Großartige Leistungen von den neuen Azubis: Die Baufirma Müller aus Marmagen ist bei der Nachwuchs-Suche in Äthiopien fündig geworden.
Von Äthiopien nach DeutschlandAusbildung in Marmagen: Zwei Azubis, die den Chef übertreffen

Den Fachkräftemangel unkonventionell verringert haben Sevedin Wilke (l.) und Firmenchef Klaus Müller (r.) mit ihren beiden neuen Azubis.
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Berufsschulnoten knapp unter 100 Punkten, nie zu spät am Arbeitsplatz oder unmotiviert, beliebt bei den Kollegen und freundlich im Umgang: Wer seinem Azubi ein solches Zwischenzeugnis ausstellen kann, ist ein zufriedener Chef. Wenn er gleich zwei davon hat, steigert sich die Freude. Und wenn die beiden diese großartigen Leistungen auch noch mehr als 5000 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat entfernt abliefern, wird die Sache endgültig bemerkenswert. Das Bauunternehmen Müller aus Marmagen bildet aktuell zwei Maurer aus Äthiopien aus, die eigens zur Lehre nach Deutschland gekommen sind. Die Zwischenbilanz nach dem ersten Ausbildungsjahr kann sich sehen lassen.
Betrieb in der sechsten Generation
Klaus Müller leitet den Marmagener Betrieb in der sechsten Generation. Das Unternehmen blickt auf 151 Jahre Geschichte zurück. Er übernahm die Geschäftsführung nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Andreas, da war er gerade mal 21 Jahre alt und hatte den Meisterbrief im Maurer- und Betonbauerhandwerk frisch in der Tasche. Heute beschäftigt er 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Kerngeschäft sind Hoch- und Tiefbau, Sanierungen und Abbrucharbeiten. Bei der Suche nach Auszubildenden wurde Müller auf eine Initiative der Bauverbände NRW aufmerksam und war sofort interessiert: Sein Unternehmen hat bereits Erfahrung in der Integration ausländischer Mitarbeiter. „Wir haben zum Start ein Videotelefonat mit den beiden geführt und waren überrascht, wie gut sie Deutsch sprechen konnten“, berichtet Müller.
Tsegazeab Endashaw Fikru und Milkyas Terefe Bekele sind seit 2025 Teil des Teams der Firma Müller. Der Einfachheit halber werden sie auf dem Bau von den Kollegen Tsega und Mike genannt. Ihre Ausbildung startete am 1. September; wenige Tage zuvor lebten sie noch in Äthiopien. Die Vorbereitung auf die Lehre in Deutschland war zu diesem Zeitpunkt aber schon weit fortgeschritten: Sie besuchten einen Deutschkurs mit B1-Nachweis und belegten ihre Qualifikation; beide hatten in ihrem Heimatland Architektur studiert. Damit kamen sie in die engere Auswahl der Bauverbände NRW. Diese betreiben in Äthiopien eine Initiative zur Anwerbung von Auszubildenden für die deutsche Baubranche. Die Bauverbände nehmen dazu Kontakt mit Kandidaten in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba auf. Dort werden Qualifikation und Motivation geprüft; obendrauf gibt es noch eine Einführung in den Bauwortschatz: Bagger, Gerüst, Betonmischer, Helm und Ähnliches.
Schnell war im Müller-Team klar: Die beiden passen zu uns – und wir lassen uns auf das Abenteuer ein. Denn bei allem Engagement der Bauverbände: Den „Azubi to go“ können sie nicht liefern, den gibt es eher in der Region. Zuletzt enttäuschten viele Bewerber den Betrieb allerdings, so Müller: unpünktlich, unmotiviert und uninteressiert – so fasst der Marmagener die Erfahrungen mit deutschen Azubis zusammen. Sein Mitarbeiter Sevedin Wilke ergänzt: „Die Arbeit auf der Baustelle ist ein harter, körperlich fordernder Job. Viele junge Leute in Deutschland haben dazu keine Lust.“
Organisation der Ausbildung: Von Visum bis Flug
Wilke und sein Kollege David Scholz kümmerten sich um die Organisation der Ausbildung. „Visum, Arbeitserlaubnis, Versicherungen, Anmeldung, Flug“, nennt Wilke als Beispiele. Die entsprechenden Nachweise wurden im Betrieb in einen dicken DIN-A4-Umschlag eingetütet, frankiert und per Luftpost nach Äthiopien geschickt, während die Vorbereitungen vor Ort weitergingen. Das Müller-Team organisierte eine Wohnung, kümmerte sich um Ausstattung und Möblierung und sorgte für die Mobilität der Azubis. Zwei E-Roller gehören deshalb jetzt zum Firmenfuhrpark.
Wenige Tage vor dem Start der Ausbildung holte Wilke die beiden Äthiopier vom Flughafen in Frankfurt ab, sie bekamen ihre Firmenkleidung, man ging gemeinsam im Supermarkt einkaufen und Wilke stellte fest: „Das Ankommen war für sie schon ein Kulturschock.“ Auf der Baustelle legte der sich dann schnell. Denn Tsega und Mike packten sofort an und waren dank ihrer Sprachkenntnisse bald Teil des Bauteams – auch wenn Tsegazeab Endashaw Fikru bescheiden einschränkt: „Am Anfang mussten wir uns an die Sprache gewöhnen. Denn wir konnten zwar ein bisschen Deutsch, aber wir mussten noch viel lernen. Das klappt aber inzwischen gut.“ Milkyas Terefe Bekele berichtet über den Arbeitsalltag auf den Eifeler Baustellen: „Es ist harte Arbeit, aber sie gefällt uns sehr gut und wir fühlen uns hier bei der Firma Müller richtig wohl.“
Die Struktur seines Familienbetriebes habe die Integration erleichtert, sagt Klaus Müller, man kenne sich und achte aufeinander: „Je größer der Laden wird, desto unübersichtlicher ist er auch.“ Glücklicherweise harmonierten die Azubis auch gut miteinander: „Die haben sich ja erst beim Auswahlverfahren in Äthiopien kennengelernt. Und jetzt sind sie Freunde geworden“, sagt Wilke. Als Team sind sie seitdem auf den Baustellen der Region unterwegs und überzeugen nicht nur dort, wie Müller betont: „Man muss hervorheben, dass die beiden in der Berufsschule Superleistungen abliefern. 95 von 100 Punkten – sowas habe ich noch nie erlebt. In meiner Ausbildung war ich schon froh, wenn ich mal 90 hatte.“ Entsprechend offen ist er für die Einstellung weiterer Azubis aus Äthiopien und entsprechend zuversichtlich blickt er auf Tsegas und Mikes Perspektiven: „Sie haben jetzt noch zwei Ausbildungsjahre vor sich. Wir werden sicherlich mit ihnen darüber sprechen, ob sie danach bei uns bleiben möchten.“ (thw)
