Abo

Social EntrepreneurWeilerswister Firma gibt Wachs zweite Chance – Takasago beeindruckt Jury

5 min
Das Bild zeigt die Finalisten des Social-Entrepreneur-Award, die sich zu einem Gruppenbild aufgestellt haben.

In der Ideenfabrik in der Alten Tuchfabrik wurde vom Kreis Euskirchen der Social-Entrepreneur-Award für nachhaltige und sozialengagierte Unternehmen und Organisationen.

In der Ideenfabrik in Euskirchen hat der Kreis den Social-Entrepreneur-Award verliehen. Dabei überzeugt Wachswandel die Jury mit einem Pitch wie in „Die Höhle der Löwen“.

„Ich habe einfach die Augen aufgemacht“, sagte John Pierre Ackermann: „Und eine rote Mülltonne in meinen Vorgarten gestellt.“ Aus dieser einen Tonne wurden schnell viele. „Man kann sich vorstellen, wie meine Nachbarn reagiert haben“, sagte der Metternicher lachend. Ein gutes halbes Jahr später darf sich Ackermann nun Social-Entrepreneur-Sonderpreissieger nennen.

Beim Wettbewerb geht es darum, Unternehmer auszuzeichnen, die Nachhaltigkeit und Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen – sei es durch außergewöhnliche Familienfreundlichkeit, vorausschauendes Gesundheitsmanagement, innovative Arbeitszeitmodelle, Vielfalt in der Belegschaft oder soziales Engagement. Oder, wie man in der Eifel sagt: „'ne joode Chef“ zu sein.

Aus dem Vorgarten in Metternich ins Weilerswister Gewerbegebiet

Ackermann ist nicht nur ein guter Chef. Er leitet das vierköpfige Start-up „Wachswandel UG“, das aus seinem Vorgarten ins Weilerswister Gewerbegebiet gezogen ist – und dort aus Wachsresten neue Kerzen produziert. „Bis zu 16 Prozent einer Kerze bleiben unverbrannt – selbst bei kleinen Teelichtern“, erklärte er. Millionenfach landet dieses Wachs täglich im Müll.

Hier setzt Wachswandel an: Das Start-up gibt Kerzenwachs ein zweites Leben – sozial, nachhaltig und verantwortungsvoll. Mehr als 40 Sammelstellen bundesweit nehmen alte Kerzenreste entgegen. Bereits mehr als 6,5 Tonnen Wachs wurden gesammelt, 3,5 Tonnen davon wiederverwertet. „Wir wollen zeigen, dass selbst kleinste Reste etwas bewirken können“, betonte Ackermann.

Das Bild zeigt einen Moment der Preisverleihung. Auf einer Bühne wird diskutiert.

In einer Talkrunde wurde über die Vorteile nachhaltigen Wirtschaftens gesprochen.

Das Bild zeigt den Gründer von Wachswandel auf der Bühne mit Markus Ramers.

John Pierre Ackermann (l.) nimmt den Preis von Landrat Markus Ramers entgegen.

Wachswandel versteht sich nicht nur als Recyclingunternehmen, sondern auch als Haltung. Von Beginn an verpflichtet sich das Team, einen Teil des Umsatzes an Organisationen und Projekte zu spenden, die gesellschaftlich wichtige Arbeit leisten. Im Betrieb ergänzen mittlerweile zwei Maschinen die roten Sammeltonnen – etwa um recycelte Kerzen herzustellen. „Wir können Grablichter komplett recyceln – Wachs, Plastik und alles, was darin steckt“, sagte Ackermann.

Beim Sonderpreis, der erstmals vergeben wurde und speziell kleine Unternehmen auszeichnet, setzte sich Wachswandel UG gegen „Eifelurlaub“ und „Faircafé Zülpich“ durch.

Der Award war Teil des Social-Entrepreneur-Awards, den der Kreis Euskirchen zum zweiten Mal ausgeschrieben hat. „Wir haben doppelt so viele Bewerbungen wie im Vorjahr – das zeigt, wie relevant das Thema geworden ist“, sagte Landrat Markus Ramers. 32 Betriebe mit rund 8900 Beschäftigten und mehr als 1000 ehrenamtlich engagierten Mitarbeitenden hatten sich insgesamt beworben.

Wir haben doppelt so viele Bewerbungen wie im Vorjahr – das zeigt, wie relevant das Thema geworden ist.
Markus Ramers, Landrat

„Der Social-Entrepreneur-Award ehrt Unternehmen, die nicht nur auf Gewinnmaximierung setzen, sondern gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – für ihre Mitarbeitenden, ihr Umfeld und die Umwelt. Im Kreis Euskirchen haben wir starke Betriebe, die an das Wohl und die Zukunft unserer Region denken“, so Ramers.

Die Preisverleihung selbst war ein bunter Mix aus Wirtschaftsgala und Castingshow – irgendwo zwischen „Die Höhle der Löwen“, Eurovision Song Contest und „Kreis Euskirchen sucht das Superunternehmen“. Mit dabei: Niklas Kronenberg von Takasago in Zülpich. In nur drei Minuten präsentierte er das Unternehmen und dessen soziales Engagement.

Bunter Mix aus Wirtschaftsgala und Castingshow

In Japan, dem Heimatland von Takasago, sei es selbstverständlich, dass Unternehmen neben wirtschaftlichen Zielen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, erklärte Kronenberg. „Firmen sollen das Leben der Menschen um sie herum verbessern.“

Diese Haltung prägt auch die europäische Tochtergesellschaft. Ein Beispiel ist der jährliche Gesundheitstag: „Unser Geschäftsführer sagt immer: Die wichtigsten Kunden von Takasago sind die Menschen, die für Takasago arbeiten. Geht es ihnen gut, folgen gute Ergebnisse von selbst.“

Bewegendes Beispiel von Solidarität bei Takasago in Zülpich

Gelebte Inklusion ist ebenfalls Teil der Unternehmenskultur. Gemeinsam mit Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung hat Takasago Europe eine Vereinbarung geschaffen, die Menschen mit Behinderungen eine aktive Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht.

Ein besonders bewegendes Beispiel: Arbeitskollege Max erkrankte an lebensbedrohlicher Leukämie. Das Unternehmen organisierte DKMS-Registrierungsaktionen, mobilisierte Belegschaft und Öffentlichkeit – und tatsächlich fand sich ein Spender. „Max ist heute wieder bei uns – das hat uns tief bewegt. Seitdem wissen wir, welche Kraft in Solidarität steckt“, so Kronenberg.

Mit seinem Beitrag überzeugte Kronenberg nicht nur die Fachjury, sondern auch das Publikum in der Alten Tuchfabrik, wo die Preisverleihung stattfand. Die Gäste stimmten per Smartphone ab, das Ergebnis floss ins Jury-Voting ein. In der Endrunde setzte sich Takasago gegen das Deutsche Rote Kreuz, den Krewelshof, die Marienborn gGmbH und die Marien-Hospital GmbH durch.


„Wir brauchen mehr Social Entrepreneurship – und zwar dringend.“

„Wir brauchen mehr Social Entrepreneurship – und zwar dringend.“ Mit diesem Appell eröffnete Professor Stephan Hankammer seinen Impulsvortrag bei der Verleihung des Social-Entrepreneur-Awards 2026 in der „Ideenfabrik nachhaltige Wirtschaft“. Hankammer machte deutlich: Die Lösung gesellschaftlicher und ökologischer Probleme ist nicht nur Aufgabe der Politik, sondern vor allem der Wirtschaft.

„Unternehmerinnen und Unternehmer sind Zukunftsgestalter. Sie tragen Verantwortung – nicht nur für Gewinn, sondern für die Welt, in der wir leben“, so Hankammer. Dass der Kreis Euskirchen diesem Thema mit einem eigenen Preis eine Bühne bietet, sei „ein starkes Signal“ – besonders in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit in Politik und Medien mitunter in den Hintergrund rücke.

Preis für wirtschaftliche Erfolge ist enorm hoch

In seinem Vortrag zeichnete Hankammer ein deutliches Bild der globalen Lage: Wirtschaftlich habe die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten zwar enorme Erfolge erzielt, der Preis dafür sei jedoch hoch. „Wir haben Wachstum erzeugt – aber auf Kosten der planetaren Stabilität. Wir leben über die Regenerationsfähigkeit der Erde hinaus. Würden alle so konsumieren wie wir in Deutschland, bräuchten wir drei Planeten.“

Anhand des sogenannten „Donut-Modells“ erläuterte Hankammer das Spannungsfeld zwischen sozialer Unterversorgung und ökologischer Überlastung: „Fallen wir nach außen, zerstören wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Fallen wir nach innen, verfehlen wir die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse. In beiden Fällen fehlt Zukunftsfähigkeit.“

Das Bild zeigt den Experten in der Ideenfabrik.

Professor Stephan Hankammer während seines Vortrags.

Kritisch äußerte sich der Wissenschaftler auch zur aktuellen Unternehmenspraxis: „Viele Firmen behaupten, nachhaltig zu handeln – tatsächlich verschlechtern sich ökologische und soziale Indikatoren weiter.“ Der Grund dafür: Nachhaltigkeit werde oft lediglich als Zusatz verstanden. „Man hängt ein bisschen Verantwortung an bestehende Geschäftsmodelle, statt sie grundlegend zu verändern. Solange Nachhaltigkeit nur ein Anhängsel bleibt, leben wir in einer ,Ära der Un-Zukunftsfähigkeit'.“

Hankammer sieht im Social Entrepreneurship die Lösung: „Das ist die Königsdisziplin des Unternehmertums. Social Entrepreneurs denken nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen: Sie erkennen ein Problem und entwickeln ein Geschäftsmodell, das genau darauf antwortet.“