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Start-FestivalSimon Höfele und das „dogma chamber orchestra“ kommunizieren musikalisch

2 min
„dogma chamber orchestra“

Trompeter Simon Höfele und das „dogma chamber orchestra“ beim Start-Festival 2026 im Erholungshaus.

Der Trompeter spielte zusammen mit dem „dogma chamber orchestra“ im Erholungshaus.

Man vergisst bei Klassikkonzerten manchmal, dass Kammermusik ursprünglich genau davon lebt: vom gegenseitigen Zuhören. Vom Reagieren. Vom gemeinsamen Atmen im selben Moment. Das „dogma chamber orchestra“ macht musikalische Kommunikation am Dienstagabend im Stehen sichtbar. Schon bei Johann Sebastian Bachs Brandenburgischem Konzert Nummer drei entsteht im Leverkusener Erholungshaus genau daraus eine besondere Spannung. Ohne Dirigat. Dadurch wirkt selbst ein oft gespieltes Werk plötzlich erstaunlich direkt. Die Musiker beobachten sich permanent, geben sich Einsätze über Bogenbewegungen und Einatmen. Das Konzert wirkt nie demonstrativ „anders“.

Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Musik selbst stärker sichtbar wird, gerade weil ihre Entstehung beobachtbar bleibt. Dass das Start-Festival ein solches Ensemble noch mal nach Leverkusen holt, wirkt deshalb bemerkenswert klug programmiert. Denn es verbindet musikalische Präzision mit einer Form von Unmittelbarkeit, die auch Menschen erreicht, die klassische Musik nicht zwingend analytisch hören.

Simon Höfele in Leverkusen

Mit Simon Höfele verändert sich der Fokus des Abends. Der ehemalige Schüler von Reinhold Friedrich arbeitet vom weicheren Flügelhorn bis zur hochliegenden Trompete permanent am Klang. Er setzt Dämpfer ein, verändert die Haltung des Instruments, schüttelt es leicht aus, setzt das Mundstück neu an, verlagert sein Gewicht ständig von rechts nach links. Anfangs wirken diese Bewegungen beinahe nervös. Mit der Zeit entsteht daraus jedoch etwas hochkonzentriert Präzises.

Simon Höfele (vorne) arbeitet vom weicheren Flügelhorn bis zur hochliegenden Trompete permanent am Klang.

Simon Höfele (vorne) arbeitet vom weicheren Flügelhorn bis zur hochliegenden Trompete permanent am Klang.

Und Erfrischendes. Man beginnt zu verstehen, wie fein abgestimmt dieses Spiel tatsächlich ist. Gerade dadurch entsteht eine ungewöhnliche Nähe zur Musik. Höfele spielt sympathisch naiv, aber nie nur „nach vorne“. Vielmehr wirkt es, als würde er ständig neu in den Klang des Ensembles hineinhören. Selbst virtuos flotte Passagen behalten dadurch etwas gefühlvoll Suchendes: festlich und weich, brillant und beinahe fragil, kammermusikalisch fein und dann wieder von großer dramatischer Wucht.

Zwischen Bach und eklektischer Gegenwart

Die Eigenkompositionen des Ensembleleiters Mikhail Gurewitsch erweitern den musikalischen Raum des Abends deutlich. Die Stücke arbeiten mit einer bewusst eklektischen Klangsprache zwischen Neoklassik, Filmmusik, Postminimalismus und zeitgenössischer Kammermusik. Manche Passagen erinnern an große orchestrale Fantasy-Scores, andere an rhythmisch verdichtete moderne Ensemblemusik.

Stellenweise entsteht eine fast cineastische Dramaturgie. Ein Werk von Bach bleibt hier aber selbstverständlich Bach — mit seiner architektonischen Klarheit, seiner inneren Ordnung und historischen Größe. Die zeitgenössischen Stücke funktionieren anders: atmosphärischer, erzählerischer, emotional unmittelbarer. Und das Start-Festival setzt dafür nicht auf plakative Effekte, sondern auf Musiker, die zuhören können — einander ebenso wie dem Raum.