- Die Leverkusenerin Babs Gierlichs lebt seit einem Vierteljahrhundert in Christchurch in Südengland.
- Seit der Brexit-Entscheidung geht sie durch ein Wechselbad der Gefühle.
- Und die Unsicherheit ist mit dem Premierminister Boris Johnson nicht geringer geworden.
Christchurch/Leverkusen – Babs Gierlichs ist aufgewachsen in Leverkusen, lebt aber seit einer halben Ewigkeit mit ihrem Partner Phil Manley und den Kindern Lea (9) und Jacob (20) im englischen Küstenstädtchen Christchurch direkt am Ärmelkanal. Schön ist es da, die Strände sind in ein paar Minuten erreichbar, und beim Baden fällt der Blick auf die weißen Klippen der Isle of Wight, die einen fantastischen Kontrast zum satten Blau des Wassers bilden.
Sohn Lukas (23) arbeitet derzeit als Doktorand in Cardiff an der Uni und hat der Mama gerade eine große Freude bereitet: „Lukas ist jetzt Engländer“, berichtete sie am Mittwoch ganz aktuell in die alte Heimat, „ich bin unglaublich erleichtert.“
Lea und Jacob sind gebürtige Engländer. Für Lukas aber, den gebürtigen Deutschen mit deutscher Mutter und englischem Vater, bedeutet die offizielle Zuteilung der englischen Staatsbürgerschaft in Brexit-Zeiten ein Stück Sicherheit.
Politik spielte keine Rolle
Als Babs Gierlichs Mitte der 90er Jahre nach England ging, spielte Politik eher keine Rolle. Im Gegenteil: Nach Schule und Studium hatte sie zunächst keine rechten Pläne, was im planungsfrohen Deutschland, fand sie, ein Problem sein könnte.
Auf der Suche nach einer Alternative reiste sie – bis nach Australien. „Aber Australien war es auch nicht“, sagt sie heute. „Ich hatte unterwegs viele Briten kennengelernt – alle superfreundlich, der Umgang gefiel mir sehr. Dann ergab sich die Gelegenheit, in meinem Job – Reiztherapie – ein praktisches Jahr in England zu absolvieren.“ Die Stelle, das zeigte sich bald, war nicht das Richtige. „Aber ich war komplett verliebt in die Landschaft und begeistert von den Menschen.“
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Auch Phil Manley, ihr Partner, hatte mit Politik nicht viel am Hut. In der Familie oder im Gespräch mit Freunden im Pub hielt sich der IT-Berater stets vornehm zurück: „Ich hörte zu, aber ich hatte keine starken Meinungen.“ Der Brexit hat das alles verändert.
Im Pub wurde nach der Austrittsentscheidung mit 52:48 Prozent im Juni 2016 von kaum etwas anderem gesprochen – „und das ist auch so geblieben“, sagt Manley. Vor allem erlebte er im engsten Umfeld einen Schock: Seine Eltern, heute 75 und 74 Jahre alt, hatten für den Austritt (Leave) gestimmt, während er selbst sein Kreuz bei Remain, dem EU-Verbleib, gemacht hatte.
„Ich konnte das gar nicht glauben“, erinnert er sich an diesen Moment. „Ich sagte: »Ihr habt halbdeutsche Enkelkinder, eine deutsche Schwiegertochter – wie könnt ihr das machen?«“ Das Zusammensein mit seinen Eltern, sagt Phil Manley, fühle sich seither stets ein bisschen „uncomfortable“ an – irgendwie ungemütlich.
Aufenthaltsgenehmigung notwendig – nach 25 Jahren
Babs Gierlichs suchte in der Folge noch einmal – „ich glaube, es war Weihnachten“– das Gespräch mit den Schwiegereltern. „Das ging nicht so gut“, sagt sie. „Mein Eindruck ist, die Engländer hätten gerne wieder 1974 – da hatte Schwiegervater noch Haare und keinen Bauch. Als ob daran der Brexit was ändern würde ...“
Und natürlich versicherten sie der Schwiegertochter nach ihrem Votum: „Das hat ja mit dir nichts zu tun.“
Hat es natürlich doch: „Ich musste einen Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung stellen – ich musste also fragen, ob ich hier bleiben darf! Nach 25 Jahren!“ Dem Antrag wurde stattgegeben. „Ich war sehr erleichtert, mir fiel eine zentnerschwere Last von den Schultern.“
Wie bei den Manleys hat der Brexit im ganzen Land Familien und Freundeskreise entzweit. Wie im Privaten, so auch im Politischen: Während England und Wales mehrheitlich den EU-Austritt befürworteten, wollten Nordirland und Schottland im Brüsseler Klub bleiben. London Remain, Birmingham Leave, Liverpool und Manchester Remain, Sheffield und Sunderland Leave – der Riss geht quer durchs Land.
Manley und seine Familie waren dabei, als in London knapp eine Million Menschen für ein zweites Referendum auf der Straße waren, obwohl Babs Gierlichs auch diesmal nicht mitstimmen könnte. Verständnis für die Brexit-Befürworter kann sie nicht aufbringen.
„Ich sehe da kein vernünftiges, plausibles Argument“, sagt sie. Das Hauptthema der EU-Gegner sei die simple Formel: „Take back control“ – Holt Euch die Kontrolle zurück.
„Seit Jahren“, findet Babs Gierlichs, „wird Europa in Zeitungen wie der „Daily Mail“ für alles verantwortlich gemacht, was irgendwie schiefläuft. Das ist natürlich gelogen“, sagt sie, „hat aber die Stimmung im Land nachhaltig geprägt.“
Alle Freunde waren für „Remain“
Eine Nichte der Familie sei unlängst nach Deutschland zurückgegangen, sagt Babs Gierlichs, sie habe sich nicht mehr wohlgefühlt in ihrer deutschen Haut im Brexit-Klima. Sie selber, sagt sie, sei keinen Anfeindungen ausgesetzt – vielleicht auch, weil sie darauf achte, wann und wo sie ihre Herkunft thematisiere. Und natürlich: „In meinem Freundeskreis haben alle für Remain gestimmt.“
Wie soll es weitergehen im Land? „Fast müsste man sich wünschen, dass Boris Johnson sich weiter so benimmt, wie er es tut, und ganz grundlegende Werte des Landes angreift. Und dass die Leute irgendwann genug haben und der Brexit in einem zweiten Referendum zurückgezogen wird.“
Eine Rückkehr nach Deutschland ist kein Thema. „Ich hab mal darüber nachgedacht, ob das eigentlich geht“, sagt sie. „Und nein, es geht nicht. Ich hab in Deutschland keine soziale Absicherung, keine Rentenansprüche, ich darf nicht wählen.“
Und was auch wichtig ist: Es ist ja unglaublich schön in England. Eigentlich.


