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Vortrag in EuskirchenFür Simon Terodde ist Spiel mit dem 1. FC Köln Tiefpunkt der Karriere

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Das Bild zeigt Simon Terodde im Trikot des 1. FC Köln.

Stürmer Simon Terodde schoss unter anderem den 1. FC Köln in die Bundesliga.

In Euskirchen spricht Ex-Bundesliga-Profi Simon Terodde offen von Rückschlägen, Selbstzweifeln und seinem neuen Lebensweg.

177 Zweitliga-Tore, viermal Torschützenkönig in der zweiten Liga, Aufstiege mit Köln, Stuttgart und Schalke: Simon Terodde ist einer der erfolgreichsten Stürmer der deutschen Fußballgeschichte – zumindest unterhalb der Bundesliga. Doch genau diese Grenze, die zwischen erstem und zweitem Oberhaus, wurde für den gebürtigen Bocholter zum Prüfstein seines Lebens.

Bei einem Vortrag bei der AOK Rheinland/Hamburg an der Neustraße in Euskirchen sprach der 37 Jahre alte Terodde offen über seine Karriere, über Rückschläge, Selbstzweifel – und darüber, wie er gelernt hat, mit Druck umzugehen.

Von der Bundesliga geträumt, vor 200 Zuschauern gespielt

Mit 18 Jahren wird Simon Terodde Profi beim MSV Duisburg, kurz darauf wechselt er zu Fortuna Düsseldorf. Doch schwere Verletzungen werfen ihn früh zurück. „Mit 21 stand ich ohne Verein da“, erzählt er. „Von der Bundesliga träumst du, und plötzlich spielst du vor 200 Zuschauern in der Regionalliga.“

Ein alter Bekannter, Trainer Frank Schäfer, gibt ihm beim 1. FC Köln II eine neue Chance. „Ich wollte eigentlich aufhören. Aber er hat gesagt: Fang noch mal ganz klein an.“ Der Neustart gelingt. Nach guten Leistungen rückt Terodde in den Profikader auf – als Ersatz für den verletzten Lukas Podolski. Es folgen Stationen in Berlin, Bochum und Stuttgart. Besonders beim VfL Bochum trifft er regelmäßig, erzielt in einer Saison 25 Tore. Der Traum von der Bundesliga scheint greifbar.

Das Bild zeigt Simon Terodde während des Vortrags in Euskirchen.

Simon Terodde, Ex-Bundesliga-Profi, bei der AOK in Euskirchen. Der Stürmer des 1. FC Köln hielt einen gut einstündigen Vortrag.

„Die meistgestellte Frage in meiner Karriere war: Warum funktioniert das nicht in der ersten Liga?“ Terodde sagt den Satz ohne Bitterkeit, aber mit Nachdruck. Als er mit dem VfB Stuttgart den Aufstieg schafft, scheint alles bereit: neuer Vertrag, Trikot mit der Nummer 9, Euphorie. Doch der Start in die Bundesliga verläuft anders. Im ersten Heimspiel verschießt er einen Elfmeter – ein Moment, der Symbolkraft bekommt.

„Danach habe ich wochenlang nicht getroffen. In jeder Zeitung stand, dass ich nur ein Zweitligastürmer sei. Und irgendwann glaubst du das selbst“, beichtete Terodde. Im Winter folgt die Ernüchterung: Der Verein plant ohne ihn. „Das war brutal. Du hast gerade den Aufstieg geschafft, und plötzlich heißt es, wir holen Mario Gomez“, so der Ex-Profi.

Ein Spiel mit dem 1. FC Köln ist der Tiefpunkt seiner Karriere

Terodde wechselt zum 1. FC Köln. Es beginnt mit einem Traumstart – Sieg im Derby, zwei Tore in Hamburg. Doch die Euphorie verfliegt. Köln steigt ab, und Terodde trägt die Last des Misserfolgs.

Er erinnert sich an ein Spiel gegen Mainz: „Ich hatte die Riesenchance, das vorentscheidende Tor zu machen“, so Terodde. Es steht 1:0, es läuft die 48. Minute. Der Stürmer steht fünf Meter vor dem Tor, hat das 2:0 auf dem Fuß, scheitert aber an Mainz-Torwart René Adler. Terodde: „Ich habe versagt. Ich habe Angst gespürt – Angst vor dem Versagen. Das war der Tiefpunkt meiner Karriere.“ Mainz erzielt im direkten Gegenzug den Ausgleich. Köln steigt einige Spieltage später ab. Nach dem Abstieg steht in den Medien: „Der Druck auf Terodde war zu groß“ – eine Schlagzeile, die er nie vergessen hat. „Ich war der Hoffnungsträger einer Millionenstadt – und am Ende das Gesicht des Abstiegs“, so der Stürmer.

Simon Terodde: vom Kämpfen zum Ankommen

An diesem Punkt, sagt Terodde, habe er zum ersten Mal ehrlich mit sich selbst gesprochen. „Ich musste akzeptieren, dass ich nicht beweisen muss, was andere von mir erwarten. Ich wollte da spielen, wo ich stark bin – nicht da, wo mich die Erwartungen auffressen.“

In der 2. Liga findet er seine Balance wieder. Er trifft regelmäßig, trägt Verantwortung, wird Führungsspieler. „Ich konnte endlich wieder ich selbst sein“, sagt er. „Nicht die Rolle spielen, die andere sehen wollten.“

Während der Karriere erkennt der Stürmer seine Stärken, aber auch seine Schwächen

Als Terodde später zum Hamburger SV wechselt, kennt er seine Grenzen und Stärken. Er ist nicht mehr getrieben, sondern fokussiert. „Wenn du in deiner Stärke bist, kannst du mit Kritik umgehen“, sagt er. „Wenn nicht, trifft dich jedes Wort.“ Auf Schalke, seiner letzten Station, wird er zum Leitbild. Nach dem Abstieg führt er die Mannschaft zurück in die Bundesliga – mit Toren, aber vor allem mit Überzeugung.

Vor dem entscheidenden Spiel in Sandhausen hält er eine Ansprache, die heute Kultstatus hat: „Männer, wir steigen heute auf. Scheißegal wie. Morgen früh, wenn wir aufstehen, sagen wir: Wir steigen auf!“ Schalke gewinnt, wenige Tage später ist der Aufstieg perfekt. „Das war einer der emotionalsten Momente meiner Karriere“, sagt Terodde: „Nicht, weil ich viele Tore geschossen habe – sondern weil ich führen durfte.“

Simon Terodde setzt auf Authentizität statt Anpassung

Heute spricht Simon Terodde über mentale Stärke, über Selbstreflexion, über Zufriedenheit. „Ich habe lange auf der falschen Spielfeldseite gestanden – bei höher, schneller, weiter. Jetzt bin ich lieber auf der Seite von Zufriedenheit, Reflexion und Qualität.“ Seine Botschaft ist einfach, aber eindringlich: „Jeder muss sein eigenes Spielfeld kennen. Und jeder sollte aufhören, ständig das Spiel der anderen mitzuspielen.“ Am Ende steht ein Satz, der seine Karriere besser zusammenfasst als jede Statistik: „Ich musste erst scheitern, um zu verstehen, wo ich stark bin.“

Und deshalb reagiert er heute auch im Familienleben anders als man es vielleicht erwartet. So sei seine Tochter, die die vierte Klasse besucht, nach einem Mathetest enttäuscht nach Hause gekommen. Sie habe sich geärgert, dass sie nur 16 von 21 Punkten erreicht habe. „Wenn ich sie jetzt aber für die fünf Fehler kritisiere, macht es das doch nur schlimmer. Also habe ich sie für die 16 richtigen Antworten gelobt und dann sind wir irgendwann in die Analyse gegangen“, so Terodde.

Die Sozialen Netzwerke seien eine große Gefahr. Der Ex-Profi berichtete aus eigener Erfahrung. So schaue er ab und zu mal in die Kommentare unter Posts. „Wenn von 100 Kommentaren einer negativ ist, zählen für die meisten die 99 nicht, sondern der eine zieht einen runter. Das kann es nicht sein“, so Terodde.