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„Jeden Tag passiert etwas Neues“Ukrainischer Flüchtling hat sich in Leverkusen als Busfahrer integriert

4 min
Oleksandr Pochenkov kam 2022 aus Charkiw in der Ukraine nach Leverkusen. Seit einer Umschulung ist er als Busfahrer für die Wupsi unterwegs.

Oleksandr Pochenkov kam 2022 aus Charkiw in der Ukraine nach Leverkusen. Seit einer Umschulung ist er als Busfahrer für die Wupsi unterwegs.

Oleksandr Pochenkov kam 2022 aus Charkiw in der Ukraine nach Leverkusen. Seit einer Umschulung ist er als Busfahrer für die Wupsi unterwegs.

Wie ein träges Schiff schiebt sich die 211 durch das Meer aus Autos am Europaring. Draußen liegt an diesem Nachmittag noch Reif auf den Dächern. Drinnen sitzt Oleksandr Pochenkov am Steuer. Gerade hat er zwei Frauen erklärt, dass sie nach Rheindorf sowohl mit seinem als auch mit dem Schnellbus fahren können. Die beiden wollen in der 211 bleiben. Sie kaufen noch ein Ticket und bedanken sich. „Manchmal mache ich mir Sorgen, dass die Leute mich nicht verstehen“, sagt Pochenkov später in seiner Pause. „Mein Deutsch ist noch nicht so gut.“

Der 34-Jährige ist im August 2022 aus der Nähe von Charkiw in der Ukraine nach Deutschland geflohen. Weil er mit seinem ukrainischen Lkw-Führerschein in Deutschland nicht arbeiten kann, hat er eine Umschulung gemacht und fährt jetzt Bus für die Wupsi. Das Verkehrsunternehmen sucht seit Jahren Fahrer und spricht auch gezielt Neuzugewanderte an. „Ich habe Lust bekommen, als Busfahrer zu arbeiten“, sagt Pochenkov.

Wie es läuft? „Jetzt schon besser als am Anfang“, sagt er. Da hatte er oft Angst, dass er sich gar nicht verständigen kann. Oder den Weg nicht findet. „Man weiß ja nicht, in welche Situationen man kommt.“ Mittlerweile hat sich das gelegt. Er ist gelassener geworden und weiß: „Jeden Tag passiert etwas Neues.“ Und, wenn mal etwas schiefgeht, lerne er daraus, sagt Pochenkov. Wie das eine Mal, als er falsch abgebogen ist. „Da habe ich dann selbst den Weg zurückgefunden und heute weiß ich genau, wo die Strecke lang führt.“

Der Verkehr in Deutschland ist etwas anders als in der Ukraine.
Oleksandr Pochenkov, Busfahrer

Die Linie 211 stoppt. An der Haltestelle „Erholungshaus“ möchte ein Mann mit einem elektrischen Rollstuhl in den Bus. Pochenkov steigt aus, geht zur hinteren Bustür und klappt eine Rampe aus. Der Mann rollt in den Bus. „Schön, dass das geklappt hat“, sagt der Rollstuhlfahrer zu seinem Begleiter. Pochenkov verstaut die Rampe wieder und fährt weiter.

Noch 20 Stopps bis zur Peenestraße. An der Endhaltestelle hat er 16 Minuten Pause. An einer Kreuzung gibt es Stau. Pochenkov winkt zwei Autos durch, bis er selbst eine Lücke findet. „Der Verkehr in Deutschland ist etwas anders als in der Ukraine“, sagt er. „Hier gibt es viel mehr Blitzer.“ Dass mehr kontrolliert wird, finde er gut. „In der Ukraine habe ich öfter schwere Unfälle miterlebt. Da wurden auch Menschen verletzt.“ Das passiere in Deutschland zwar auch, aber viel seltener. „Hier lese ich nur ab und zu davon, aber mit ansehen musste ich es noch nie.“

Um kurz vor 15 Uhr erreicht die 211 die Endhaltestelle. Die vollen 16 Minuten Pause hat Pochenkov heute aber nicht. „Wir sind vier Minuten zu spät“, erklärt er. Das lasse sich manchmal nicht vermeiden. „Wenn es einen Unfall oder Stau gibt, müssen wir warten.“ Auch das Wetter spielt eine Rolle: Heute ist die Straße nass. „Da muss ich vorsichtig fahren, sonst kann es gefährlich werden.“ So ist der Bus auch auf dem Rückweg etwas später dran. Eine Frau schimpft beim Einsteigen. „Ich kann da nichts machen“, sagt Pochenkov. Sicherheit geht immer vor. „Leid tut es mir trotzdem.“

Viele Verwandte leben im Kriegsgebiet

In ein paar Stunden hat Pochenkov Feierabend. Dann kann er nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Die Familie wohnt in Leverkusen-Steinbüchel in einer 3-Zimmer-Wohnung. „Da ist genug Platz für uns.“ Es gibt einen Fernseher und eine Spülmaschine. Ihnen gehe es gut, sagt Pochenkov. „Wir haben eigentlich alles.“ Abends schauen sie die Nachrichten: In der Ukraine schlagen Raketen ein, es gibt Verletzte und Tote. Wenn Pochenkov die Bilder sieht, merkt er, dass doch etwas fehlt: „Frieden“, sagt er. Viele seiner Verwandten leben im Kriegsgebiet.

Will die Familie zurück in die Ukraine, wenn der Krieg vorbei ist? „Wir haben unsere Kinder gefragt“, sagt Pochenkov. Die wollen lieber in Deutschland bleiben. „Sie haben hier Freunde gefunden und haben sich schon gut integriert.“ Klar, Deutsch zu sprechen, ist für ihn und seine Frau noch etwas kompliziert. „Aber unser Leben ist jetzt hier.“

Pochenkov steuert den Bus durch die Straßen in Rheindorf. Für die Wupsi ist er auch mal in Köln oder Solingen unterwegs. „Den Schulbus bin ich auch schon gefahren.“ Eine Lieblingsstrecke hat er nicht. Jede Fahrt ist anders. Pochenkov arbeitet an fünf Tagen in der Woche, manchmal auch samstags oder sonntags. Die erste Schicht beginnt um 4 Uhr morgens, die letzte um18 Uhr. „Ich will alle Schichten ausprobieren“, sagt Pochenkov. Er hofft, dass er irgendwann öfter die Frühschicht machen kann. Dann hat er nämlich mehr Zeit für seine Kinder. Ein Sohn spielt Fußball, der andere lernt Karate. „Wenn ich freihabe, kann ich sie mit dem Auto zum Training fahren“, sagt Pochenkov. Das geht schneller als mit dem Bus. Er will außerdem mehr bei den Hausaufgaben helfen. „Meistens macht das meine Frau“, sagt er. „Aber ich will auch mit ihnen lernen.“ Die 211 hält am Busbahhof in Leverkusen-Mitte. Noch 22 Haltestellen, dann hat Pochenkov wieder Pause.