Leichlingen – Eine kleine, aber aufgebrachte und energische Bürgerdemonstration hat am Freitagabend die umstrittene Fällung der städtischen Platane am Fußgängerüberweg am Rathaus vorläufig verhindert. Die Motorsägen knatterten schon. Baumkletterer waren in die Wipfel gestiegen.
Die Polizei hatte bereits eine Spur auf der Neukirchener Straße abgesperrt. Der Bauhof stand mit einer Kolonne und Lkws bereit, um das Baumopfer abzutransportieren, als zwei Dutzend Gegner der Aktion sich weigerten, den mit Flatterband umzäunten Gefahrenbereich zu verlassen und unter hitzigen Diskussionen im letzten Moment einen Abbruch des Einsatzes erzwangen.
Zunehmend aggressive Atmosphäre
Die Situation wurde zunehmend aggressiv und drohte zeitweise zu eskalieren, bis sich Tiefbauamtsleiter Jürgen Scholze als Vertreter der Stadtverwaltung auch auf Anraten der Polizei dazu entschloss, das Vorhaben zumindest an diesem Tag aufzugeben. Vorausgegangen waren einstündige heftige Wortgefechte, Anzeigen und Anrufe beim Verwaltungsgericht.
Wie berichtet hatte die Unfallkommission der Straßenverkehrsbehörden und der Polizei Anfang der Woche entschieden, dass die erste große Platane in der Baumreihe vor dem Überweg eine der Ursachen für die gehäuften Unfälle auf diesem Zebrastreifen sei. Sie stellt angeblich eine Sichtbehinderung dar, weil Autofahrer Fußgänger zu spät erkennen könnten. Sie müsse daher gefällt werden, und zwar unverzüglich schon am Freitag um 17 Uhr.

Zwei Dutzend Leute erklärten sich mit der Fällung nicht einverstanden und lieferten sich teils heftige Wortgefechte mit Vertretern der Stadtverwaltung.
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In der Öffentlichkeit erhob sich daraufhin ein Sturm der Entrüstung, der sich in Hunderten Kommentaren in den sozialen Netzwerken und auf der Facebook-Seite der Stadt entlud. Die Mehrheit ist der Meinung, dass der Baum kein Problem sei, sondern zu viele Autofahrer alle vorhandenen Warnzeichen missachten, hier zu schnell fahren und nicht genügend auf Passanten aufpassen.
Nur wenige bei Demonstration dabei
Zahnarzt Gerald Finck, der bereits bei der Bürgerinitiative „Rettet den Stadtpark“ an führender Stelle aktiv war, hatte am Donnerstag auf Facebook eine Meinungsumfrage gestartet, an der sich rund 500 Leute beteiligt haben. Mit eindeutigem Ergebnis: Bis Freitag 18 Uhr hatten 376 für den Erhalt der Platane gestimmt, 96 waren für eine Aussetzung und Denkpause, nur 25 für die Fällung des Baumes. Dem Aufruf zu einer spontanen Protestaktion folgten dann aber nur sehr wenige.
Waldemar Becker von der UWG überquerte immer wieder mutigen Schrittes den Zebrastreifen und provozierte quietschende Bremsmanöver, um zu demonstrieren, dass die Autos zu schnell fahren und den Vorrang von Fußgängern missachten. Aus dem politischen Raum reagierten ansonsten alleine die Grünen, deren Fraktionsvorsitzender Wolfgang Müller-Breuer bereits am Donnerstag an Bürgermeister Frank Steffes appelliert hatte, die Fällung abzusagen und über die Situation noch einmal zu beraten.
Vergeblich. Auch Steffes will das Expertenurteil, das viele Bürger nicht nachvollziehen können, nicht anzweifeln. Er selbst ließ sich am Freitag nicht am Tatort blicken. So geriet der damit überforderte Amtsleiter Jürgen Scholze ins Kreuzfeuer und bekam den geballten Unmut der Protestanten ab.

Die mit der Motorsäge bereits aufgestiegenen Baumkletterer mussten sich nach einer Stunde unverrichteter Dinge wieder von der Platane abseilen. Die Rechtslage für die Fällung war unklar.
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Noch am Freitagmittag hatte ein Bürger von der Kirchstraße das Verwaltungsgericht Köln eingeschaltet und versucht, die Fällung per Eilantrag verbieten zu lassen. Er wurde nach Prüfung der Aktenlage abgelehnt, weil es sich um städtisches Grundstück handele.
Auch am Abend versuchte eine Frau erneut, das Gericht anzurufen, um einen Verstoß gegen das im Bundesnaturschutzgesetz verankerte Rodungsverbot zur Vogelbrutzeit anzuzeigen. Sie wurde auf Montag vertröstet.
Umweltschützer Benedikt Rees, Mitglied bei BUND und Nabu, hatte gleich den dicken Gesetzesband zum Schauplatz des Geschehens mitgebracht, um in dieselbe Kerbe zu hauen. Auch eine Anzeige gegen die Fällung wurde bei der Polizei erstattet.
Die Stadtverwaltung konnte auf Verlangen keine schriftliche Ausnahme-Genehmigung der Naturschutzbehörde des Kreises vorlegen. Die Zustimmung sei wegen der von der Kommission bestätigten Gefährdung der Verkehrssicherheit aber telefonisch erteilt worden, sagte Scholze. Am Montag will er die fehlende Erlaubnis einholen und die Fällung dann nachholen.
Die Umweltschützer kündigten sogleich Einsprüche dagegen an und wollen gerichtlich überprüfen lassen, ob die Unfallexperten mit ihrem Todesurteil für den Baum nicht daneben liegen. Möglicherweise wird der Bürgermeister aufgefordert, den Stadtrat einzuschalten.
Die Forderung steht im Raum, die Auswirkung von Tempo 30, Polizeikontrollen und deutlicheren Fahrbahnmarkierungen abzuwarten, bevor die Motorsägen vollendete Tatsachen schaffen.
