Leverkusen – Es kann Erstaunliches passieren, wenn es einen Schreinergesellen aus Bürrig nach Unterfranken verschlägt. Weil er dort die Meisterschule findet, die ihm einfach besser gefällt. Weil dort das Holz im Mittelpunkt steht und nicht die Spanplatte.
Tim Hoffmann steht in der Baracke im Schatten der Reuschenberger Mühle. Vertrautes Terrain: Er wohnt jetzt wieder ein paar hundert Meter weiter und kann an sich mit dem Rad zur Arbeit kommen. Auf einer der flamm-neuen Hobelbänke liegt ein Kinderfahrrad. Aus Holz selbstverständlich. Neben einem Wakeboard, einer Trommel und zwei Brillengestellen. „Kann man alles selbst bauen. Ein Tag, zwei Tage“, sagt er. Damit meint er nicht Leute wie sich, Schreinermeister also. Sondern Leute wie du und ich. Den Rahmen für das Kinderfahrrad sägt man mit einer Schablone aus einer verleimten Platte aus, ebenso die Gabel. Der Lenker ist ein Rundstab. Alles machbar, auch für den Laien, verspricht der Schreinermeister.
Ob das Versprechen zu halten ist, wird er bald mal beweisen müssen. Denn er und sein Kompagnon Thomas Goth, 30, wollen keine ganz normale Schreinerei aufziehen. Sondern Tischlerei und Pädagogik zusammenbringen. Auf Tages- und Wochenend-Seminaren. Väter mit Kindern sollen kommen, Mütter, Lehrer mit Schulklassen. Eine hat der 32-Jährige schon im Auge: die Gemeinschaftsgrundschule in Bürrig. Die Kinder sollen aber nicht nur in der Reuschenberger Mühle erfahren, was man mit Holz anstellen kann. Vorher sollen sie mit dem Förster in den Reuschenberger Wald, Bäume gucken. „Damit sie wissen, wo das Holz überhaupt her kommt“, wünscht sich der Schreiner.
Dass nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene vom Holz entfremdet sind, liegt nach Ansicht des jungen Schreinermeisters auch daran, dass moderne Möbel oft eher aussehen, als seien sie aus Kunststoff. Womit er nicht einmal etwas gegen Ikea sagen will: „Die machen schon gute Sachen.“ Jedenfalls in Sachen Design und Handhabung.
Für ihn ist eine Oberfläche, die nach Holz aussieht, trotzdem das Ideal. Und sei es ein Brillengestell. So etwas liefern er und Goth an die Optik-Lounge in Burscheid. Möbel wollen sie natürlich auch entwerfen und bauen. Oder Laien dabei helfen, ihren Traum von einem Tisch, einem Schrank, Regal oder Stuhl zu verwirklichen. Das, sagt Hoffmann, sei gar nicht so schwer. Und auch längst nicht so teuer, wie man denken könnte. Die Handelsspannen in Baumärkten seien schon sehr groß; Holz also viel billiger als man so denkt. Das fange schon bei der Spanplatte an. Ein Werkstoff, für den Hoffmanns Herz nicht gerade schlägt: „Die kostet meist fünfmal so viel wie im Einkauf“, ist seine Erfahrung.
Das Schulungsangebot von „Meisterwerk“ – so haben Hoffmann und Goth ihr Unternehmen getauft – soll sich aber nicht nur an Laien wenden. An den vier Hobelbänken und dem Maschinenpark können auch Auszubildende die Dinge lernen, die sie in ihren Betrieben nicht beigebracht bekommen. Denn das Tischlerhandwerk ist hoch spezialisiert; in längst nicht jeder Werkstatt kann das komplette Ausbildungsspektrum dargestellt werden. Hoffmann hat das am eigenen Leib erfahren. Nach der Ausbildung sei er sich fast weniger als Tischler vorgekommen denn „als Zerspanungsmechaniker“.
Weitere Klientel haben Hoffmann und Goth bei der Arbeitsagentur ausgemacht: Praktika und Auffrischungskurse für Leute, die schon länger aus dem Geschäft sind, stehen auf dem Plan. Die beiden Jungunternehmer haben sich also breit aufgestellt, setzen nicht nur auf das Modell Tischlerkurse für Laien. Das sei auch nötig, sagt Tim Hoffmann: „Es ist ziemlich schwer, aus dem Nichts so eine Idee hochzuziehen.“
