Leverkusen – Die Zeiten ändern sich, das war schon immer so und ist seit mehr als 500 Jahren literarisch verbürgt. Nur geht das immer schneller. Was dereinst eine Buhlschaft war und später zur Affäre wurde, ist als Flirt schon durch und als Date bald durchgetindert. So wandeln sich die Sitten, aber auch festgeglaubte Überzeugungen.
Da feierte die „alte Tante SPD“, die in Leverkusen längst von einer jungen Frau angeführt wird, stolz ihr 150-jähriges Bestehen. Und dann kommt zur gleichen Zeit ein Bundesvorsitzender der Jungsozialisten daher, verkündet lauthals sozialistische (!) Forderungen und wird sogleich zum Politikskandal erklärt. Schlimmer noch: Dieser Kevin ist sogar der eigenen Partei peinlich.
Nix mehr peinlich?
Aber das ist wohl ein Merkmal der von den politischen Rändern her so gescholtenen „System-Parteien“: Sie kennen den Begriff Peinlichkeit noch. Anderen tut längst nichts mehr weh. Das hat die Bürgerliste gerade wieder im Ratssaal zu Leverkusen bewiesen, wo sie noch nach Ende der Osterferien eine Art Eiersuche veranstaltete. Wann immer einer ihrer Vertreter hätte reden können, war er blitzschnell aus dem Saal verschwunden und Fraktionschef Erhard Schoofs meldete sich beidhändig zur Geschäftsordnung: „Aber ich bin doch da!“
Reden durfte er dann doch nicht, weil die anderen so gemein waren und ihre Ruhe haben wollten. Doch nun zeterten und schimpften Zuhörerinnen aus dem Publikum über faule Politiker und Beamte. Das sei doch keine Demokratie mehr. Aber zur Demokratie gehört womöglich auch das Zuhören und Ausreden lassen. Analog verbraucht das nicht einmal Datenvolumen. Und das mit dem Wegwischen unliebsamer Zeitgenossen sollte man sich sowieso verkneifen.
