Bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs hatte der „Leverkusener Anzeiger“ mit Vadim und Tamila Margolius gesprochen. So blicken sie vier Jahre später auf den Krieg.
„Alle normalen Menschen wollen Frieden“Krieg bestimmt noch immer den Alltag von Ukrainern in Leverkusen

Vadim und Tamila Margolius mit dem Material für ein Tarnnetz und einer traditionellen Karte der Ukraine.
Copyright: Violetta Gniß
In diesem Sinne hat sich nichts verändert: Vadim und Tamila Margolius verbringen auch nach vier Jahren immer noch mehrere Stunden im Internet. Morgens, mittags und abends schauen sie sich die deutschen und ukrainischen Nachrichten an, sind in ständigem Kontakt mit Freunden und Familienangehörigen in Dnipro und Kiew. Der Krieg bestimmt ihren Alltag, auch hier in Sicherheit, in Deutschland. Sie wollen den Medienkonsum eigentlich reduzieren, berichtet Vadim Margolius, aber es gelingt nicht, zu groß ist die kontinuierliche Sorge um ihre Lieben.
In Deutschland führt das Ehepaar ein Leben zwischen zwei Realitäten, das sei schwer, sagen sie. „Man lebt gleichzeitig in zwei Welten: Für die Leute von hier ist es weit weg, fremd, für uns nicht“, berichtet Tamila Margolius. Die Eheleute kamen im Sommer 1999 als jüdische Kontingentflüchtlinge aus Dnipro nach Deutschland, leben seitdem in Küppersteg. Tamila Margolius’ Mutter lebt noch in Dnipro, einer Stadt im zentralöstlichen Teil der Ukraine, die zwar kein Frontgebiet ist, dennoch Ziel von Raketen- und Drohnenangriffen.
Die Russen schießen, egal wohin. Sie schießen einfach, wenn jemand über die Straße geht, auf medizinische Hilfe, auf Militär.
Er antwortet dann, indem er ein Foto von den Tarnnetzen schickt, die Margolius mit einer privat organisierten Gruppe aus Ukrainerinnen und Ukrainern herstellt. Von Netzen über Socken, Süßigkeiten und Kerzen bis zu Hygieneartikeln schickt die Gruppe die verschiedensten Produkte in die Ukraine. Es ist Vadim Margolius wichtig, auch hier von Deutschland aus etwas tun zu können, sich weniger hilflos zu fühlen. „Natürlich ist es hier ganz anders, wir sind in Sicherheit, aber mental sind wir oft da“, sagen sie.
Die Eheleute berichten von der Situation der Menschen in der Ukraine: teure Medikamente, die sich viele Menschen nicht mehr leisten können, Senioren, die Schwierigkeiten haben, zu Luftschutzbunkern zu gelangen, Prüfungen in der Schule, die wiederholt werden müssen, weil sie von einem Luftalarm unterbrochen werden.

Ukrainische Soldaten mit den Hilfspaketen von Vadim und Tamila Margolius und anderen Ukrainern aus Deutschland.
Copyright: Vadim und Tamila Margolius
Außerhalb der Ukraine spaltet der Krieg Beziehungen, je nachdem, ob das Gegenüber pro-russisch ist. „Zerrissene Familien sind auch Folgen dieses verdammten Kriegs“, sagt Margolius. Bei ihm war es ein Verwandter in Petersburg, mit dem er mittlerweile keinen Kontakt mehr hat. Die Wirkung der russischen Propaganda sei, dass viele Russen annähmen, der Krieg richte sich gegen die Amerikaner in der Ukraine. „Es ist leider aussichtslos, wenn man jeden Tag dasselbe hört und es nicht überprüft oder nicht überprüfen kann. Dann denken sogar schlaue Menschen, dass das die Realität wäre“, so der studierte Ingenieur, der in Deutschland als Informatiker arbeitet.
Ukrainisches Selbstverständnis entwickelt sich durch den Krieg
Parallel zur Beziehung zu Russland habe sich aber auch das Selbstverständnis des ukrainischen Volkes verändert. „In der Ukraine wurde vorher sehr viel Russisch gesprochen – vor allem in der Ostukraine – jetzt beginnen die Menschen, wieder Ukrainisch zu sprechen“, beschreibt Tamila Margolius die Situation. Es waren Folgen der Vereinheitlichungstendenzen der Sowjetunion, die sich jetzt zu lösen scheinen. Auch Margolius beschäftigt sich jetzt ausführlicher mit ihrer Kultur. Sie hat sich Bücher angeschafft, möchte mehr über ihr Land erfahren. Über die Kultur zu lernen, ukrainische Musik zu hören, das gebe ihr Kraft.
Dem Ehepaar bereitet allerdings auch die weltpolitische Situation Sorgen. Unter Trump erfährt die Ukraine deutlich weniger Unterstützung als unter Biden. „Alles ist miteinander verbunden: das Schicksal der Ukraine mit dem Europas und mit dem Verhältnis zu den USA“, sagt Vadim Margolius und: „Wenn es echte Solidarität wäre, wäre der Spuk schon vorbei.“
Das halten die Leverkusener von Gebietsabtretungen für den Frieden
Gebietsabtretungen für den Frieden halten Tamila und Vadim Margolius für nicht zielführend. „In den besetzten Gebieten werden Kinder ihren Familien entzogen und in Russland umgeschult, damit sie russisch werden. Die Älteren werden zum russischen Militär geschickt und die Frauen werden vergewaltigt, damit sie russische Kinder gebären“, berichtet Tamila Margolius. „Das ist emotionalisiert“, sagt ihr Ehemann dazu – „Das sind Fakten“, sagt sie.
Tatsächlich berichtete unter anderem der Deutschlandfunk Anfang des Jahres über die Verschleppung, Russifizierung und militärische Ausbildung ukrainischer Kinder. Die Informationen der Vereinten Nationen belegen Vergewaltigungen und weitere Formen sexueller Gewalt gegenüber ukrainischen Frauen. Ob diese dem Ziel dienen, „russische Kinder zu gebären“, geben die Vereinten Nationen nicht an.
Wenn wir die Gerechtigkeit vergessen, dann ist das eigentliche Problem, dass Putin nicht zufrieden sein wird.
Vadim Margolius bringt noch eine andere Perspektive in die Debatte um Gebietsabtretungen ein. „Es geht nicht um Gerechtigkeit“, sagt er, „wenn wir die Gerechtigkeit vergessen, dann ist das eigentliche Problem, dass Putin nicht zufrieden sein wird. Putin will die ganze Ukraine. Und solange Kiew nicht zu Russland gehört, kann sich Russland nicht als Imperium begreifen.“ Margolius sieht deshalb aktuell kaum Möglichkeiten zur Verhandlung.
Die Mutter der 57-Jährigen lebt auf dem Land, dort sei es ruhiger, erzählt Margolius, aber man wisse nie, wie lange, denn: „Die Russen schießen, egal wohin. Sie schießen einfach, wenn jemand über die Straße geht, auf medizinische Hilfe, auf Militär. Ihre Strategie ist, dass die Leute die Stadt selbst verlassen.“ Ihr Ehemann Vadim Margolius hat eine Cousine in Kiew. „Sie schreibt mir fast jeden Morgen dasselbe: Heute war eine schreckliche Nacht, aber wir leben noch. Gott sei Dank“, so Margolius.
Nach dem Gespräch betont er: „Alle normalen Menschen wollen Frieden.“ Die Sonne scheint am blauen Himmel in Küppersteg. Margolius schaut aus dem Fenster und sagt: „Wir freuen uns über diesen wolkenlosen, leeren Himmel, aber wir wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.“
