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GeschäftsmodellWenn der Theo kräftig bimmelt

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Leichlingen – Theo Kalverkamp handelt mit Kartoffeln. Und sein Leben handelt von kleinen, menschlichen Begegnungen, die in Zeiten von Großdiscountern und Pizzataxis Seltenheitswert haben. Das Fahren ist für Theo Kalverkamp das Glück, gesteht er unverhohlen während der Tour durch Leichlingen. Die derzeitige Katastrophenstimmung auf dem Kartoffelmarkt – bedingt durch klitschnasse Böden und daraus resultierenden schlechten Wuchs der Knolle – ist für Kalverkamp kein Thema. Nein, die Umweltplakette ist ihm ein Dorn im Auge, erzählt er, während er am Steuer 17 Jahre alten Mercedes-Transporters sitzt. Sein Mercedes bekam nur eine Zwei und das ist etwas, das den freundlichen Obst- und Gemüsehändler in unerwartete Rage bringt. „Damals beim Kauf war der umwelttechnisch unschlagbar. Der verbraucht nur neun bis zwölf Liter. Aber so etwas interessiert die Gesetzgeber ja nicht.“ Im ländlichen Raum ist der Wagen mit der Zwei allerdings die Nummer Eins. Kalverkamp fährt durch die Ortschaften des Bergischen Landes und ist ungemein beliebt.

Lustig klingelt der Händler mit seiner imposanten Glocke und ruft mit sonorer Stimme seine Kunden zusammen, preist seine Kartoffelsorten, wie die Annabelle, die rote Lola oder den kleinen Franzosen. Die Damen, die an der Friedrichshöhe bereits mit selbst bemalten Picknickkörben, Leinenbeuteln oder gefalteten Plastiktüten warten, legen Wert darauf, dass „der Theo“ bei seinen Witzen immer anständig bleibt. Tatsächlich ist seine Stimme sanft, wenn er um den Pritschenwagen tänzelt, die Lkw-Plane aufrollt und über die Erdbeeren, Kohlräbchen und anderes junges Gemüse spricht.

Auf die Frage, wo er das bemerkenswerte stimmliche Timbre denn trainiere, sagt er: „Na hier. Zu Hause habe ich ja nichts zu sagen.“ Die 76-jährige Mutter von Theo Kalverkamp wiederum weiß zu berichten, dass ihr Sohn es faustdick hinter den Ohren hat und morgens um 5.30 Uhr mit seiner Glocke schon den ganzen Großmarkt wachbimmelt. Sie bedaure außerordentlich, nicht mehr mitfahren zu können und zu Hause in der Schnepfenflucht in Rheindorf sitzen zu müssen, sagt die sympathische Seniorin am Telefon. 50 Jahre arbeitete sie mit. „Das war ein Zigeunerleben, immer auf der Straße bei Wind und Wetter. Ein schweres Leben. Aber wunderschön.“

Reich wird ein Kartoffelmann nicht, auch nicht in der fünften Generation. Der Tag ist in er Regel 14 Stunden lang und die Kunden kaufen mitunter nicht viel. Aber dafür sind sie treu. Am Wochenende gibt es am Auto immer etwas zu reparieren oder an der Plane zu kleben. „Die rolle ich am Tag bestimmt zwanzig mal rauf und runter“, sagt Theo Kalverkamp. Sorgsam wird sie mit den Schnappverschlüssen gesichert. „Nachher fällt einem noch eine Banane vors Auto oder das Motorrad und Bums – haben wir einen Unfall“, erklärt der drahtige Händler, dessen schnittiger Verkaufskittel farblich wunderbar zu den Buschbohnen passt.

Apropos Banane: Nach der rumpeligen Fahrt ins Tal des Pilgerheims Weltersbach begrüßt Wilhelm Kunz („Kunz, wie Hinz und Kunz“) den Händler mit einem lustigen Singsang: „Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor.“ Dafür bekommt Herr Kunz von Theo Kalverkamp flugs eine Banane geschenkt und die wiederum ist für ihn gedanklich Brücke in seine Vergangenheit in der Missionsarbeit in Tansania. Auf die Frage, wie denn dort die Nahversorgung funktionierte, erklärt Kunz das System der „Dukas“. Das seien kleine Tante Emma-Läden auf dem Land, dem fahrenden Geschäft der Kalverkamps gar nicht so unähnlich. „Da brachte ein kleiner Junge einmal ein einzelnes Ei in den Laden und kam mit etwas Petroleum im Tausch wieder raus““, sagt Kunz.

Theo Kalverkamp wiederum fuhr schon als Sechsjähriger mit seinem Vater Kartoffeln aus. Und auf dem Bock seines Mercedes-Lkw verrät er, dass das der Beginn seiner Liebe zu diesem Beruf war. Die Menschen, die ihm ihr Herz im Gegenzug für sein Ohr schenken sind Teil des Glücks. Aber vor allem das Fahren durch das Bergische Land finde er immer noch fein. Das Gemüse wird der Saison entsprechend verkauft. „Bei mir gibt es nichts Genmanipuliertes und auch keine Erdbeeren im Winter“, schwört Kalverkamp.

Und als er wenig später im Garagenhof des Pilgerheims darauf angesprochen wird, dass einige Kartoffeln schon keimen, erklärt er: „Das ist wie bei mir, ich muss mich ja ebenfalls täglich rasieren.“ Eine Flasche mit Rasierschaum steckt auch tatsächlich in der Seitentasche der Beifahrertür. Die wiederum, erklärt der Händler, benutze er zum Händewachsen. Die Ordnung des Wagens ist speziell. Da gibt es eine Menge Regenschirme, die verteilt werden, wenn die Damen und Herren in der Warteschlange von einem Schauer überrascht werden sollten. Auch unter der Lkw-Plane ist Platz. Aber Wasser sucht sich ja bekanntlich seinen Weg, was in dem rissigen Stoff nicht schwer ist. „Es pinkelt“, sagt eine gepflegte Dame mit denkbar breitem Grinsen. Und allein diese ungezwungene Bemerkung zeigt, dass Theo Kalverkamp bei seinen Kunden einen ganz dicken Stein im Brett hat.