Leverkusen – „Man sollte mit dem ganzen Stadtrat mal nach Hannover fahren.“ Das, was Rainer Häusler dort gesehen hat, ist eine Schreckensvision. Leere Geschäfte, halb abgebrochene Ladenpassagen, beschmierter Beton, Vandalismusschäden. Das Problem: Das Ihme-Zentrum ist ein Abziehbild der City C – wenn auch ein stark vergrößertes. Das ist kein Wunder: Der riesige Komplex wurde von Carl Schätzle ans Ufer der Ihme gestellt. Dem Mann also, der Leverkusen die City C gebracht hat.
Am Anfang stand die Idee, die Innenstadt durch den Bau eines Komplexes mit Wohnungen, Büros und Läden zu entlasten. Statt selbst zu planen, vertraute sich die Stadt Hannover dem auch wegen seines Leverkusener Projekts renommierten Carl Schätzle an. Sein Ihme-Zentrum wurde um ein mehrfaches größer als gewünscht: Ab 1972 entstanden 200 000 Quadratmeter, je ein Drittel für Geschäfte, Büros und Wohnungen. (tk)
Im Aufbau gleichen sich die beiden Zentren wie ein Ei dem anderen: Über einer riesigen Tiefgarage sind zweigeschossige Läden sowie Büros und Wohnungen in hohen Häusern aufgeschichtet. Alles im Stil des Brutalismus, wie man ihn aus Wiesdorf kennt und längst nicht mehr schätzt. Die Besitzstruktur ist genauso unübersichtlich: Eigentümer von Ladenlokalen, Büroflächen und Wohnungen müssen sich einigen, wenn große Entscheidungen anstehen. Und im Ihme-Zentrum gibt es allein 565 Wohnungsbesitzer. Der große Verfall hat dort schon früher eingesetzt als in der City C. Allerdings hat man auch früher damit begonnen, an den Problemen zu arbeiten. Besser gesagt: Man hat es versucht. Die Teilungserklärung des Komplexes wurde überarbeitet, um die oft widerstreitenden Interessen der Eigentümer zu moderieren. Am Ende waren aber nicht alle Wohnungsbesitzer bereit, im Sinne des großen Ganzen auf Rechte zu verzichten. Wie viel das dazu beigetragen hat, dass vor zwei Monaten mal wieder ein Investor abgesprungen ist, lässt sich nur vermuten. Klar ist: Der Komplex am Rand der Innenstadt von Hannover ist seit vielen Jahren eines der ganz großen Probleme der niedersächsischen Landeshauptstadt.
Es ist aber auch dick gekommen: Nachdem sich die rund 60 000 Quadratmeter Ladenfläche weitgehend geleert hatten, sollte ein Investor die Wiederbelebung in die Hand nehmen. Das war nur für einen potenten Geldgeber denkbar, denn das Schätzle-Konzept mit zweigeschossigen Läden hat von Beginn an in Hannover genau so wenig funktioniert wie in Leverkusen. Schlimm wurde es auch im Ihme-Zentrum, nachdem die Ankermieter gegangen waren. Beispiel: Aus dem Kaufhof wurde ein Saturn, vor zehn Jahren gab die Metro-Gruppe den Standort auf.
Da hatte der Immobilienentwickler Frank Michael Engel schon das Sagen in der Ladenpassage, die fast ein Drittel der Fläche belegt. Doch auch der Spezialist brauchte fünf Jahre, um Verträge mit guten Mietern abzuschließen. Die Fortschritte hinderten ihn nicht daran, seine Anteile an den amerikanischen Investor Carlyle abzutreten. Die Fondsgesellschaft stieg ein und scheiterte spektakulär: 2009 wurde der Umbau gestoppt, der Carlyle-Fonds ging pleite. Seitdem herrscht Stillstand im Ihme-Zentrum. Wie der aussieht – es wäre eine Reise wert. (tk)
