In die Sauna gehen, um einfach nur zu schwitzen? Kann man machen. Man kann aber auch bei 60 Grad und mehr Kleinkunst genießen. Oder Opernarien hören. In der Euskirchener Therme ist noch bis Sonntag Saunafest. Und das bedeutet, dass Aufgussmeister aus mehr als zehn Ländern zelebrieren, wo andere nur einfach duftende Flüssigkeiten auf heiße Steine kippen.
Der deutsche Meister als Geschichtenerzähler
Lennart Kloß ist der amtierende deutsche Meister im Sauna-Aufguss. Und wenn schon kein Kind der Euskirchener Badewelt, so doch gewissermaßen ein enger Verwandter. Er hat seine Ausbildung in der Badewelt Sinsheim gemacht und ist Saunameister und Fachangestellter für Bäderbetriebe. Vor allem aber ist er leidenschaftlicher Aufgießer. Er will dem Publikum, das da im heißen Dampf sitzt, eine Geschichte erzählen, fast schon ein Theaterstück aufführen.
Ein Erfinder gegen die Stromprobleme
Deshalb hat er nicht nur Düfte dabei, sondern eine ganze Bühnenausstattung samt Musikanlage. „Wenn ich die Sicherheitshinweise gegeben und die Musik eingeschaltet habe, bin ich nur noch kreativ“, sagt Kloß. In der Geschichte, die ihm den deutschen Meistertitel eingebracht hat, spielt er einen Erfinder, der versucht, die Stromprobleme der Menschheit zu lösen. Da läuft er in der Euskirchener Badewelt offene Türen ein: Die hat mittlerweile sämtliche Parkplätze überdacht und mit Solarpaneelen versehen. Das ist zwar nicht ganz so innovativ wie die Maschine, die dem Erfinder vorschwebt, aber schon ein guter Schritt.
Gäste aus ganz Europa und Kanada
Aus der Schweiz, den Niederlanden, Norwegen und Frankreich seien Aufgusskünstler angereist, berichtet Janis Rehs, Operation Officer der Therme. Erwartet werde noch ein Teilnehmer aus Kanada. Jeder bringe unterschiedliche Facetten ein. Aber eines ist allen gemeinsam: Sie wedeln. Oder besser gesagt: Sie schwenken Badetücher. Nicht irgendwelche, sondern ausgewählte, wie Kloß betont. Sie dürften weder zu schwer noch zu leicht sein.
Üben im Zelt: Kunststücke mit dem Badetuch

Deutscher Meister: Lennart Kloß.
Copyright: Felix Bungartz
Und natürlich wedeln sie nicht einfach, sondern vollführen damit die reinsten Kunststücke. Auf dem Außengelände der Therme ist eigens ein Zelt für die Aufgussmeister aufgebaut. Drinnen sieht es ein bisschen aus wie in einer Theatergarderobe, mit Kostümen auf einer langen Stange, Kisten und Kästen. Und hier üben die Teilnehmer ihre eleganten Schwünge mit dem Badetuch. „Man muss nicht üben, man will üben“, stellt Tony klar. Sie ist eine der wenigen Aufgussmeisterinnen. Nach und nach entwickle man eigene Figuren, einen eigenen Stil. „Das macht süchtig“, bestätigt ihre Kollegin Theresa.
Gemeinschaft statt Wettbewerb
Das Ziel der beiden: Sie wollen auch einmal an einer Meisterschaft teilnehmen. Doch in Euskirchen gehe es nicht um Punkte oder Platzierungen, betont Rehs. Sondern ums Kennenlernen und die Gemeinschaft: „Es ist ein Gegenpol zur Meisterschaft, hier geht es nur um die Kunst.“
Schlange vor der Sauna, Gutschein für Ruhesuchende
Wie begehrt diese Kunst ist, zeigt ein Blick in die Saunalandschaft. Vor einer der zehn Saunen hat sich eine Schlange gebildet von Menschen, die sich gerade noch verhüllen oder eher nicht. Ein Besucher allerdings spricht Janis Rehs an, ob es denn auch ruhigere Aufgüsse gebe. Gibt es, kann er beruhigen. Die meisten Besucher kämen gezielt, um das Spektakel zu genießen, weiß der Operation Officer. Und dafür nähmen sie weite Anfahrten in Kauf. Wer es partout nicht möge, bekomme einen Gutschein und könne an einem ruhigeren Tag wiederkommen. Denn: „Jeder entspannt auf seine Weise.“
Sauna-Rave und Live-Percussion
Wem Theater und Arien immer noch nicht genug sind, der kann zum Sauna-Rave kommen, mit einem DJ und Tanz. Und am Samstag und Sonntag gibt es Live-Percussion. Bei mindestens 60 Grad. (uj)

