Innenstadt – Guido Guntermann hat sich immer so benommen, dass es keinen Anlass gab, ihn irgendwo vor die Tür zu setzen. Im Dom ist genau das nun passiert: Ein Domschweizer forderte den 48-Jährigen auf, die Kathedrale zu verlassen. Der Grund: eine schwarze Wollmütze.
Guntermann trägt in diesen Tagen immer eine Mütze, wenn er draußen ist. Er hat Krebs. Die Chemotherapie hat sein Immunsystem geschwächt, seine Haare sind ausgefallen. Am 12. Dezember war er mit seiner Frau zu Besuch in Köln, das Paar lebt in Attendorn. Gegen Mittag wollten sie einen Gottesdienst besuchen. „Es ist kalt im Dom, deshalb habe ich die Mütze aufgelassen“, sagt er.
Die Kathedrale war voller Menschen, das Paar stand hinten, als ein Domschweizer zu ihnen kam. Er forderte Guntermann auf, die Mütze abzunehmen. „Er meinte, ansonsten müsse ich die Kirche verlassen.“ Guntermann fragte nach dem Grund. „Aber er wiederholte seine Aufforderung einfach nur.“ Also erzählte er dem Domschweizer von seiner Krebserkrankung, von der Chemotherapie und der Notwendigkeit, seinen Kopf warm halten zu müssen. „Er meinte, er habe die Gesetze nicht gemacht.“ Guntermann solle bitte den Dom verlassen. „Ich habe ihn gefragt, ob das sein Ernst sei – seine kurze Antwort war: Ja.“
Kein Lächeln übrig
Guntermann versuchte es noch mit einem Scherz, indem er mit Blick auf das Kreuz sagte: „Bei nächster Gelegenheit werde ich mich bei ihrem Chef beschweren.“ Doch der Kirchenmann ließ sich nicht zu einem Lächeln bewegen und dachte bei „Chef“ sofort an den Dompropst, Norbert Feldhoff. „Den finden sie drüben in dem roten Backsteinhaus“, sagte er. Guntermann war mittlerweile derart fassungslos, dass er seine Frau an der Hand nahm und mit ihr zum Sitz des Dompropstes am Roncalliplatz ging. „Der Dompropst war nicht zu sprechen, eine Mitarbeiterin sagte uns, dass die Regeln eben so seien.“ Es habe etwas mit Demut und Ehrfurcht zu tun, in einem Gotteshaus die Kopfbedeckung abzunehmen. „Eine Mütze als Zeichen für fehlende Demut?“ Er verstand die Welt nicht mehr.
Zurück in Attendorn schrieb er dem Dompropst eine E-Mail. Und der Hausherr des Doms antwortete: „Dass männliche Besucher den Dom nur ohne Kopfbedeckung betreten dürfen, ist keine Glaubensfrage und ist auch keine spezielle Kölner Regelung.“ Die Regel gelte weltweit. „Ich kann ihnen beim besten Willen nicht erklären, wie es zu dieser Regel kam.“ Natürlich gebe es Ausnahmen. „Wenn er ein ärztliches Attest gehabt hätte, wäre es in Ordnung gewesen“, sagte Feldhoff dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Der Domschweizer habe richtig reagiert. „Wenn sein Ton etwas zu heftig war, entschuldige ich mich dafür.“ Was Guntermann als Rauswurf empfunden hat, sieht Feldhoff anders: „Jemand, der sich nicht an die Ordnung hält, kann nicht in die Kirche gelassen werden.“
Guntermann ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Sein Glaube hat sich trotzdem nicht verändert. „Ich bin sicher, es gibt jemanden, der über den Dingen steht.“ Und das versucht er nun auch.
