Der Lützenkirchener Friedhof ist lebendiges Zeugnis unserer Erinnerungskultur.
Friedhöfe in LeverkusenWo Auferstehung und der Kampf gegen den Faschismus vereint sind

Maria mit dem toten Jesus im Arm: Diese Skulptur steht am Rand des Friedhofs Lützenkirchen.
Copyright: Peter Seidel
Der Friedhof in Lützenkirchen liegt am Stadtrand, an der Bruchhauser Straße. Von hier sind es über die Felder nur ein paar Kilometer bis nach Schlebusch.

Das vielleicht älteste erhaltene Grabmal auf dem Friedhof
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Den Weg dorthin schlug im 19. Jahrhundert Clara Braun, geborene von Zuccalmaglio, von Lützenkirchen aus ein, wenn sie Freunde in Schlebusch besuchte. Denn Clara Braun, einzige Tochter des Bürgermeisters von Schlebusch, Jakob Salentin von Zuccalmaglio, wohnte seit 1848 mit ihrer Familie in der Lehner Mühle in Lützenkirchen. Sie starb dort einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 1871. Das Grabmal von ihr und ihrem Mann Theodor Braun steht, restauriert auf Veranlassung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Lützenkirchen, seit knapp 20 Jahren direkt rechts des südlichen Eingangs in den Friedhof.

Der Friedhof in Lützenkirchen
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Es könnte das älteste erhaltene auf dem Friedhof sein. Die katholische Kirchengemeinde Sankt Maurinus hatte das Gelände erst 1870/71 für den Friedhof erworben. Das jedenfalls ergibt eine Recherche im Internet. Laut Rolf Müller, Autor des Buches „Upladhin – Opladen“, ist er sogar noch 30 Jahre älter und befindet sich seit 1840 an der Bruchhauser Straße, wie das Stadtarchiv auf Anfrage mitteilt. Er wäre damit nach dem Friedhof in Schlebusch an der Mülheimer Straße und dem jüdischen Friedhof in Opladen der drittälteste noch in Betrieb befindliche Friedhof in Leverkusen.
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Wer an dem Grabmal der Eheleute Braun vorbei den Friedhof betritt, bemerkt rechter Hand einen großen freien Platz. Er ist auf beiden Seiten flankiert von je zwölf Grabsteinen mit Namen, Geburts- und Sterbedaten, die an Tote der Weltkriege erinnern. Mitten drauf erinnert eine schräg gestellte rechteckige Platte an die Toten des Zweiten Weltkriegs. Das hintere Ende des Platzes prägt ein mächtiger Denkmalsockel, gekrönt vom Schinkelschen Tatzenkreuz, für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, an den Flanken des Denkmalsockels nicht mehr lesbare Inschriften. In Lützenkirchen nimmt das Soldaten- und Totengedenken für die Weltkriegsopfer im Schatten der Kapelle beträchtlichen Raum ein.

Großen Platz nimmt das Gedenken für die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs ein.
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Für Ortsfremde kaum auffindbar, gibt es aber noch einen weiteren Gedenkort auf dem Friedhof. Man erkennt ihn, wenn man den Weg an der Weltkriegsgedenkstätte vorbei fortsetzt und sich am östlichen Ende des Friedhofs nach links wendet. Dort steht ein weitgehend unbearbeiteter Naturstein am Rand eines Areals, auf dem große Birken in zwei Reihen wachsen. Der Boden ist mit Efeu und anderen Ranken bedeckt. Auf dem Stein liest der Besucher: „In Gedenken an die in Opladen verstorbenen, meist osteuropäischen Zwangsarbeiter, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Allein hier wurden 155 Erwachsene und Kinder beigesetzt.“

Der Gedenkstein am Rand des Massengrabs für die Zwangsarbeiter
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Das Stadtarchiv teilt zu dem Massengrab mit, dass dort nach einer Recherche des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Niederwupper, aus dem Jahr 1989 unter anderem 85 russische Kriegsgefangene in einem Massengrab beerdigt wurden, die am 28. Dezember 1944 bei dem Luftangriff der Alliierten auf Opladen im Eisenbahnausbesserungswerk ums Leben gekommen waren. Namen oder Lebensdaten der Getöteten findet man im Unterschied zu dem Gedenken für die deutschen Kriegstoten hier nicht. Die Unterlagen mit den persönlichen Daten über die Kriegsgefangenen, die als Zwangsarbeiter missbraucht wurden und denen die Nazis während Luftangriffen verboten hatten, in Bunkern Schutz zu suchen, gingen bei dem Großangriff auf Opladen laut dem Bergischen Geschichtsverein verloren.

Das Mahnmal für die in Opladen getöteten Zwangsarbeiter
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Immerhin setzte das Gedenken an die getöteten Zwangsarbeiter schon früh ein. Einige Meter rechts von dem Areal des Massengrabs steht ein einfaches Mahnmal, womöglich sowjetischer Herkunft. In dessen vorkragendem oberen Abschluss ist, etwas verblichen, ein fünfzackiger Stern mit Hammer und Sichel eingemeißelt. Darunter steht in kyrillischen und lateinischen Buchstaben: „Zum ewigen Gedenken an die Kämpfer gegen den Faschismus“. Dieses Mahnmal, so schreibt der Bergische Geschichtsverein, sei vermutlich bereits 1946 aufgestellt worden. Auf wessen Veranlassung, von wem gestiftet? Das bleibt unklar.
Aber genau zwischen Massengrab und Mahnmal steht Maria, oder besser: eine Skulptur der Mutter Gottes, die den toten Jesus im Arm hält, als Relief in einer Form, die wiederum das Lamm Gottes darstellt. Die große Skulptur war einst das Grabmal einer Lützenkirchener Familie, wie Recherchen dieser Zeitung ergaben. Geschaffen hat sie der Paderborner Bildhauer Josef Rikus, von dem in Köln etwa in Zusammenarbeit mit zwei Architekten auch die Kirche der katholischen Hochschulgemeinde St. Johannes XXIII. stammt. 1979 aufgestellt, blieb die bemerkenswerte Skulptur auch stehen, als das Familiengrab aufgelöst wurde.
Massengrab, der wiederauferstandene Jesus in den Armen seiner Mutter und das 80 Jahre alte Mahnmal bilden hier am Rand des Friedhofs ein kurioses Ensemble, das in der vorfrühlingshaft warmen Sonne zum Betrachten und Verweilen einlädt.
Hinter Skulptur und Massengrab in Richtung Osten und Süden erstrecken sich Weiden in der Wintersonne. Ein paar Schafe grasen auf Grün zwischen dem Friedhof und der Autobahn. Der Wind trägt das Rauschen des Autobahnverkehrs herüber. In südöstlicher Blickrichtung lugen die Hochhäuser der Derr-Siedlung in Steinbüchel zwischen kahlen Bäumen hervor.

