Leverkusen – Das kann man wohl behaupten: hätte es Agfa in Leverkusen nicht gegeben, wäre vieles anders gelaufen, ganz sicher aber wäre die Ehe der Gietzens nicht zustande gekommen. Denn letztlich hat die Anziehungskraft der einst weltbekannten Leverkusener Foto-Firma als Arbeitgeber Monika und Raimund Gietzen vor 60 Jahren zusammengeführt. Eine ziemlich typische Leverkusener Geschichte. In diesen Tagen haben sie Diamantene Hochzeit gefeiert.
Monika stammt aus einer Flüchtlingsfamilie, aufgewachsen in Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzów Wielkopolski in Polen. Der Vater war ein Spezialist für die Herstellung von Filmträgern in der dortigen Filmfabrik, die vor dem Krieg mit der Agfa in Wolfen (später DDR) in wirtschaftlicher Verbindung stand. So war er in der Foto-Industrie ein gesuchter Mann und konnte nach der Flucht über Sachsen gut in Leverkusen Fuß fassen. Monika bekam eine Ausbildung – man sagte damals Lehre – als Verkäuferin im Bayer-Kaufhaus. Im alten Bayer-Kaufhaus, wie Raimund Gietzen betont.

Monika und Raimund Gietzen: Sie leben eine urtypisch Leverkusener Ehe, die vor 60 Jahren geschlossen wurde.
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Die bodenständige Familie Gietzen stammt aus Bremm an der Mosel, sie bewirtschaftete einen Weinberg. Sie besaß zusätzlich eine Kuh und wenige Schweine. Bremm ist heute vor allem für seine steilen Weinhänge bekannt. Es heißt sogar, dort gebe es den steilsten Weinberg der Welt. Im kleinen elterlichen Betrieb, der alles andere als ein Großbetrieb war, hatte Raimund Gietzen eine Winzerlehre abgeschlossen. Der Ertrag des Bergs war gering. Gietzen sagt, dass die Familie damals etwa 10.000 Liter Weißwein kelterte, der in 1000-Liter-Holzfässern in den Großhandel kam. In normalen Jahren.
Bittere Kälte erzwang Umzug nach Leverkusen
Das Wetter im Winter 1956 zwang die Gietzens zu einer ganz schwierigen Familienentscheidung. Es wurde im Februar so bitterkalt, dass sogar Mosel und Rhein zugefroren waren. Heute unvorstellbare minus 30 Grad hatten weitreichende Folgen. Auch für den Wein: Die oberflächennahen Wurzeln der Gietzenschen Weinreben erfroren, man erwartete noch höchstens zehn Prozent der sonst üblichen Weinernte. Gietzen sagt: „Einer musste gehen und irgendwo Geld hinzu verdienen, wir haben überlegt, ob mein Vater oder ich gehen sollte.“
Der Sohn war jung, er entschloss sich zu dem Schritt. Und er sollte nie wieder an die Mosel zurückziehen. Der Winter war zwar hart, aber Arbeitskräfte wurden gesucht, besonders auch in Leverkusen. Ein Onkel wohnte in Köln-Flittard. Er schrieb, dass Agfa einstelle.
„Es stank wie verrückt“
„Ich stieg in Wiesdorf aus dem Zug. Am Bahnhof stank das wie verrückt“, sagt Gietzen. Er blieb dennoch. „In Wiesdorf war damals noch was los, man bekam um vier Uhr nachts im Café Schweigert noch Bier, Würstchen und Kartoffelsalat“, sagt Gietzen, „die Lichstraße mit den Rotlichtläden war verrufen“.
Der Ort, an dem sich die späteren Eheleute kennenlernten, war damals auch nur mäßig romantisch: Eine Bank zwischen Rhein und dem Kippbähnchen. Das Kippbähnchen gibt es nicht mehr, damit fuhr Bayer seinen Sondermüll vom Werk zur Müllkippe. Man lernte sich kennen, und die Hochzeit vor 60 Jahren war auch vom Umstand geprägt, dass man mit Trauschein besser an eine Wohnung kam. Um Gietzens konservativen katholischen Vater zu besänftigen, musste die evangelisch getaufte Monika konvertieren.
Raimund Gietzen ist heute 82 Jahre alt. Er blieb bis 2000 bei Agfa, bis zur Rente, auch das ist typisch fürs alte Leverkusen. Er arbeitete in der Abteilung, die Negativfilme probeweise mit neuen Emulsionen begoss. Bis 1975 leistete er Schichtdienst, war also Arbeiter, ab da als Angestellter. Auch Monika Gietzen wechselte ins Bayerwerk, zu einem Rohrbau-Unternehmen: „200 Männer hörten auf mein Kommando, besser geht's doch nicht“, sagt die heute 78-jährige und schmunzelt.
Gietzen trat 1968 in die CDU ein, daher kennen ihn viele in der Stadt. Er wurde in den Rat gewählt. 20 Jahre lang leitete er die Bezirksvertretung III. Er war in der Partei Mitglied des christlich geprägten Arbeitnehmerflügels. Die bescheidene Herkunft habe ihn geprägt, sagt der Mann, dessen quasi angeborene Liebe zum Wein er mit seiner Frau teilt. Es gibt zwei Kinder, vier Enkel und sechs Urenkel.
Der Weinbetrieb am steilsten Weinberg der Welt überlebte auch Dank der Geldsendungen des Sohnes aus dem chemisch miefenden Leverkusen. Der Vater hörte erst 1987 im hohen Alter auf zu arbeiten.
