wenn das hier in Bornheim auch nicht hinhaut, werde ich mich um nichts mehr kümmern. Irgendwann muss auch mal Feierabend sein.“
