Leverkusen – Zum 70. Geburtstag hat sich Otto Gartzke eine Reise nach Spanien gegönnt. Die Tour in den sonnigen Süden bestritt der Pattscheider aber nicht im Flugzeug oder im Reisebus. Auch das Auto blieb zu Hause an der Burscheider Straße stehen. Otto Gartzke ging zu Fuß: 2800 Kilometer, drei Monate lang. Am Ende der Pilgerreise auf dem Jakobsweg erreichte er Santiago de Compostela – zwölf Kilo leichter, aber reich an Erfahrungen. Oder, wie der Rentner augenzwinkernd formuliert: „Der Jakobsweg nimmt, der Jakobsweg gibt.“
Hacken abgelaufen, Nase genäht
Verloren hat er zum Beispiel seinen Ehering. Gattin Henriette, mit der er bis vor einem Jahr in seinem Hof einen Sahne-Großhandel führte, nahm diese Nachricht mit Humor auf: „Es ist schon der zweite Ring, den er verloren hat.“ Ein paar Tage, nachdem er sich Mitte März auf den Weg gemacht hatte, fiel ihm irgendwo in der Eifel unbemerkt das Handy aus der Jackentasche. In Trier hatte er sich im wahrsten Sinne des Wortes schon die Hacken abgelaufen. In Frankreich kam er mehrmals vom „schlecht ausgeschilderten“ Weg ab. Einmal fiel er heftig auf die Nase und musste sich eben diese nähen lassen. Trotzdem: Bis zur Ankunft in Santiago de Compostela am 13. Juni machte der 70-Jährige nicht einen Tag Pause.
Wandern ist ein Hobby von Otto Gartzke. Die Alpen besucht er regelmäßig, und auch auf dem Kilimandscharo ist er schon gewesen. Ein Jahr lang bereitete er sich auf die längste Strecke seiner persönlichen Wanderkarriere vor. Einmal pro Woche lief er 25 Kilometer („vier, fünf Kilometer schafft man auf dem Jakobsweg in einer Stunde“). Im Fitnessstudio baute er Muskeln auf.
Einen Tag nach seinem Geburtstag machte er sich, nur mit einem Rucksack und zwei Wanderstöcken, auf den Weg nach Spanien. „Ursprünglich wollte ich die Stöcke gar nicht mitnehmen“, erzählt Gartzke. Kurz vor dem Start der Tour riet ihm ein Freund, sie doch lieber einzupacken. Der Leverkusener hörte auf den erfahrenen Wanderer: „Zum Glück. Ohne Stöcke geht es nicht.“
Neben den unterschiedlichen Landschaften , die er in Deutschland, Frankreich und Spanien durchquert hat, – mal alleine, mal in Gruppen mit anderen Pilgern aus allen Teilen der Welt –, bleibe noch etwas in besonderer Erinnerung: „ Die Menschen auf dem Jakobsweg waren so entspannt und freundlich.“ Ob in den großen Schlafsälen der Herbergen, beim Anstehen vor den Unterkünften, bei schlechtem Wetter auf dem Weg – gestritten oder gemosert wurde nicht. Dieses gute Gefühl mache für ihn den Jakobsweg aus. Und deshalb ist sich der Pattscheider sicher: „Wer einmal dort war, kommt wieder zurück. Ich auch.“
