Leverkusen – „Bitte lass mich nicht schon wieder von meiner Flucht erzählen. Erzähl mir lieber etwas über Deutschland!“ Diesen Satz hat Dominik Breuer häufig gehört, wenn er mit geflüchteten Kindern gesprochen hat. Der Leverkusener Schauspieler hat sich viel mit der Problematik beschäftigt, sogar eine Weile in einem Flüchtlingsheim gelebt, und dabei ist ihm eines klar geworden: Richtig hineinversetzen in die Gefühle dieser Menschen, das kann er nicht. Das kann niemand, der es nicht erlebt hat.
Aber es gibt sie doch in Deutschland: Menschen, die selbst Flucht und Vertreibung erfahren haben. Die von Deutschland erzählen können – aber häufig niemanden haben, der ihnen zuhört. Wenn aktuell geflüchtete Minderjährige auf Senioren mit Fluchtvergangenheit treffen könnten: Wäre das nicht für beide ein Gewinn?
Mit dieser Idee war „Lebensläufe(r)“ geboren, ein gemeinsames Projekt des Brachland-Ensembles, des Jungen Theater Leverkusen (JTL) und des Westdeutschen Tourneetheaters Remscheid (WTT) (siehe: „Die Künstler“). „Es soll um Menschen gehen, die im wahrsten Sinne des Wortes gelaufen sind“, sagt Claudia Sowa, JTL-Leiterin und WTT-Intendantin. Und vor allem auch um das Ankommen. Dafür sollen etwa 15 Pärchen aus Flüchtlingskindern und Älteren gebildet werden, die zunächst eine Brieffreundschaft eingehen. „Der Brief hat den Vorteil, das jeder in seinem eigenen Tempo so viel oder wenig schreiben kann, wie er möchte“, erklärt Dominik Breuer, der das Brachland-Ensemble künstlerisch leitet früher selbst am jungen Theater Leverkusen gelernt hat.
Künstler nehmen keinen Einfluss auf Inhalt der Briefe
Die Briefe werden von einem Boten abgeholt und überbracht, wenn nötig auch übersetzt. Es werden keine Fragen vorgegeben oder irgendwie Einfluss genommen. „Wir wollen das nicht lenken, sondern beobachten“, erklärt Sowa. Etwa ein halbes Jahr soll der Briefwechsel laufen, zum Jahresende hin soll es dann zu einer künstlerischen Umsetzung kommen, die sowohl in Remscheid wie auch in Leverkusen zu sehen sein soll. In welcher Form, darauf wollen sich die Schauspieler noch nicht festlegen. „Wir wollen das vom Ergebnis abhängig machen, es soll schließlich um den Inhalt gehen, und nicht um die Form“, sagt Breuer. Denkbar wären eine Bühnenpräsentation oder auch Audio- und Videoausschnitte, in denen die Teilnehmer selbst aus ihren Briefen lesen. Dabei können die Brieffreunde immer selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang sie Gegenstand der Darbietung sein wollen.
Nun gehe es erst einmal darum, Teilnehmer zu finden. Für die Kinder sprechen die Künstler Hilfsorganisationen und Erstaufnahmelager an. „Man kann ja nicht einfach einem Kind einen Zettel in die Hand drücken und sagen: «Schreib mal was»“, sagt Erik Rentmeister vom Brachland-Ensemble. Deswegen sollen Betreuer Kinder vorschlagen, die zu dem Projekt bereit sind und davon profitieren können.
Ältere Menschen, die gerne eine Brieffreundschaft eingehen möchten, können sich bei den Initiatoren melden unter der Telefonnummer 0177/5909252 oder eine E-Mail an wtt-remscheid@t-online.de schreiben.
