Dr. Andreas Schnadt ist fast der älteste praktizierende Allgemeinmediziner in Leverkusen.
Leverkusener Arzt im Interview„Es gibt heute weniger Säufer und Raucher“

Dr. Andreas Schnadt, der (fast) älteste praktizierende Allgemeinmediziner in Leverkusen
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Dr. Andreas Schnadt, 1949 geboren, ist mit 76 Jahren einer der ältesten praktizierenden Hausärzte Leverkusens. Mehrere Jahrzehnte hatte er in Lützenkirchen eine eigene Praxis, inzwischen arbeitet er als angestellter Hausarzt in Schlebusch in der Praxis Schulze Uphoff und Kollegen, vormals Travnik.
Herr Schnadt, Sie sind der älteste praktizierende Hausarzt Leverkusens…
Andreas Schnadt: Nicht ganz: Ich habe das mit der Ärztekammer geklärt. Es gibt einen, der noch über mir ist. Wer, weiß ich nicht. 1984 habe ich meine Praxis in Lützenkirchen eröffnet. Seit 14 Jahren bin ich hier als angestellter Arzt. Vorher habe ich eine Ausbildung zum Apotheker gemacht, ich kann Pillen drehen, Zäpfchen gießen und Salben anrühren. All das habe ich gelernt.
Warum haben Sie dann noch Medizin studiert?
Als Apotheker bist du ein besserer Verkäufer. Wenn man da jemanden sieht, der jede Woche Abführmittel holt, der braucht eigentlich einen ärztlichen Rat.
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Wenn man über 40 Jahre lang Leverkusener behandelt – kann man da eine Aussage treffen: Krankheiten früher und heute – welche Unterschiede gibt es da?
Das Spektrum hat sich nicht groß geändert. Nicht groß. Was sich vielleicht geändert hat: Es gibt heute weniger Säufer und Raucher. Wir haben heute viel mehr Migranten, da erkennen wir häufiger Traumatisierungen durch Krieg oder Flucht und das Anspruchsdenken ist heute definitiv größer.
Was hat sich noch geändert?
Krebserkrankungen sind in den Jahren seither viel besser behandelbar geworden mit den neuen Medikamenten. Allerdings sind auch die Medikamentenkosten allgemein immer weiter gestiegen, das ist einer der Gründe, weshalb die Krankenkassen jetzt wieder erhöhen wollen. Herztabletten kosten 600 Euro die Packung für ein Quartal. Oder der RSV-Impfstoff 230 Euro – für eine Impfung! Immerhin hält der Schutz lebenslang, soweit wir es jetzt wissen.

Doktor Andreas Schnadt, Allgemeinmediziner
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Gibt es in Leverkusen spezielle Krankheiten?
Nach meiner Erfahrung ist Leverkusen ein Hotspot für Blasenkrebs.
Womit kann man das erklären, liegt es an der Chemie?
Also für mich ist das relativ offensichtlich, aber der Zusammenhang ist weder wissenschaftlich untersucht worden noch ist er belegt, aber wir sehen das einfach öfter.
Tatsächlich ist die Zahl der Leverkusener Todesfälle wegen Blasenkrebs laut statistischer Landesdatenbank im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre im Vergleich zu denen aus dem Oberbergischen Kreis prozentual ein klein wenig höher.
Es heißt auf der anderen Seite: Die Leute rennen zu oft zum Arzt.
Das war schon immer so, dass Deutschland eine wesentlich höhere Frequenz an Arztkontakten hat als das umliegende Ausland.
Wie gehen Sie mit Leuten um, die nichts haben?
Ja, wie macht man das als Arzt? Ich hab‘ mal einem klipp und klar gesagt, er sei ein eingebildeter Kranker. Ein echter Nervtöter, der ständig mit was kam. Nachdem ich ihm mal die Meinung gegeigt habe, verließ er die Praxis und jetzt ist er bei einem anderen Arzt. Und schon hast du eine schlechte Bewertung im Bewertungsportal.
Wie viele würden Sie am liebsten sofort nach Hause schicken?
Schnadt: Schwierig, gelegentlich weißt du, dass sie nichts haben. Also, das ist schon manches Mal so, dass ich kränker hier hinterm Tisch sitze als die Patienten vor mir. Das subjektive Krankheitsempfinden ist sehr unterschiedlich.
Was kann man tun?
Die Arbeitgeber wollen ja die telefonische Krankmeldung wieder abschaffen, weil sie meinen, die wird ausgenutzt, die entlastet uns aber ein wenig, weil wir in der Praxis sonst morgens mit den vielen akut Erkrankten überlaufen werden, die krankgeschrieben werden wollen. Wenn sie wirklich krank sind und zwei, drei Tage nicht ausreichen, kommen sie ja noch mal.
Arbeiten Sie mit Telemedizin über Video?
Schnadt schüttelt den Kopf
Das macht aber nur unser Praxis-Chef.
Und warum Sie nicht?
Ich habe lieber live mit den Patienten zu tun. Ich kann nicht sagen: Halten wir das Handy mal auf die Brust und atmen tief ein. Jeder, der hier reinkommt und hustet, wird abgehört, der Sorgfalt halber. Man muss 100 Leute abhorchen, um die eine Lungenentzündung zu finden.
Was war ihr größter Erfolg als Arzt?
Ich habe so manches Leben gerettet. Erst zuletzt im Hotel. Da fiel ein Mann vom Klo: das Herz. Bis der Rettungswagen da war, habe ich eine Viertelstunde lang reanimiert. Er bekam zwei Bypässe und ist wieder vollkommen gesund geworden.
Hat er sich bedankt?
Tatsächlich nicht. Das ist das normale, wirklich.
Allerdings ist es wohl nicht immer so: In der Teeküche der Praxis stehen große Mengen an Plätzchen, Süßigkeiten und auch eine Weinflasche.
Von einer Metzgereifachverkäuferin, die ich zweimal wiederbelebt habe, sind wir jahrelang endlos mit selbst gebackenem Kuchen verwöhnt worden. Manche Familien begleite ich über Jahrzehnte. Heute kommen viele, die ich als Kinder kannte, mit ihren Kindern ich habe teilweise bis zu vier Generationen betreut. Das ist schon interessant, das so zu verfolgen, wie sich die Dinge vererben. Depressionen können sich wie ein roter Faden durch die Familie ziehen. Die Alten nannten es noch Melancholie und sonst wie.
Wie lästig ist es denn, dass heute viele Leute Symptome googeln und mit einer eigenen Diagnose bei Ihnen sitzen? Die gab es 1984, als sie angefangen haben, noch nicht.
Die Zeit und Mühe können sich die Leute sparen. Diagnosen nach Dr. Google sind selten zutreffend. Vor allen Dingen kommen da die verquersten Sachen raus. Das führt die Leute oft völlig auf den Irrweg.
Okay, kommen wir aber mal zu einer ganz anderen Sache. Sie sollen mit 70 noch mal mit Sport angefangen haben.

Andreas Schnadt, 76, übt seit sechs Jahren Karate. Hier in der Wolfgang-Obladen-Halle beim Verein Yamabiko Manfort.
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Ja, das war ganz witzig. Ich kannte einen Karatetrainer vom Manforter Verein Yamabiko und meine Frau sagte: Du bist so steif geworden. Und ja, ich bin dann dabei hängen geblieben, seit sechs Jahren.
Welchen Gürtel haben Sie inzwischen?
Den Violetten.
Das ist gar nicht so ein anfängerhafter Gürtel…
Es geht viel um Koordinatives, Bewegungsabläufe, gut fürs Hirn und Muskeln, weniger ums Verhauen – in meinem Alter. Das ist ein sehr netter Umgang und ich bin viel beweglicher und sicherer geworden. Ich bereite mich jetzt auf die nächste Prüfung vor.
Herr Schnadt, wie lange machen Sie als Arzt weiter?
2026 geht’s auf jeden Fall weiter, dann mal sehen.

