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WeltfrauentagGleichstellungsbeauftragte im Kreis Euskirchen sieht Männer in der Pflicht

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Die Gleichstellungsbeauftragte Astrid Günther steht an ein Geländer gelehnt auf einem Balkon des Kreishauses.

Sieht in Sachen Gleichstellung vor allem auch die Männer gefordert: Astrid Günther, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises.

Für Astrid Günter besteht vor allem bei der Care-Arbeit und in der Politik im Kreis Euskirchen in Sachen Gleichstellung Handlungsbedarf

Am Weltfrauentag über Männer zu reden, klingt falsch, ist aber in den Augen der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Astrid Günther, nötig. „Das größte strukturelle Problem ist immer noch die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit“, fasst sie die aktuelle Situation in Sachen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zusammen. In der Regel übernehmen Frauen einen Großteil der Care-Arbeit. Darunter fallen Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushaltsaufgaben und der dazugehörige Mental Load, also das Planen, dran denken, organisieren.

Aus Günthers Sicht ergeben sich daraus zwei Probleme. Zum einen verrichteten die meisten Frauen diese Arbeiten unbezahlt. Zum anderen verhindere die Übernahme des Großteils der Care-Arbeit, dass Frauen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Führungsrollen einnehmen, weil ihnen dazu schlicht die Zeit fehle.

Schon bei der Erziehung die  Gleichberechtigung vorleben

Hier sieht Günther die Männer in der Pflicht. Sie müssten sich ebenso dafür einsetzen, dass Care-Arbeit gleichmäßig verteilt werde. Um dieses strukturelle Problem langfristig zu lösen, müsse man allerdings früh anfangen. „Da geht es tatsächlich schon um gendersensible Erziehung“, sagt Günther. Es sei wichtig, was man den Kindern zu Hause vorlebe. Wer von klein auf sieht, dass auch Papa Windeln wechselt, sich um die Wäsche kümmert und den Kindergeburtstag plant, kommt gar nicht erst auf die Idee, dass solche Aufgaben nur von Frauen erledigt werden können. Günther empfiehlt allen Paaren dazu einen Test der Initiative Equal Care Day, mit dem man durch simples Ankreuzen herausfinden kann, wer wie viel Sorgearbeit übernimmt.

Neben dem strukturellen Problem der ungleich verteilten Care-Arbeit sieht Günther im Kreis Euskirchen noch eine andere große Baustelle in Sachen Gleichstellung: „Es gibt eine Stagnation bei dem Thema politische Beteiligung von Frauen.“ Nur 24 Prozent der Kreistagsmitglieder seien Frauen, in den kommunalen Räten seien es im Schnitt nur 22 Prozent – der Landesdurchschnitt liege bei 31 Prozent. „Da haben wir eine Unterrepräsentation“, sagt sie.

Die weibliche Perspektive fehlt im Kreis Euskirchen

Und das hat Folgen: „Die Wahrnehmung von Frauen wird dann in der politischen Gestaltung nicht berücksichtigt.“ Um das Problem zu lösen, sieht Günther vor allem die Parteien in der Pflicht. Parität bei den Listenplätzen wäre ein wichtiger Schritt, sagt sie. Die Grünen zeigten, dass das gelingen könne. Auch könne man die Rahmenbedingungen verändern, um mehr Frauen Teilhabe zu ermöglichen, beispielsweise mit veränderten Sitzungszeiten.

Insgesamt bleibe in Sachen Gleichstellung noch viel zu tun, in Kürze soll es eine Veranstaltung zum sogenannten Gender-Health-Gap geben. Der Begriff beschreibt systematische geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gesundheitsversorgung - zum Nachteil der Frauen. So war beispielsweise lange Zeit nicht ausreichend bekannt, dass Frauen bei einem Herzinfarkt andere Symptome haben als Männer. Auch der Gender-Pay-Gap sei nach wie vor da und ein Problem so Günther und auch das Thema gendergerechte Sprache müsse weiter diskutiert werden.

Einen Preis für Männer gibt es vielleicht in 200 Jahren

Für all das sei es wichtig, dass es den Weltfrauentag gebe. Um genau hinzuschauen und Probleme in den öffentlichen Diskurs zu bringen. „Das würde es ohne diesen Tag nicht geben“, betont Günther. Der 8. März habe aber noch eine zweite wichtige Daseinsberechtigung: Erinnerung. „Erinnerung dran, was Frauen schon geleistet haben, um uns etwas zu ermöglichen.“ Dass Frauen wählen gehen, den Führerschein machen, Skispringen und frei über ihre Berufswahl entscheiden dürfen, ist nicht selbstverständlich. Es ist alles in den vergangenen Jahrzehnten von Frauen erkämpft worden. Um diesen Frauen Respekt zu erweisen, auch dafür gibt es den Weltfrauentag.

Der Kreis Euskirchen verleiht anlässlich diesen Tages am Montag, 9. März, außerdem den Margaretha-Linnery-Preis an eine Frau des Jahres. Kritik an diesem Tag und dem Preis, vor allem von Männern, kennt Astrid Günther. Sätze wie, dass es jetzt doch mal gut sein müsse, oder Fragen danach, wann es einen Männertag gebe (es gibt ihn, am 19. November) seien wie ein Grundrauschen, dass diesen Tag begleite. Günther kann darüber nur die Augen verdrehen. Auf die Frage, wann es denn einen Preis für Männer vom Kreis gebe, antwortet sie nur: „ Laut UN dauert es noch etwa 200 Jahre bis weltweit alle Ungleichheiten ausgeglichen sind. Dann können wir darüber reden.“


Was macht Politik weiblich? Diese Frage wollen die Grünen aus Heimbach und Mechernich am Sonntag, 8. März, diskutieren. Sie laden dazu ins Wasserkraftwerk nach Heimbach ein. Los geht es um 14 Uhr mit einer Führung. Anschließend gibt die Landtagsabgeordnete Dr. Julia Höller Einblicke in Ihre Arbeit. Ab 16.30 Uhr soll dann ein Austausch stattfinden. Eine Anmeldung per Mail (kontakt@gruene-heimbach.de) ist erforderlich.


Nur wenige Frauen im Kreis Euskirchen arbeiten in Vollzeit

Mehr als zwei Drittel der Frauen im Kreis Euskirchen arbeiten nicht in Vollzeit. Das teilt die Agentur für Arbeit anlässlich des Weltfrauentags mit. Demnach stellen Frauen 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten und 68 Prozent der Minijobber im Kreis. Nur 32 Prozent der Frauen arbeiten in Vollzeit. „Hier zeigt sich ein deutliches strukturelles Muster, das unmittelbare Auswirkungen auf Einkommen, Aufstiegschancen und Altersvorsorge hat“, heißt es in der Mitteilung.

Doch es gibt auch Positives: Im Juni 2025 waren rund 28.000 Frauen im Kreis sozialversicherungspflichtig beschäftigt, ein Plus im Vergleich zum Vorjahr von 1,7 Prozent. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum sank die Beschäftigung von Männern um 2,4 Prozent. „Damit stabilisieren Frauen aktuell maßgeblich die Beschäftigung im Kreis Euskirchen.“ Der Internationale Frauentag sei daher auch ein wirtschaftlicher Auftrag für mehr Unterstützung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt.