Leichlingen – Ein Apfel am Tag hält den Arzt fern. Diese aus dem Englischen übernommene Volksweisheit ist nach und nach auch ins Bewusstsein von uns Deutschen vorgedrungen. Aber wussten Sie, dass man aus neun Äpfeln ein Heilmittel gegen Liebeskummer kochen kann? Apfelmus, so hat es jedenfalls der schluchzende Tiger aus Janoschs Kinderbuch erfahren, lässt selbst den größten Weltschmerz auf wundersame Weise verschwinden. Diese und andere nette kleine Anekdoten paaren sich mit viel Wissenswertem auf dem Leichlinger Obstweg – einer von vier Wegen durch alte Streuobstwiesen, die der Naturschutzbund NRW (Nabu) in den vergangenen fünf Jahren aufgebaut hat. Auf neun Kilometern führt der Leichlinger Weg nördlich von Leverkusen bergauf, bergab, durch das Bergische Land.
Obstwege gibt es in Witzhelden, Leichlingen, Leverkusen und – ganz neu – auch in Solingen. Die gedruckten Karten gibt es beim NABU NRW, der NABU Station Leverkusen oder – wie für Leichlingen – zum Ausdrucken online unter www.leichlingen.de
Mit dem Auto: ab Köln 25 Kilometer über die A3, Ausfahrt Leverkusen-Opladen, Parkmöglichkeiten im Ort, kein Wanderparkplatz.Mit der Bahn: Regionalbahn vom Kölner Hauptbahnhof nach Leichlingen, vom Bahnhof dort ist es etwa ein Kilometer bis zum Punkt 1 auf der Wanderkarte.
Route: Der Einstieg ist überall möglich, es bietet sich an, bei der Position 1 zu starten und dann gegen den Uhrzeigersinn in Richtung Nummer 5 zu wandern. Der Einstieg im Uhrzeigersinn ist schwer zu finden (gegenüber der Hausnummer 37/39 der Straße In der Meffert), überdies recht steil und etwas unwegsam. Einige kurze Streckenabschnitte führen über stärker befahrene Bundesstraßen ohne Bürgersteig. Für Kinderwagen ist die Strecke nicht ausnahmslos geeignet, denn obwohl meist gute Wege vorhanden sind, sind kleinere Abschnitte maximal für sportliche Eltern mit einem Geländebuggy machbar, die den Wagen tragen können. Für ältere Kinder ist die Strecke ein großartiges Erlebnis.
Pausen und Extras: Direkt an der Strecke liegt der Hofladen der Familie Meuthen mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau. Einen Abstecher zur Champignonzucht von Peter Marseille ist lohnen. Er bietet als einer der wenigen Züchter in Deutschland Führungen durch sein Pilzreich an (nach Anmeldung). Wer eine geführte Tour auf dem Wanderweg wünscht, wendet sich an Martina Schultze, 02 173/42 727.
Jahreszeitenabhängig verzaubert er den Wanderer mal mit seinen blühenden, mal mit seinen unter der Last der Früchte beinahe zusammenbrechenden Kirsch-, Apfel- und Birnenbäumen am Wegesrand. Der Weg ist nicht nur wegen der vielen landschaftlichen Ausblicke ein Genuss; die kleinen eingestreuten Ortschaften könnten glatt aus dem Bilderbuch stammen. Gepflegte Gärten, altes Fachwerk, riesige Tulpen und Phlox-Teppiche sind zu bestaunen. Biegt der Wanderer hinter dem letzten Häuschen wieder ab Richtung Natur, lugen dort ein paar schwarz-weiß gefleckte Kühe neugierig hinter dem nächsten Obstbaum hervor. Eine Idylle, die jeden Großstädter sofort entspannt und obendrein für Kinder ein echtes Erlebnis ist.
Doch das Idyll ist nicht so selbstverständlich, wie man glauben könnte: Die Streuobstwiese ist ein bedrohter Lebensraum und steht in ganz NRW auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Biotoptypen. Vor dem zweiten Weltkrieg noch versorgte sich die Bevölkerung mit den eigenen Obstbäumen selbst. Die Anfänge des Obstanbaus im Bergischen Land lassen sich auf das Jahr 1192 zurückdatieren, der Landstrich wurde rasch als Bergische Obstkammer bekannt. Nach 1945 jedoch nahm die Industrialisierung zu, alte Bäume verwilderten. Und heute sind im Supermarkt nur noch wenige, genormte Sorten zu finden. Die Vielfalt ging nach und nach verloren. „Die Flurbereinigung in den 1960er Jahren hat uns noch zwei Felder mit 100 Bäumen von ursprünglich 34 Grundstücken mit mehr als 1000 Obstbäumen gelassen“, erinnert sich Peter Marseille, der am Rand des Leichlinger Obstwegs eine Champignonzucht betreibt und als einer der wenigen deutschen Züchter Führungen durch seine Pilzkammern anbietet.
Dabei sind es gerade die alten Sorten, die besonders aromatisch, widerstands- und lagerungsfähig sowie für Allergiker bekömmlicher sind. Und allein die Namen, die die Schilder vor den Obstbäumen verkünden, machen neugierig: Die Pastorenbirne, die Gute Luise von Avranches oder das Stuttgarter Geisshirtl jedenfalls klingen nach Birnen-Hochgenuss. Die Äpfel kommen hochherrschaftlicher daher: Vor dem Biss in den Geflammten Kardinal oder den Kaiser Wilhelm möchte man sich fast noch kurz ein wenig Geschichte zu Gemüte führen.
Die Sorte Kaiser Wilhelm beispielsweise wurde 1864 durch den Volksschullehrer Carl Hesselmann aus Witzhelden entdeckt und 1875 dem Kaiser „unterthänigst“ zur geschmacklichen Prüfung vorgelegt. Die Frucht fand Majestäts Gefallen, was zu einer huldvollen Genehmigung und einer gerahmten Fotographie mit eigenhändiger Unterschrift als Dank führte. Viel mehr kann ein Apfel samt Baum wohl kaum leisten. Doch! Sagt der Nabu und verweist auf den Spruch mit dem Doktor und dem Apfel: Er sei reich an Vitaminen, kann Herzinfarkten vorbeugen, Schlafstörungen beheben, die Verdauung regulieren, gegen Gicht, Krebs und Heiserkeit eingesetzt werden. Darüber hinaus leben auf einem einzigen Apfelbaum mehr als 1000 wirbellose Tierarten, Bienen tun sich hier gütlich und produzieren Honig.
Ein ganz gewöhnlicher Obstbaum ist von seiner Betriebsamkeit her vergleichbar mit einem Hochhaus in der Stadt. Es wimmelt vor verschiedenen Lebewesen: Käfer, Wespen, Mäuslein, Igel und eine staatliche Anzahl Vögel. Der Specht beispielsweise hämmert hier mit Vorliebe sein Zuhause zurecht. Ob er von dem vielen Gehämmere allerdings Kopfschmerzen bekommt und ob ihm dagegen ein Apfel helfen würde – diese Frage wird nur demjenigen beantwortet, der sich auf die Wanderung in Leichlingen begibt.
