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Tag der RaumfahrtDurchgedreht und schwerelos

4 min

Noch steht die Menschenschleuder still.

Angehende Astronauten müssen zahlreiche Tests absolvieren, bevor sie ins All starten dürfen – in Labors und an Geräten der DLR, die sonst nur wenige zu Gesicht bekommen. Für mich als Redakteurin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ wurde eine Ausnahme gemacht: Ich durfte für die Schwerelosigkeit üben – und eine Fahrt auf der „Kurzarm-Zentrifuge“ im Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin machen.

Auf einer Liege festgeschnallt werden, unter mir eine Apparatur, die mich mit hoher Geschwindigkeit immer im Kreis herumschleudert? Eine Erfahrung, die ein mulmiges gefühl auslöst – aber schließlich waren im Dienste der Wissenschaft schon etliche Probanden auf der Kurzarm-Humanzentrifuge, der „Short Arm Human Centrifuge, SAHC“. Es wird schon schiefgehen.

Mit Zentrifugen können Wissenschaftler die Auswirkungen von erhöhter oder geringer Schwerkraft (Gravitation, bezeichnet als G) testen; es werden Belastungen simuliert, wie sie Astronauten und Piloten erfahren. Bei meiner Testfahrt auf der Humanzentrifuge werde ich durch die schnelle Rotation Hyperschwerkraft von 1,8 G erleben. Dann wird die Zentrifuge abrupt gebremst, so dass sich die Schwerkraft auf 0,3 G verringert. Völlige Schwerelosigkeit wie im All kann man auf der Erde nicht erreichen – aber 0,3 G sind schon ein sehr geringes Level.

Ich bin weder Jetpilotin noch Astronautin, habe Angst, wenn der Urlaubsflieger startet und landet – und gehe weder für Geld noch für gute Worte auf eine Achterbahn. Wie übel wird mir werden? Was, wenn ich die teure Fahrt nach 20 Sekunden abbrechen muss? Für derlei Bedenken blieb reichlich Zeit – auf die Kurzarmzentrifuge darf niemand „einfach so“: Ohne das „Medical Sheet“ – das medizinische Eignungszertifikat – geht nichts. Dreieinhalb Stunden dauert die gründliche Untersuchung im Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin – im Wartezimmer sitzen Piloten, Berufstaucher und Leute aus Kabinen-Crews, die den Check-up regelmäßig absolvieren müssen. Fliegerarzt Martin Trammer gibt schließlich sein Okay, ich darf das Experiment wagen.

Im Zentrifugen-Labor steht am Tag der Testfahrt ein fünfköpfiges Team bereit: Die Leiterin der Arbeitsgruppe, Melanie von der Wiesche, Guido Petrat als technischer Leiter, Alexandra Noppe und Mark Görog als „Experiment Operators“ und die Ärztin Franzisca May. Als erstes gibt es einen bequemen blauen Overall – wie ihn auch die europäischen Astronauten tragen. Es folgt ein Sicherheits-Geschirr wie für Fallschirmspringer, schließlich werde ich mit diversen Kabel auf Brust und Rücken, zwei Blutdruckmessern an Arm und Hand und Ohrstöpsel für den Kontakt mit dem Experimentleiter und der Ärztin ausgerüstet. Melanie von der Wiesche: „Wir machen hier die verschiedensten Tests, unsere Probanden werden vor und nach den Fahrten auf der Kurzarm-Zentrifuge genau untersucht, um die Auswirkungen von Schwerelosigkeit auf die Physiologie zu untersuchen.“ Im Vorraum zeigen Monitore alle Werte der Versuchspersonen während der Drehungen auf der Zentrifuge. May nennt mögliche Probleme bei der schnellen Rotation: Schwindel, Kreislaufprobleme, Übelkeit. Dagegen hilft nur eines: Die Muskelpumpe der Beine, das energische An- und Entspannen der Muskeln, das verhindert, dass alles Blut vom Kopf in die Beine sackt. Nicht nur das Blut wandert in die auf der Zentrifuge außen liegenden Füße, auch die Organe verschieben sich. May: „Die EKG-Ableitung verändert sich, weil das Herz um Millimeter in Richtung Bauch wandert.“

Es geht los: Die Zentrifugenliege wird langsam von der Vertikalen in die Horizontale gekippt. Als die schwarze Abdeckung über meinen Kopf und Oberkörper gestülpt wird – sie verhindert, dass ich den Raum vorbeifliegen sehe und mir allein schon deshalb übel wird – konzentriere ich mich ganz auf die freundliche Stimme von Mark Görög im Ohrstöpsel, der zählt: „Auf 1,8 G in zehn – neun – acht...“Und schon merke ich, wie enorme Kräfte an mir ziehen, bin heilfroh über die Sicherungsgurte. Dann der nächste Countdown: Abbremsung, bis mein Körper statt 1,8-facher Schwerkraft nur noch 0,3 G erfährt. Mir wird ganz leicht im Kopf. Tatsächlich fühlt es sich an wie ein wohliges Schweben. Die Angst ist verflogen, ich genieße jeden Augenblick der Zentrifugenfahrt, arbeite mit der Muskelpumpe, wenn der Körper schwer wird, als wäre er zusammengedrückt. Und – ich fiebere jeder Phase mit 0,3 G entgegen, stelle mir vor, dass sich ein Astronaut in der Sojus-Kapsel ähnlich leicht und befreit fühlt.

Das Team im Vorraum beobachtet via Kamera, dass ich lächle. Viel zu schnell ist die Testfahrt beendet. Doch die DLR hat die nächste Herausforderung vorbereitet: Echte Schwerelosigkeit bei einem Parabelflug – und den trete ich am Sonntag an, parallel zum „Tag der Luft- und Raumfahrt“.