Kreis Euskirchen – Als der Anruf kam, war sie sofort einverstanden. Ein paar Stunden später schon hielt Anett Michels die kleine Lilli in den Armen. Fünf Monate alt und zuckersüß. Ihr nunmehr 15. Bereitschaftspflegekind.
Familie Michels (alle Namen der Pflegefamilie geändert) ist es gewohnt, dass sich ihr Alltagsleben von jetzt auf gleich ändern kann – sie ist eine von 15 Bereitschaftspflegefamilien im Kreis Euskirchen, die Kindern und Jugendlichen ein vorübergehendes Zuhause bieten, wenn es die Situation erfordert. Wenn Eltern plötzlich ins Krankenhaus müssen, eine Therapie antreten oder auch, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.
Die Älteste ist nun 19
Wie viele Bereitschaftspflegefamilien haben auch die Michels zunächst Dauerpflegekinder bei sich aufgenommen. Die Älteste ist 19 und kam schon als Säugling, der Mittlere ist 13 und die Jüngste neun Jahre alt. „Wir haben selber keine Kinder bekommen können, also haben wir uns eine Familie gebastelt“, sagt Anett Michels augenzwinkernd. Und weil sie merkte, dass da noch Kapazitäten und Platz im Haus sind, bewarben ihr Mann und sie sich auch als Bereitschaftspflegefamilie.
Zur Familie gehört zurzeit auch ein dreijähriger Junge und eben seit ein paar Tagen Lilli. „Ich sage lieber Gastkinder als Bereitschaftspflegekinder, das klingt nicht so sperrig und viel schöner“, so die 47-jährige Pflegemutter. Die erste Woche mit den kleinen Gästen sei in der Regel die anstrengendste.
Ein geregelter Tagesablauf ist unabdingbar
„Die Kinder haben oft keinen Tagesrhythmus, aber den lernen sie ratzfatz“, sagt Anett Michels. „Bei den etwas Älteren steht zudem am Anfang oft ein Zucker- und Fernsehentzug.“ Ein strikt geregelter Tagesablauf sei unabdingbar, wenn man sich auf das Abenteuer Pflegefamilie einlasse.
Die 47-Jährige grenzt ihre Aufgabe als Dauerpflegemutter klar ab von der als Bereitschaftspflegemutter. „Die Dauerpflegekinder sind Familienmitglieder, die Gastkinder sind es nur auf Zeit und sie sind meine Arbeit.“ Diese Haltung ist zum Teil auch Selbstschutz, denn so sehr man die Kinder ins Herz schließen mag – es kommt der Tag, an dem sie wieder gehen müssen. Manchmal sind es nur Tage, manchmal auch viele Monate, aber irgendwann haben Jugendamt und Familiengericht die Perspektive des Kindes geklärt und es geht in eine Dauerpflegefamilie, eine Einrichtung oder zurück zu den leiblichen Eltern.
Dieser Abschied ist für Anett Michels manchmal leichter, manchmal schwerer: „Wenn ich zum Beispiel die neuen Pflegeeltern kennenlerne und sehe, wie herzlich sie sind und wie happy, wenn man ihnen zum Beispiel so ein Baby in den Arm legt, dann kann ich gut loslassen“, sagt sie, während sie Lilli liebevoll wiegt. Nicht immer sei man innerlich einverstanden mit der Entscheidung über die weitere Zukunft eines Gastkindes. Manchmal habe man Kinder, die bereits als Säugling steinalt oder mit anderthalb Jahren leer und depressiv wirkten. „Wenn man dann sieht, wie sie hier aufblühen und sich entfalten, ist es nicht so einfach, eine Lösung zu akzeptieren, die man selbst nicht für optimal hält. Aber das zu akzeptieren, gehört einfach dazu“, sagt Michels.
Die Dauerpflegekinder in der Familie finden es alle prima, dass ihre Eltern anderen Mädchen und Jungen in Not helfen. Die Geschwister auf Zeit bekommen aber auch ihrerseits keinen Freifahrtsschein: „14 Tage wird eine Art Welpenschutz gewährt, denn die Gastkinder kennen oft keine Struktur. Danach passen die Geschwister schon sehr genau auf, dass die gleichen Regeln gelten wie für sie“, erzählt Anett Michels.
Klare Ansagen und Regeln
Klare Ansagen und Regeln seien das A und O für die Gestaltung ihres Familienalltags. „Ich habe oft den Eindruck, dass die Kinder das dankbar annehmen und sich regelrecht daran entlanghangeln“, so die Pflegemutter. Natürlich würden die aufgezeigten Grenzen auch ausgetestet: „Letztlich wollen sie aber genauso beim Essen sitzen bleiben müssen wie die anderen Kinder der Familie.“ Gleiche Regeln für alle spiegele auch, dass man den Gasteltern gleich viel wert sei.
Gerade die Verlässlichkeit der Pflegeeltern werde anfangs oftmals überprüft. „Gibt es wirklich jeden Tag etwas zu essen? Bekomme ich immer ein Frühstück mit in die Kita? Werde ich auch heute pünktlich abgeholt?“, erzählt Michels. Dass die 47-Jährige mit Leib und Seele Gast- und Pflegemutter ist, daran lässt sie keinen Zweifel. „Es ist sicher stressig, aber ohne Frage auch sehr schön. Zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, wie man innerhalb kürzester Zeit Positives bewirken kann, wenn man nur Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit in den Alltag bringt, das ist schon was Tolles.“
Eine große Portion Empathie, viel Geduld und letztlich auch Humor sind ebenfalls vonnöten, wenn man sich den Herausforderungen erfolgreich stellen will. „Und eine stabile Beziehung“, wie Anne Keßeler, Koordinatorin der Vollzeitpflege beim Kinderschutzbund Kreisverband Euskirchen, hinzufügt. Wenn von Jetzt auf Gleich ein neues Kind in die Familie kommt, müssten beide Partner voll und ganz hinter dieser Aufgabe stehen.
Kindern Schutz und Sicherheit bieten
Wichtig, so Keßeler, sei auch eine wertschätzende Haltung gegenüber den leiblichen Eltern – auch wenn man weiß, dass sie ihr Kind vielleicht nicht gut versorgt haben. Und oberstes Gebot im Umgang mit Bereitschaftspflegekindern: „Man soll ihnen ein Beziehungsangebot machen, kein Bindungsangebot.“ Konkret bedeute dies, den Kindern Sicherheit, Schutz und Verlässlichkeit zu bieten, ihnen aber auch immer klarzumachen, dass sie wieder gehen müssen.
Anett Michels gibt jedem Gastkind beim Abschied ein kleines Fotoalbum mit, damit sie auch von diesem Lebensabschnitt eine Erinnerung behalten. „Und dann war da Larissa, die beim Auszug ganz traurig meinte, dass wir sie sowieso bald vergessen würden.“ Die Pflegemutter griff zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Larissa durfte ihre Hände in Farbe tauchen und an der Wand im Kinderzimmer einen Abdruck hinterlassen. „Wenn wir den sehen, werden wir immer an dich denken“, versprach Michels dem Mädchen.
Mittlerweile haben sich zahlreiche bunte Abdrücke dazu gesellt – kleinere und größere Kinderhände und auch Babyfüße. Alle versehen mit dem Namen des Gastkindes und dem Aufenthaltszeitraum in der Familie Michels.
Eltern müssen mit vielen Institutionen und Menschen zusammenarbeiten
Bereitschaftspflegefamilien nehmen Kinder in akuten Krisensituationen bei sich auf, das heißt: Sie müssen sich von jetzt auf gleich auf ein Kind einlassen, solange, bis dessen Perspektive geklärt ist: Geht es zurück zu den leiblichen Eltern, in eine Dauerpflegefamilie oder in ein Heim?
Die Eltern auf Zeit müssen mit vielen Institutionen und Menschen eng zusammenarbeiten: mit den leiblichen Eltern, dem Jugendamt, dem Kinderschutzbund, mit Ärzten, Therapeuten, Verfahrens- und Umgangspflegern, gesetzlichen Betreuern und Gutachtern. Entsprechend stehen vielfältige Termine an: Besuchskontakte, Arzt-, Diagnose- und Therapietermine oder Hilfeplangespräche.
Zurzeit gibt es 15 Bereitschaftspflegefamilien im Kreis Euskirchen, in denen aktuell 23 Kinder untergebracht sind. Vier von ihnen machen ausschließlich Bereitschaftspflege, die anderen haben zudem auch Dauerpflegekinder bei sich aufgenommen. Im vergangenen Jahr waren insgesamt 59 Mädchen und Jungen vorübergehend in Bereitschaftspflegefamilien im Kreisgebiet untergebracht, einige wenige waren dort bereits seit 2016.
„Wir sind gut aufgestellt, suchen dennoch immer neue Bereitschaftspflegeeltern“, sagt Anne Keßeler vom Kinderschutzbund. Zurzeit sei nur ein einziger Platz frei, um ein Kind in einer Notlage unterzubringen. Wer Interesse an dieser Aufgabe hat, kann sich mit dem Kinderschutzbund Kreisverband Euskirchen in Verbindung setzen, der die Koordination innehat. Regelmäßig werden Schulungen angeboten, in denen angehende Vollzeit- und Bereitschaftspflegeeltern auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. (hn)

