„Bis zur neunten Klasse war ich ein guter Schüler, ich hätte locker Abi machen können. Dann kam das Kiffen. Jetzt habe ich einen Hauptschulabschluss. Ich habe relativ viel verkackt.“
Simon, 20 Jahre.
Ein Käsebrötchen, eine Cola, ein Snickers und ein Joint – das ist Janines (Name geändert) Mittagessen an diesem regnerischen Mittwoch. Mit zwei Freundinnen steht die 17-Jährige vor einer Wohnsiedlung in Ehrenfeld. In der Unterführung riecht es nach Marihuana. Eine Mutter hastet mit ihrem Kleinkind vorüber. Janine und ihre Freundinnen stört das nicht, sie kiffen einfach weiter. Auf dem Heimweg von der Schule machen sie fast täglich hier Pause. Eine von ihnen habe immer „was zum Rauchen“ dabei, sagt Janine. Bis vor kurzem trafen sie sich auf dem Kinderspielplatz. Aber da hat sie der Hausmeister vertrieben.
Alltagsdroge Cannabis
Dass diese Szene in Ehrenfeld spielt, ist Zufall. Dasselbe lässt sich täglich auch in Lindenthal, Deutz oder Worringen beobachten. Oder in jedem anderen Stadtteil. Neben Tabak und Alkohol ist Cannabis die „dritte Alltagsdroge“ Jugendlicher, sagen Forscher der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Laut ihrem „Schulmonitoring 2008“, einer repräsentativen Schülerbefragung, hat fast die Hälfte der Kölner Oberstufenschüler eigene Erfahrungen mit Cannabis. In der achten bis zehnten Klasse ist es fast jeder fünfte, in den Klassen sechs und sieben jeder 20. – Tendenz steigend, berichtet das Landeskriminalamt NRW. Der „Tatort Schule“ als Begegnungs- und Verbreitungsort spiele eine besondere Rolle, heißt es im Lagebericht 2012 .
Simon (Name geändert) hat seinen ersten Joint mit 14 geraucht. „Auf einem Spielplatz an meinem Geburtstag, ein Freund hatte ihn mitgebracht“, erzählt der 20-Jährige. Er sieht sportlich aus, schlank, trägt Kappe und Turnschuhe. Simon spricht langsam. Manchmal beginnt er einen Satz und bricht ihn in der Mitte ab – Konzentrationsprobleme, die Folgen seines Konsums, sagt er. Aber das komme schon wieder zurück. „Man kann das trainieren.“
20 Jahre, lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter. Probiert mit 14 zum ersten Mal Cannabis, raucht bis 19 täglich bis zu vier Joints. In der Schule wird er immer schlechter, aus dem Abitur wird nichts, als 16-Jähriger geht er mit einem Hauptschulabschluss ab. Ist seit kurzem clean. Will sein Fachabitur nachholen. Warum er Drogen genommen hat? „Ich habe die entsprechenden Leute kennengelernt, und dann kam das so. Total sinnlos. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe.“
Vier Jahre hat der Kölner täglich Cannabis geraucht, manchmal auch vor dem Unterricht, bis zu vier Joints pro Tag. „Sogar vor einer Prüfung hab ich mir mal einen geraucht.“ Das Ergebnis war eine Fünf in Mathe. „Ein Freund von mir kifft fast täglich und hat sein Abi mit 1,3 gemacht“, sagt Simon. „Manche kommen da eben super drauf klar, ich gar nicht.“ Den Unterricht nimmt er immer lockerer, macht keine Hausaufgaben mehr, hängt nur noch ab, wie er sagt. Mit 16 verlässt Simon die Gesamtschule, geht auf ein Berufskolleg, will seinen Realschulabschluss machen, scheitert aber. Er hockt viel in seinem Zimmer, guckt fern, programmiert Musik auf dem Computer. Bis heute wohnt Simon bei seiner Mutter. „Ich wurde immer antriebsloser, hatte depressive Verstimmungen und oft einfach nur beschissene Laune. Keinen Bock auf irgendwas. Keine Lust auf die Welt.“ Ohne Joint kann er abends nicht mehr einschlafen. „Ich war psychisch total abhängig.“ Seinen Drogenkonsum finanziert Simon durch Praktika und Nebenjobs. An Marihuana zu gelangen war kein Problem. „Ich wusste immer, wer was hatte. Auch an Schulen wird viel gedealt. Das weiß jeder.“
Nur gibt es niemand gern öffentlich zu. Wer Schulleiter fragt, erhält häufig zur Antwort: „Natürlich sind Drogen an Schulen ein Problem, aber nicht an meiner.“ Jürgen Meisenbach von der Drogenhilfe Köln kennt diesen Satz nur zu gut. „Die Schulen sind im Wettbewerb untereinander, jeder Schulleiter überlegt da genau, was er öffentlich sagt.“ Meisenbach bildet Lehrer in der Präventionsarbeit mit Schülern fort. „Intern sagen mir alle Schulleiter: Wir haben ein Problem. Einer meinte mal: Die einzige drogenfreie Schule in Köln ist die Baumschule.“
Aber dann findet sich doch einer, der Stellung bezieht: Harald Junge, Direktor des Humboldt-Gymnasiums in der Südstadt. „Als ich hier vor 13 Jahren anfing“, sagt Junge, „roch es im Dunkeln auf dem Schulfest an einer Stelle noch nach Haschisch. Das ist heute nicht mehr so.“ Der Konsum finde zwar weiterhin statt, aber nicht mehr auf dem Schulgelände, sondern im Privaten, ist der Schulleiter überzeugt. Drogenhandel habe er auf seinem Schulgelände noch nie erlebt. „Und wenn, dann würde ich sofort Anzeige erstatten.“
Am Humboldt-Gymnasium werden die Schüler im Unterricht systematisch über die Gefahren von Alkohol und illegalen Drogen aufgeklärt. Beratungslehrerin Nadine Schlaback berichtet: „Das muss man als Schule heute machen. Das fordern auch die Eltern ein.“ Dass Schüler in der Pause kiffen oder Cannabis verkaufen, hat aber auch Schlaback noch nie beobachtet. „Der Punkt ist: Als Lehrer bekommt man das nicht mit. Schule ist auch nicht der Ort, an dem im großen Stil gedealt wird. Hier werden eher die entsprechenden Kontakte geknüpft.“
Der Vertrauenslehrer eines Gymnasiums im Rechtsrheinischen möchte nicht, dass sein Name in der Zeitung steht. Aber beim Treffen in einem Café wird er deutlich: „Schüler, Schülerinnen und Lehrer unserer Schule verabreden sich im Sommer gemeinsam zum Saufen oder Kiffen auf den Poller Wiesen. Alkohol und Cannabis werden verharmlost, sie werden nicht als möglicher Einstieg in eine Drogenkarriere begriffen.“ Von Eltern höre er häufig den Satz: „Ach, das bisschen Kiffen ist doch nicht so schlimm, das haben wir früher auch gemacht.“
Cannabis ist eine seit ca. 5000 Jahren bekannte Hanfpflanze, seit etwa 150 Jahren wird sie auch als Rauschmittel verwendet. Der Wirkstoff THC beeinflusst das zentrale Nervensystem. Cannabis wird meist in Form von Marihuana (getrocknete Blüten und Blätter der Cannabispflanze) oder Haschisch (aus dem Harz der Blütenstände, wird zu Platten gepresst) konsumiert. Sorgt bei vielen Konsumenten vordergründig für ein Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens. Kann auch depressive Verstimmungen auslösen bis hin zu Panikattacken und Wahnvorstellungen.
Dabei ist dieser Vergleich gefährlich – und falsch obendrein. Denn Marihuanapflanzen werden inzwischen meistens auf Indoor-Plantagen gezüchtet, unter perfekten Bedingungen – mit dem Ergebnis, dass der THC- (Tetrahydrocannabinol) Gehalt und damit die Wirkung von Marihuana heute um ein Vielfaches höher ist als vor 30 Jahren. Mögliche Folgen bei langjährigem Konsum können laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sein: schlechtere Lern- und Gedächtnisleistungen, Schädigungen der Atemwege, erhöhtes Herzinfarktrisiko. Außerdem kann Cannabis eine Schizophrenie auslösen. Aber das vielleicht Gefährlichste an der vermeintlich harmlosen Kiffer-Droge schildert ein Kölner DJ, der jahrelang Ecstasy, Speed und Kokain konsumiert hat: „Cannabis ist die klassische Einstiegsdroge. Nicht jeder, der Marihuana raucht, steigt später auch auf Koks oder Speed um. Aber fast jeder, der Koks oder Speed nimmt, hat mal mit Cannabis angefangen.“
Bei Simon, dem Ex-Gesamtschüler mit Hauptschulabschluss, spitzte sich die Situation zu Hause bis ins Unerträgliche zu. „Er war nur noch übel gelaunt, zu nichts mehr zu bewegen“, erinnert sich seine Mutter. „Das machte mich krank. Ich musste mit ansehen, wie mein Sohn vor die Hunde ging.“ Verbote brachten nichts mehr. „Wenn ich sagte: Du gehst nicht zu deinem Kumpel, du bleibst hier, antwortete er: Doch, ich gehe. Und wenn ich sagte: Du sollst zu Hause nicht kiffen, sagte er: Ja, ja – und tat es trotzdem.“ Die Mutter holte sich Rat beim Sozialdienst katholischer Männer (SkM).
Vor einigen Monaten machte es auch bei Simon klick: „Ich wusste, dass ich mit dem Kiffen aufhören musste, ich fühlte mich einfach nur noch dreckig.“ Auch er fand Unterstützung bei der SkM-Fachstelle „Jugend Sucht Beratung“. Im Sommer hat Simon eine Entgiftung gemacht, er ist jetzt clean. Will sein Fach-Abi nachholen, dann das Abitur machen, vielleicht Musikwissenschaften studieren. Seine Mutter, sagt der 20-Jährige rückblickend, habe nichts falsch gemacht. „Sie trifft keine Schuld, sie konnte mir nicht helfen. Eltern sind bei so was einfach die falschen Ansprechpartner.“
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