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Abu Dhabi und DohaUrlauber aus dem Kreis Euskirchen stranden im Kriegsgebiet

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Das Archivfoto zeigt das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“ in Kiel auf der Förde.

Die Ozeanriesen „Mein Schiff 4“, hier ein Archivfoto aus Kiel, und „Mein Schiff 5“ liegen seit dem Wochenende im Persischen Golf fest.

Die Urlauber sitzen auf Kreuzfahrtschiffen in den Häfen am Persischen Golf fest. Wann sie nach Hause zurückkehren können, ist unklar.

Was als Traumurlaub auf einem Kreuzfahrtschiff begann, endete für mehrere tausend Passagiere im Kriegsgebiet. In den Häfen von Abu Dhabi und Doha liegen seit dem Wochenende „Mein Schiff 4“ und „Mein Schiff 5“ der TUI Cruises fest. Der Flugverkehr ist eingestellt, die Schifffahrt durch die Straße von Hormus undenkbar.

An Bord der Schiffe sind unter anderem ein Ehepaar aus dem Südkreis und ein Euskirchener. Dass es ihnen gut geht und sie sich sicher fühlen, berichten sie unisono. Aber auch, dass sie sehr gemischte Gefühle haben. „Es ist ein beklemmendes Gefühl, festzusitzen und ständig Explosionen in der Ferne zu hören“, berichtet der Euskirchener.

Bei der Fahrradtour in Doha ging plötzlich der Alarm auf dem Handy los

Der Samstag hatte für sie sehr entspannt begonnen, wie bis dato jeder Tag der Kreuzfahrt. Dass die USA und Israel den Iran angegriffen hatten, ahnte niemand, als sie zu Ausflügen aufbrachen. Während die Eifeler in Abu Dhabi schon wieder auf dem Schiff waren und es sich auf dem Sonnendeck gemütlich gemacht hatten, war der Euskirchener in Doha noch an Land. „Wir waren gerade bei einer Fahrradtour in der Altstadt, als plötzlich auf allen Handys ein Alarm losging – ein richtiger Luftalarm, erst auf Arabisch, dann auf Englisch“, berichtet er über die per Call-Broadcast auf die Smartphones versandten Nachrichten: „Zuerst dachten wir an einen Probealarm. Ich habe aber sofort gesagt: Der Trump hat vielleicht gerade den Krieg angefangen.“

Das Bild zeigt den Screenshot einer Cell-Broadcast-Meldung auf Arabisch und Englisch, die Urlauber in Doha als Warnung vor Luftangriffen erhalten haben.

Der Alarm wurde per Cell-Broadcast auf Arabisch und Englisch auf die Smartphones der Menschen in Doha geschickt.

Auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffes sind zahlreiche Sonnenliegen aufeinandergestapelt.

In den überdachten Bereichen der Schiffe ist der Aufenthalt erlaubt, draußen, wo Trümmerteile herabfallen könnten, nicht.

Ähnlich erging es dem Ehepaar. Man habe sechs laute Knallgeräusche gehört und weißen Rauch am Himmel gesehen. „Wir fragten und natürlich: Was ist das?“ Die Aufklärung erhielten die Passagiere durch die Nachrichten und die Anweisungen von TUI, sofort zum Schiff zurückzukehren und sich ausschließlich im Innenbereich aufzuhalten.  Außendecks und Bereiche mit Glasfronten – etwa Restaurants, Sauna oder der Spa-Bereich – wurden gesperrt. Diese Maßnahmen sind inzwischen etwas gelockert. Verboten ist der Aufenthalt weiterhin in offenen Bereichen, wo Trümmerteile herunterfallen könnten.

„Es war Hektik, überall liefen Menschen mit Rucksäcken, und im Hintergrund hörte man Explosionen. Zunächst dachten wir, das wären vielleicht Feuerwerke. Später stellte sich heraus, dass es Abfangraketen waren“, so der Euskirchener. „Es herrschte natürlich Unruhe auf dem Schiff. Viele Mütter mit Kindern waren sehr aufgeregt“, ergänzt der Eifeler.

In Abu Dhabi flog eine Rakete recht nach am Kreuzfahrtschiff vorbei

Für das Ehepaar und die Passagiere in Abu Dhabi sollte sich die Lage noch verschärfen: Iranische Drohnen wurden auf US-Stützpunkte in der Nähe abgefeuert, eine flog recht nah am Schiff vorbei. Die meisten Raketen wurden abgefangen, eine traf den Marinestützpunkt und soll dort zwei Container in Brand gesetzt haben.

Da es weiterhin zahlreiche Angebote an Bord gebe, sei alles durchaus einfacher, sagt der Eifeler. Doch mit einem erholsamen Urlaub habe das alles gerade nichts zu tun. Er und seine Frau sind sehr kreuzfahrterfahren, haben bereits ein paar Dutzend Touren gemacht. In eine Lage wie diese sind sie noch nie geraten: Dass sie von der Corona-Pandemie und den einsetzenden Lockdowns ebenfalls auf dem Wasser überrascht wurden, nicht nach Katar weiterfahren durften und stattdessen in Dubai von Bord mussten, sei dagegen gar nichts gewesen.

Wann die Urlauber aus dem Kreis Euskirchen heimkehren ist unklar

Die aktuelle Orient-Reise sei einer der schönsten Urlaube gewesen. Vor einigen Tagen habe er zu seiner Frau scherzhaft gesagt, dass man doch einfach noch eine Woche dranhängen sollte. Womöglich wird er sich solch einen Kommentar künftig verkneifen: „Das ist jetzt ganz anders als gedacht.“ Eigentlich hätte das Ehepaar am Sonntag nach Hause fliegen sollen. Doch schon am Samstag sei klar gewesen, dass das unmöglich sei, also seien die Abreisevorbereitungen gar nicht weiter verfolgt worden. Wann und wie die Heimreise möglich sein wird, steht aktuell in den Sternen. Ebenso für den Euskirchener: „Ich habe am Freitag einen wichtigen Termin, weiß aber nicht, ob ich den wahrnehmen kann.“

Eine große Rückholaktion für gestrandete Urlauber hatte Außenminister Johann Wadephul am Wochenende zunächst ausgeschlossen. Am Montag kam jedoch Bewegung in die Lage. Konkrete Lösungen hat auch der Veranstalter noch nicht: „Unser Fokus liegt aktuell darauf, gemeinsam mit unseren Airline-Partnern tragfähige Lösungen für die Rückreise unserer Gäste zu entwickeln. Dabei prüfen wir fortlaufend auch alternative Routings, Ausweichflughäfen sowie regionale Flughäfen außerhalb der unmittelbar betroffenen Gebiete. Die Organisation der Rückreisen hat, neben der umfassenden Betreuung unserer Gäste an Bord, derzeit höchste Priorität,“ heißt es am Montagmittag in einer Mitteilung auf der TUI-Cruises-Website.

Die Passagiere fühlen sich an Bord sicher und gut versorgt

Auf ihrem „Mein Schiff 4“ bleiben die Passagiere an Bord, durch die Luftraumsperrungen seien noch keine Gäste für die nächste Tour angekommen. Dies ist laut dem Euskirchener in Doha auf „Mein Schiff 5“ anders gewesen. Neue Gäste seien eingetroffen, während die abreisenden Passagiere wegen der angespannten Lage nicht von Bord durften: „Die Busse zum Flughafen waren schon unterwegs, mussten aber wieder umkehren. Die Koffer waren da schon weitertransportiert worden – ein logistisches Chaos.“

Neben den Informationen, die die Reisenden durch die Registrierung in der Krisenvorsorgeliste vom Auswärtigen Amt erhalten, halten auch die Kapitäne ihre Gäste mit regelmäßigen Durchsagen auf dem Laufenden „Nach Einschätzung aller zuständigen Stellen gilt unser Schiff als einer der sichersten Aufenthaltsorte in der Region“, hieß es am Montag in der Ansprache.

Das ist auch das Gefühl der Reisenden aus dem Kreis Euskirchen. Gerade, wenn die akuten Notlagen ausgerufen werden, sei die Stimmung an Bord sehr angespannt, sagt der Eifeler. Doch generell seien die Gäste ruhig: „Was ein Glück, dass alle sehr besonnen sind und es hier kein Chaos gibt.“ Einig sind die Gestrandeten beider Schiffe in der Bewertung der Crews, die einen ausgezeichneten Job machten. „Die Mannschaft gibt sich alle Mühe. Man versucht, uns bei Laune zu halten“, so der Euskirchener.