Expertinnen aus dem Verein Frauen helfen Frauen sprechen über Benachteiligung und die Strukturen, die dahinter stehen.
Gleichberechtigung im Kreis Euskirchen„Wir brauchen den feministischen Kampftag“

Am 8. März demonstrieren Menschen für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft.
Copyright: Focke Strangmann/dpa
Es ist nach wie vor das klassische Familienmodell: Sie kümmert sich um Kinder und Haushalt, er arbeitet und verdient das Geld. Ein Modell, das so lange funktioniert, wie es keinen größeren Konflikt gibt. Denn die Frauen begeben sich in eine finanzielle Abhängigkeit. Dass das zu einem massiven Problem werden kann, wissen Johanna Nientiedt, Jana Roes und Alesha Gasior vom Verein Frauen helfen Frauen nur zu gut. Besonders schlimm sind die Fälle, in denen Konflikte zu Gewalt führen.
„Gewalt gegen Frauen entsteht nicht im luftleeren Raum“, bringt es Johanna Nientiedt, Beraterin im Fachbereich sexualisierte Gewalt, auf den Punkt: „Sie hängt häufig mit ökonomischen Abhängigkeiten, Wohnraummangel und traditionellen Rollenbildern zusammen.“
675 Fälle häuslicher Gewalt wurden 2024 im Kreis Euskirchen erfasst
Sie nennt einen Beispielfall aus der Praxis: Eine Frau hat geheiratet, sich um die Kinder gekümmert und nicht mehr als 450 Euro im Monat verdient. Dann gibt es einen Konflikt, der Mann wird gewalttätig. Die Frau möchte sich trennen, hat aber kein Einkommen und keine Aussicht auf Rente. Sie möchte sich um die Kinder kümmern, die die Gewalt miterleben, und gleichzeitig die Emotionen des Mannes regulieren. Auch Unterkünfte, die bereitgestellt werden, kosten 30 bis 150 Euro pro Nacht, eher 150.

Berät hilfesuchende Frauen: Sozialarbeiterin Johanna Nientied.
Copyright: Gerriet Scheben
Die Frau wird aufgrund der Aufnahmeauflagen gezwungen, ins Bürgergeld zu wechseln. Durch die fehlende Arbeit verliert sie noch weitere soziale Kontakte. Und durch die Kinder wird der Kontakt zum gewalttätigen Mann gezwungenermaßen aufrechterhalten, auch durch die juristische Seite.
675 Fälle häuslicher Gewalt listet die polizeiliche Kriminalstatistik für den Kreis Euskirchen im Jahr 2024 auf. Dazu kommen die Fälle, die nicht bei der Polizei angezeigt werden.
Gerade Mütter sind häufig von finanziellen Problemen betroffen
Doch finanzielle Abhängigkeit wird nicht nur in den Fällen, in denen es zu Gewalt kommt, zum Problem. Da Frauen mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen, arbeiten sie statistisch belegt häufiger in Teilzeit. „Viele Frauen fragen sich: ,Wie soll ich das eigentlich machen mit meiner Altersvorsorge?'“, zitiert Jana Roes, Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte und Familienplanung, die Sorgen der Betroffenen. Gerade nach der Familiengründung machten sich strukturelle Ungleichheiten deutlich bemerkbar. „Wir haben viel zu tun mit Familien, die Unterstützung brauchen“, so Roes.

Unterstützen hilfesuchende Frauen im Kreis Euskirchen: Sozialarbeiterin Alesha Gasior (v.l.), Vorständin Bettina Glück und und Sozialarbeiterin Jana Roes beim Verein Frauen helfen Frauen.
Copyright: Gerriet Scheben
Gerade Mütter seien häufig von finanziellen Problemen betroffen. Nach Roes Erfahrungen können die Betroffenen ihr Leben oftmals nicht erfüllt gestalten. In den Sozialen Medien verstärke sich die Idealisierung der Mutterrolle noch weiter. Das setze Frauen unter Druck. Roes: „Wenn Väter mit dem kranken Kind zu Hause bleiben, werden sie gelobt. Mütter werden dafür in die Pfanne gehauen.“
Und sie nennt noch ein Beispiel: „Väter nehmen oft keine Elternzeit, Mütter dagegen nehmen meist ein Jahr.“ Man argumentiere, dass das Geld der Männer nicht wegfallen dürfe. Eine faire Aufteilung sehe sie in der Beratung fast nie. Da nütze es auch nicht viel, dass Frauen und Männer vor dem Grundgesetz gleichgestellt seien, sagt Nientiedt: „Rechtliche Gleichberechtigung und faktische Gleichberechtigung sind zwei Paar Schuhe.“
Frauen landen häufiger in schlecht bezahlten Jobs
Das lasse sich auch auf dem Arbeitsmarkt beobachten. Mädchen würden eher mit Fokus auf emotionale Arbeit erzogen als Jungen, sagen die drei Expertinnen. Das wirke sich dann auf die Berufswahl aus: Junge Frauen wählten häufiger schlechter bezahlte, wenngleich gesellschaftlich sehr wichtige Jobs wie den der Erzieherin oder Pflegekraft.
Doch auch bei der Suche nach besser bezahlten Stellen lege man Frauen häufig Steine in den Weg: „In der Chirurgie gibt es häufig Vorbehalte gegen Chirurginnen“, nennt Nientiedt ein Beispiel. Zwar studieren laut Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung deutlich mehr Frauen (65 Prozent) als Männer Medizin – die Spitzenpositionen bekleideten aber größtenteils Männer. Eine Vereinbarkeit mit der Familie werde teils bewusst erschwert: „Die Professionen werden extra so gestaltet, dass Teilzeitkräfte es schwieriger haben.“
Auch Männer leiden unter den Strukturen
Für Frauen, die überwiegend in Teilzeit arbeiten, erwächst ein weiteres Problem: „Es mangelt an Kita-Plätzen“, sagt Roes. Aufgrund fehlender Fachkräfte komme erschwerend hinzu, dass Kitas nicht selten geschlossen blieben. Der Mental Load, damit gemeint ist etwa das unsichtbare Management der Familie, liegt laut Roes oft bei den Müttern: „Die Frauen müssen mehr jonglieren. Sie sind es, die die Ratgeber durchlesen. Jetzt im Frühling machen sie sich Gedanken, welche Kleidung der Kinder zum Wetter passt.“ Bei der ganzen Fürsorge für andere Menschen komme die Zeit für sich selbst oft zu kurz.
Insgesamt stellen die Beraterinnen einen Rückgang von Hilfsangeboten für Frauen (mit Mehrfachbelastungen) im Kreis fest. Diese Kürzungen träfen Menschen, die bereits benachteiligt seien, darunter viele Frauen. Doch nicht nur diese werden laut Expertinnen durch die patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft benachteiligt. „Es leiden alle unter ihnen“, sagt Gasior.
Männer kämpften mit dem Druck, der Versorger der Familie sein zu müssen. Queere Menschen litten unter den Geschlechtskategorien „Männer und Frauen“, wenn sie etwa nicht in eine der Boxen passten, und sind laut Nientiedt auch viermal häufiger von Gewalt betroffen. „Wir brauchen den feministischen Kampftag“, sind sich die drei Frauen daher einig.


