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JahrestagBismarck im Bergischen Land

4 min

Friedrich-Karl von Bismarck-Osten vor einem Porträt seines Ururgroßonkels Otto von Bismarck

Herkenrath – „Schauen Sie sich diese Augen an, die verfolgen einen überall hin, dem will man auch nicht immer ausgesetzt sein.“ Friedrich-Karl von Bismarck-Osten zeigt auf das von Franz von Lenbach gemalte Porträt seines berühmten Verwandten, das er wohlweislich an einer weniger einsehbaren Wand im Esszimmer seines Hauses platziert hat. Dennoch das Statement: „Es ist schon toll, so einen in der Großfamilie zu haben.“ Ähnlichkeiten mit Otto von Bismarck – dem Gründer des kleindeutschen Kaiserreichs, dessen 200. Geburtstag die Geschichtswelt an diesem 1.April begeht – weist sein Ur-Urgroßneffe nicht auf, weder in der Physiognomie noch in der Ausstrahlung: Friedrich-Karl von Bismarck-Osten verströmt eine gelassen-liberale Menschenfreundlichkeit, der Habitus erinnert an einen englischen Landedelmann.

Bismarck-Osten (das „Osten“ fügte der Großvater dem Namen an, als er die Herrschaft Schloss Plathe in Pommern erbte) ist ein Nachfahre von Bernhard, Otto von Bismarcks ältestem Bruder. Und diese Brüder waren bereits, wiewohl sie ein Lebtag lang ein herzliches Verhältnis zueinander unterhielten, ziemlich unterschiedlich.

Während es Otto in die Politik zog, blieb Bernhard als Verwalter der Familiengüter immer ein bodenständiger pommerscher Junker. Etwas von dieser Tradition schlägt auch noch bei seinem Nachfahren durch: Friedrich von Bismarck-Osten besitzt in Herkenrath-Bärbroich nicht nur ein bergisches Fachwerkhaus, das er zusammen mit seiner verstorbenen Frau stilvoll ausbaute, sondern darum herum auch noch ein übergroßes Grundstück – inklusive einer kleinen Schafherde: „Ja, das ist der aristokratische Mythos Landleben: mehr Land haben, als man braucht, um eine enge Naturverbundenheit zu erleben.“

Dass es mit dem Namen Bismarck etwas Besonderes auf sich hat, erfuhr er bereits als Vier- oder Fünfjähriger. „Das sind mit meine frühesten Erinnerungen: dass die Leute mich fragten: Wie bist du denn mit dem verwandt?“ Diese Neugierde hatte keinen verächtlichen Unterton, denn, so Bismarck, „nach dem Krieg sagten viele: Wenn wir einen Bismarck an der Spitze gehabt hätten, hätte es diese Nazi-Katastrophe nicht gegeben.“ Für das Kind blieben die Fragen unangenehm: „In dem Alter will man doch sein wie alle anderen.“

Die familiäre Situation nach dem Krieg war so oder so schwierig: „Wir waren vor der Roten Armee aus Hinterpommern nach Schleswig-Holstein geflohen, mein Vater kam erst Ende 1948 aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Und wir waren bitterarm:Wir hatten zwar diesen tollen Namen, aber meine Mutter strickte für mich die Hosen und Pullover.“ Und wie kommt ein stockprotestantischer Preuße ins katholische Rheinland? „Schuld“ war der Vater, den seine Berufslaufbahn ins Auswärtige Amt nach Bonn führte. Sein Sohn machte in Bad Godesberg Abitur und kam, nachdem er in Ottawa, München, Hamburg und Berlin seine juristische Ausbildung absolviert hatte, ins Rheinland zurück. Bis zur Pensionierung 2007 arbeitete er in der Straßenbauverwaltung, so in Mönchengladbach, Bonn und Gelsenkirchen. Im Unterschied zum Reichskanzler-Vorfahren findet er das Rheinland attraktiv: „Hier fühle ich mich zuhause.“ Warum? „Ich finde die rheinische Lebensphilosophie sehr realitätsnah: Sie rechnet mit dem Menschen, wie er ist, nicht wie er sein sollte. Das passt einfach.“

Hat sein Name dem 72-Jährigen in all den Jahrzehnten eher genutzt oder eher geschadet? „Privat sicher genutzt, man lernt mit dem Namen einfach leichter Menschen kennen, die man sonst nicht so ohne weiteres kennenlernte.“ Und beruflich? „Da hat er mir nichts genutzt, aber sonst wäre es mir auch unangenehm gewesen.“

Otto von Bismarck „fasziniert“ ihn immer wieder: „Diese Hellhörigkeit für wirkungsmächtige Entwicklungen seiner Zeit, diese Fähigkeit, die eigene Strategie immer wieder völlig unideologisch sich ergebenden Notwendigkeiten anzupassen, diese Leidenschaft, die sich mit nüchternstem Realismus paart, dazu dieser sprühende Geistreichtum, wie er aus den Briefen hervorleuchtet – das alles ist schon außerordentlich.“ Und kein anderer Staatsmann außer Napoleon habe „diesen gigantischen Einfluss auf die europäische Geschichte gehabt – und das durchaus in dem demütigen Bewusstsein, die Woge der Geschichte nicht regieren zu können, sondern sich von ihr tragen lassen zu müssen.“