Aachen – Nähert man sich in diesen Tagen dem Turniergelände des CHIO in Aachen, schön gelegen zwischen grünen Hügeln vor den Toren der Kaiserstadt, so macht sich schnell scharfer Stallgeruch breit. Kein Wunder, es versammeln sich hier schließlich während der Turnierwoche, die am Sonntag endet, mehr als 1000 Rösser, untergebracht in rund um die Uhr gut bewachten Ställen.

Auf dem Rücken eines Pferdes bei der Eröffnungsfeier des Reitturniers CHIO ist das Bild Sonnenblumen des niederländischen Malers Van Gogh aufgemalt.
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Spitzenpferde sind kostbar. Seit die Ölscheichs aus den Emiraten vor einigen Jahren ihre Liebe zum Springsport entdeckt haben, werden zweistellige Millionen-Beträge für besonders erfolgreiche Tiere gezahlt. Und nach Aachen kommen stets nur die Besten der Besten. Denn die Reiter lieben den CHIO.
Mehr als 300.000 Zuschauer
Ludger Beerbaum, Deutschlands aktuell bekanntester Springreiter, verglich Aachen einmal mit dem Tennisturnier von Wimbledon. „Diese Atmosphäre, dieses Flair der Turniertage, die besonderen Stadien, die Zuschauer – all das macht Aachen zu Aachen“, sagte der 53-Jährige aus Riesenbeck. Bereits 1968 hieß es im „L’Année Hippique“, dem Jahrbuch des Pferdesports: „Das Weltreitertreffen in der Soers nimmt in der Reihe der großen klassischen internationalen reiterlichen Begegnungen der Welt von Anbeginn einen hohen Rang ein.“ Aber worin genau besteht die Einzigartigkeit des CHIO (Kurzform von „Concours Hippique International Officiel“)? Was macht das Turnier so speziell, dass jährlich mehr als 300.000 Zuschauer zu den Wettbewerben im Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsreiten sowie im Fahren und Voltigieren kommen – und die Veranstaltung auch in Zeiten der Fußball-Monokultur blühen und gedeihen kann?

Die königliche Kutsche der Niederlanden bei der Eröffnungsfeier
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Der wichtigste Punkt ist dieser: Den Organisatoren ist eine Mischung aus Neuem und Bewährten geglückt. Das seit 1924 ausgetragene Turnier hat sich einerseits an die Anforderungen des modernen Spitzensports angepasst. Der Kölner Sportmanager Michael Mronz, seit 1997 Geschäftsführer Reitturniers, drückt es so aus: „Ohne Innovation verstaubt die Tradition.“

Traditionelle Kostüme bei der Eröffnungsfeier
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Die Anlagen wurden im Laufe der Jahre deshalb modernisiert, überhaupt wurde alles auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Zum Beispiel können die Zuschauer in der Dressur die Reiter mit einer Smartphone-App live bewerten – und ihre Noten mit denen der Richter vergleichen.
„Tschio“ ist volksnah geblieben
Andererseits tasteten die Organisatoren niemals den Traditionskern des Turniers an. So ist der CHIO, den die Aachener liebevoll den „Tschio“ nennen, volksnah geblieben. Es gibt Stehplatzkarten für weniger als zehn Euro zu kaufen, man kann zu günstigen Preisen Pommes frites und Eis essen – und dabei Weltklassereiter aus nächster Nähe bestaunen. Denn es ist typisch für Aachen, dass die Zuschauer nah an die Vorbereitungsplätze heran kommen, auf denen die Sportler ihre Pferde auf die Wettbewerbe vorbereiten.
Überall auf dem Gelände kreuzen Reiter zudem die Wege der Besucher. Das Publikum dankt es ihnen mit Enthusiasmus und Fachkunde. Die Aachener feuern jeden Starter an, sie wissen aber auch, wann sie ruhig sein müssen, um die Pferde nicht zu stören.
Wie wichtig der „Tschio“ in der Kaiserstadt ist, zeigen auch die Zahlen: Das große Aachen Reitstadion fasst 40.000 Besucher, der benachbarte Tivoli der Fußballer der Alemannia nur 32.960.
Champagner und Hüte wie in Ascot
Reitsport, traditionell betrieben von Kindern aus gut situiertem Hause, hat aber auch seine elitäre Dimension. Und die bedient der CHIO ebenso. Wer will und kann, kauft sich teure VIP-Tickets, die Zugang zum sogenannten „Champions Circle“ gewähren. Dort wird fein gespeist, Champagner und edler Wein getrunken. Wenn man Glück hat, sitzt eine Berühmtheit wie Dressur-Queen Isabell Werth am Nebentisch. Und man sieht gelegentlich Damen mit Hüten, wie sie sonst im britischen Ascot getragen werden.

Debütant in Aachen: Der deutsche Nachwuchsreiter Maurice Tebbel
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Auch Prominente, die nichts mit dem Reitsport zu tun haben, lassen sich in den illustren CHIO-Zirkeln gern blicken, vor allem während der sogenannten Media Night, die stets am Dienstag nach der Eröffnungsfeier stattfindet. Unter anderem war Schauspielerin Veronica Ferres diesmal zu Gast. Auch dahinter steckt Kalkül der Veranstalter: Der CHIO präsentiert sich nicht nur als Sportveranstaltung, sondern auch als Society-Event, über das im bunten Bereich gern berichtet wird. So erweitert man sein Publikum – und macht sich attraktiver für Werbekunden. Denn bei aller Tradition und Innovation wäre der CHIO in Aachen niemals ein so schillerndes Event und Magnet für die besten Reiter des Planeten geworden, wenn nicht auch eine enorme Menge Geld im Spiel wäre.
Geldregen am Sonntag
14,5 Millionen Euro beträgt 2017 der Gesamtetat des Turniers, das unter anderem von Herstellern teurer Uhren und Autos mit Stern gesponsert wird. Der Springreiter, der am Sonntag den Großen Preis von Aachen gewinnen wird, erhält eine Prämie von 330.000 Euro.
Dieser traditionelle Turnierhöhepunkt ist bereits ausverkauft, für die meisten anderen CHIO-Wettbewerbe gibt es zumindest noch Rest-Karten.
