Rock-Ikone Justin Sullivan„Ich will in der Musik aufgehen“

Justin Sullivan beim Interview in Opladen
Copyright: Ralf Krieger
- Justin Sullivan, eine Ikone des alternativen Rock, gastierte im KAW - und ließ mit sich reden
Leverkusen – Mister Sullivan, normalerweise sind Sie mit Ihrer Band New Model Army unterwegs. Derzeit aber touren Sie allein durch Europa. Hatten Sie gerade keine Lust auf Ihre Kollegen?
Doch. Aber so eine Solotournee ist eine besondere Sache, die ich ab und zu sehr gerne mache. Denn: Alleine zwei Stunden lang interessant und spannend für ein Publikum zu sein, ist noch mal eine ganz andere Kunst als die, der Frontmann einer Band zu sein. Und ich will diese Kunst lernen. Immer wieder und immer mehr. In einer Band ist es nun einmal ganz anders. Eine Band ist ein Team. Man arbeitet miteinander. Und es sind viele Menschen, die Entscheidungen treffen. Das macht unflexibel.
Sind Sie denn als über die Jahre hinweg einzige Konstante bei New Model Army nicht der absolute Chef und Entscheidungsträger im Ring?
Das denken die Leute, weil ich singe und die Songs schreibe. Aber so ist es ganz und gar nicht. Ich bin sogar jemand, der ganz schlecht darin ist, Entscheidungen zu treffen. Deshalb lerne ich solo ja auch so viel. Es ist so: Wenn wir mit New Model Army auftreten, dann müssen wir bei Konzerten immer im Voraus entscheiden, welche Songs wir spielen. Das ist durchgetaktet. Bereite ich mich aber alleine auf ein Konzert vor, dann habe ich vor mir einen Zettel liegen, auf dem 50 Songs stehen. Und mit denen kann ich machen, was ich will. Ich kann das Programm umwerfen und spontan handeln. Und auch wenn ich mir mitunter denke "Wo sind die anderen, verdammt? Was würden sie jetzt machen?", ist es doch eine tolle Sache!
Und eine anstrengende?
Schon. Eine Solotournee ist psychologisch viel ermüdender. Man kann sich auf der Bühne nicht verstecken. Wenn man es versaut, dann bekommt das jeder mit. Aber auch das gehört ja zum Lernen dazu: Wie versaue ich es nicht?
Schauen Sie gerne Aufnahmen Ihrer Konzerte an, um Fehler zu entdecken?
Niemals! Denn wenn ich mir ein Konzert von uns oder von mir anschaue, dann werde ich mir bewusst, wie ich auf der Bühne aussehe und wie ich mich dort gebe. Und das möchte ich nicht.
Warum nicht?
Weil ich mir darüber keine Gedanken machen will. Ich will auf der Bühne den logische, den rationalen Teil meines Gehirns ausschalten und in der Musik aufgehen.
Welcher Moment im Leben hat Sie zu dieser Musik, die oftmals auch politisch geprägt ist, gebracht?
Ich ging 1979, mitten in der schlimmen englischen Thatcher-Ära, zu einem Konzert der Ruts in einem kleinen Pub in Bradford. Es waren nur wenige Zuschauer da, vielleicht 200. Und diese eineinhalb Stunden haben alles verändert! In ihnen steckte alles, was am menschlichen Leben brillant, schön, schrecklich, angsteinflößend und berauschend sein kann. Als ich nach dem Konzert hinausging, fühlte ich mich, als ob jemand meine Seele genommen und gereinigt hätte. Das war die Vorlage für mich. Von diesem Moment an wusste ich, was ich will: Dass ich Leute dasselbe fühlen lasse. Und kurz darauf haben wir New Model Army gegründet. Wobei ich betone: Wir existieren wegen der Musik. Nicht wegen der Politik.
Nicht? Dafür geben Sie seit jeher aber ziemlich starke und wichtige Polit-Statements ab - zuletzt zum Brexit oder zur Flüchtlingskrise.
Ich fühle mich aber nicht in der Verantwortung, das zu tun. Ich singe eben einfach über Dinge, die ich erlebe und nicht aus ausblenden kann. Ich wollte keinen Song wie "Die Trying" schreiben...
Der sich mit den schlimmen Zuständen in den Flüchtlingscamps beschäftigt, die es vor zwei Jahren quasi vor den Toren Ihrer englischen Heimat in Calais gab.
Genau. Aber ich habe eben eine gute Freundin in Paris, die ich regelmäßig besuche. Und dann komme ich eben auch durch Calais - und sah damals diese Camps und wie diese Menschen unter Einsatz ihres Lebens auf unsere Insel gelangen wollten. Da konnte ich nicht anders. Da musste ich dieses Lied schreiben. Zudem liebe ich es, in Liedern andere Positionen zu beobachten und auszuloten. Das Stück "My People" etwa schildert, was im Kopf eines Nationalisten vorgeht. "One Of The Chosen" wiederum dreht sich darum, wie es als religiöser Fundamentalist sein könnte: "Alle Menschen liegen falsch! Nur ich nicht! Weil Gott mir das gesagt hat!" Das muss doch ein wundervolles Gefühl sein! Natürlich: Spiegeln diese Songs meine persönliche Einstellung wieder? Absolut nicht! Trotzdem sind sie schön. Weil ich in ihnen versuche, die andere Seite zu verstehen.
Aber kann und will man Extremisten überhaupt verstehen?
Natürlich. Man muss es versuchen, um handeln zu können. Außerdem: Nichts anderes macht doch ein Romanautor. Er versetzt sich in die Köpfe andere Menschen hinein.
Demnächst laden Sie mit Ihrer Band zu Mitsing-Konzerten ein: Musiker und Publikum setzen sich im kleinen Rahmen zusammen und singen als spontan gegründeter Chor gemeinsam. Das ist ungewöhnlich für eine Rockband, oder?
Gar nicht. Im Gegenteil: Ich kann mir nicht erklären, warum noch keine andere Band zuvor auf die Idee gekommen ist. Und vielleicht machen wir das bald auch mal hier in Deutschland. Menschen singen doch seit Ewigkeiten zusammen. Es ist in ihrem Bewusstsein fest verankert. Sie singen bei der Arbeit auf dem Feld. Sie singen in der Kirche. Sie singen am Lagerfeuer. Sie singen Zuhause in der Familie. Sie singen bei Konzerten. Und es ist doch in jedem Alter großartig, mit Freunden im Auto unterwegs zu sein, Musik aus dem Radio zu hören und dazu gemeinsam zu singen, oder?
Absolut. Solche Mitsing-Abende - wohlgemerkt: ohne Band - boomen hierzulande ja auch. Indes: Die alten Chöre sterben aus. Wie erklären Sie sich das?
Der Unterschied ist: Wir setzen uns nicht hin und halten eine Probe nach strengen Regeln ab. Wir kommen zusammen und singen. Man könnte quasi sagen: Wir tun es einfach. Und das ist völlig normal.
Mit ihrer Band New Model Army sind sie eine Legende des alternativen Rock und des Punk und füllen seit Jahrzehnten die großen Hallen. Solo kommen Sie dagegen auch durch kleinere Städte wie Leverkusen und in Clubs wie das KAW. Wussten Sie, dass Leverkusen wegen seiner Größe gerne mal als Parkplatz von Köln oder Düsseldorf bezeichnet wird?
Nein. Aber die Leverkusener können sicher sein: Ich kenne das. Ich komme ja aus Bradford, dieser kleinen Industriestadt in der Nähe von Leeds. Wir stehen auch immer hintenan. (lacht)
Das KAW ist ein autonomes, selbst verwaltetes Kulturzentrum dessen Betreiber auch ein hohes politisches und gesellschaftliches Bewusstsein haben. In Deutschland sind solche Einrichtungen bekannt. In England auch?
Nein. Solche Clubs sind bei uns eher rar gesät. Darum hoffe ich ja auch, dass das KAW noch lange existiert und komme gerne wieder. Und ich bin guter Hoffnung: Ich war vor Jahren schon einmal hier. Da gab es ringsum nichts als Brachland. Jetzt ist dort eine große Siedlung entstanden. Es geschieht hier also etwas. Und ich gehe davon aus, dass Menschen, die Häuser neben einem Club bauen, nichts gegen diesen Club haben können. Sonst hätten sie nicht dort gebaut. Insofern: Möge das KAW noch lange bestehen!