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JagdsportExperten diskutieren im Steinfelder Kloster über die Moral vom Schießen

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In der Schülerkapelle des Klosters begrüßte Bodo Weranek, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Euskirchen, die Teilnehmer. 

Kall-Steinfeld – „Auf der Suche nach der jagdlichen Moral“ lautete das Motto einer zweitägigen Tagung, zu der Jäger, Forstwirte und Experten ins Kloster Steinfeld gekommen waren. Das Fazit: Viel schlechter kann es derzeit um das Image der Jägerschaft, aber auch um die gesetzlichen Rahmenbedingungen kaum bestellt sein.

Es war starker Tobak, dem sich an die 70 Zuhörer in der Schülerkapelle in neun Vorträgen von anerkannten Fachreferenten aussetzten. Um die jagdliche Moral ist es augenscheinlich in Deutschland derzeit nicht gut bestellt – und das muss nicht nur an einzelnen Jägern und Jägerinnen liegen. Mit „Sammeln der Jäger“ war die Veranstaltung nach dem Titel eines Jagdsignals benannt worden.

Selbstkritik gefordert

Bodo Weranek, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, gab die Richtung der Referate und wohl auch der abschließenden Diskussion vor: „Die Jagd hat ihren Schutzpatron Hubertus verraten. Für die Jagd und den Tierschutz bei der Jagd zu werben, setzt Selbstkritik voraus.“ Weranek forderte ein neues Einverständnis von Forstwirtschaft und Jagd und kritisierte die offenbar je nach Bundesland unterschiedlich geregelte Jagd bei Nacht mit speziellen Waffen: „Wir ziehen doch nicht in den Krieg bei der Jagd. Aber die Ausweitung der nächtlichen Jagd stört das Ruhebedürfnis des Wildes.“

Deutliche Worte fand danach auch Prof. Dr. Johannes Dieberger, Vorsitzender des Forum Lebendige Jagdkultur. Er machte in seinem historischen Rückblick deutlich, dass der Verlust ethischer Grundsätze bei der Jagd mit ihrer zunehmenden Verbürgerlichung seit dem 19. Jahrhundert einhergehe. Adel und Berufsjäger sind für Dieberger immer noch eher Garanten einer im Umgang mit dem Wild würdevollen Jagd. „Neureiches Bürgertum“ betreibe die Jagd zuweilen als Trophäenschau. Und das bezeichnete er als „schlimmste Entartung der Jagd seit ihren Anfängen vor 500 000 Jahren“.

Jagd in Deutschland würdelos

Doch ist das nicht eine etwas schwarz-weiße Sicht der Dinge? Schwarze Schafe sollen für das schlechte Image einer ganzen Gruppe verantwortlich sein? Seeben Arjes aus Ostfriesland, in der Szene bekannter Buchautor, zudem Forstmann und Schweißhundeführer, sieht keinen Grund, Missstände zu verharmlosen: „Ich habe Hunderten von verletzten Tieren den Gnadenschuss gegeben. Wer bei einem sterbenden Tier jubelt, der kann dessen Würde nicht gesehen haben. Haben Tiere eine Würde? Ja, aber nur, wenn wir ihnen eine zugestehen.“

Und dann wurde er grundsätzlich: „Würde ist Teil der jagdlichen Moral. Die Jagd in Deutschland verläuft zum Teil würdelos.“

Interessen in Einklang bringen

Doch wie soll das Waidwerk betrieben werden, wenn etwa Rotwildüberpopulationen wie in den Revieren zwischen Blankenheim und Nettersheim zu großen Verbissschäden führen oder wenn Landwirte von Schwarzwild verwüstete Felder beklagen? Wie können Naturschutz, Tierschutz und landwirtschaftliche Interessen in Übereinstimmung gebracht werden? Ist das überhaupt möglich?

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Hochkarätige Referenten hatte Organisator Dieter Bertram (r.) eingeladen, unter anderem Seeben Arjes, Buchautor aus Ostfriesland (l.) und Prof. Dr. Georg Urban, Rechtsphilosoph der Ortega-Gesellschaft.

Prof. Dr. Georg Urban von der Ortega-Gesellschaft ist da zunächst skeptisch. Er wies auf 16 Landesjagdgesetze hin, was bedeute, dass es permanent Novellierungsbedarf gebe. 16 Verordnungen, die letztlich den vorgegebenen Rahmen des zuletzt 2020 novellierten Bundesjagdgesetzes in der Praxis umsetzen sollen. Dort heißt es, dass bei der Jagd Verantwortung für das Wild und seine Lebensräume zu übernehmen sei. Jäger haben die Pflicht, das Wild zu hegen, die Artenvielfalt seiner Lebensräume zu bewahren und den Wildbestand zu regulieren.

Es gebe in der Jagdpraxis allerdings ethisch fragwürdige Motive, so Urban – wie „den Kick zu töten oder am Töten“. Als eher fragwürdig bezeichnete er auch den Genuss am Jagderfolg. Nicht zu beanstanden aus ethischer Sicht sind für ihn die Lust am Abenteuer und an der Natur, bei der Jagd aber auch einen Rückfall ins Atavistische, also das Jagen des Wildes sozusagen als menschlichen Grundtrieb.

So abstrakt sah Günther von Jagow, Fachanwalt für Agrarrecht aus Stendal, die Problematik nicht. „Bloß kein weiter so“ hatte er sein Referat überschrieben, in dem er die Verhältnisse für Wild und Jagd in Deutschland zur Zeit als mangelhaft beschrieb.

Auch ein juristisches Problem

Jagdgesetze und Landesverordnungen seien forstlobbygesteuert und nicht nachhaltig, da sie auf die Zurückdrängung heimischer Schalenwildarten ausgerichtet seien. Zu lange Jagdzeiten und „überdimensionierte Abschussanordnungen“ bewirken nach seinen Worten eine Vernachlässigung der Ziele des Tier- und Artenschutzes.

Haben wir die falschen Gesetze? Das Problem sei hausgemacht, so der Jurist: „Unsere zuständigen Minister und Ministerinnen sind gutgläubig und ahnungslos.“ Da müssten sich verantwortungsbewusste Jäger im Stich gelassen fühlen. Das Tierschutzgesetz gibt laut von Jagow schon im ersten Paragrafen da die richtigen Hinweise, wo „die Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf, dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“ ist, beschrieben wird.

Strengere Regeln für die Jagd

Von Jagow stellte Optionen vor: die strikte Einhaltung von Jagd- und Schonzeiten, die bundesweite Einführung von Hegeringen unter Leitung eines Berufsjägers, denen auch die Verantwortung für die Abschusspläne obliegen solle, sowie ein praktisches Ausbildungsjahr mit Prüfung für Jungjäger.

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Bei den Zuhörern wurde kein Widerspruch laut. Das sei alles durchaus harte Kost, hatte Wildmeister a.D. Dieter Bertram aus Lorbach, der die Fachtagung organisiert hatte, zu Beginn gewarnt. Doch das Risiko der offenen Worte scheint sich gelohnt zu haben.