Die wirtschaftlichen Probleme in den Konzernen sind groß. Jedes Unternehmen steht vor anderen Herausforderungen.
MitbestimmungWie die Betriebsräte unter dem Bayer-Kreuz in Leverkusen in die Wahl gehen

Im Chempark Leverkusen wird gewählt: vom 17. bis 19. März bei Bayer, Lanxess und Currenta – einen Monat später bei Covestro.
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Für die laufenden Tarifverhandlungen in der Chemie-Industrie ist der Termin ziemlich ungünstig. Unter dem Bayer-Kreuz wird überwiegend vom 17. bis 19. März gewählt. Neue Betriebsräte werden von den Belegschaften bestimmt. Und im Fall von Bayer und Lanxess werden die Plätze dort härter umkämpft sein: Beide Gremien schrumpfen – was mit dem Personalabbau zu tun hat, wie Nina Melches sagt. Die Leiterin des IGBCE-Bezirks Leverkusen spricht am Dienstag von enormen Herausforderungen bei allen großen Unternehmen im Chempark: „Die haben alle ihre Riesenpakete“, analysiert die Vertreterin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.
Die ist weiterhin die prägende Kraft in den Betriebsräten: Bei Bayer haben IGBCE-Leute derzeit 27 von 33 Sitzen, bei Lanxess 19 von 25, auch bei Currenta und Covestro stellen sie die deutliche Mehrheit. Doch Abspaltungen und Opposition bestimmen das Geschehen auch vor dieser Wahl. Bei Currenta spielt seit Längerem das Belegschaftsteam eine größere Rolle, das mit der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) verbunden ist.
Abspaltungen gibt es immer wieder
Andere Alternativen zur IGBCE lassen sich eher mit Flügelkämpfen bei der großen Gewerkschaft erklären. Die „Neue Liste“ (DNL) bei Lanxess zum Beispiel hat nicht nur Wurzeln in der Chemie-Gewerkschaft – sie sieht sich nach wie vor als Teil davon. Ihre Gründer Axel Berndt, Ralf Deitz, Dieter Clever und Lothar Klameth waren zunächst für die IGBCE am Start. Auch die heutigen DNL-Betriebsräte Stefanie Peters, Thomas Schrick, Christoph Pettke und Ralf Kaiser stehen laut Wahlprogramm „fest zur IGBCE-Gewerkschaft und schätzen sie als unverzichtbare Institution für die Beschäftigten. Zu den zentralen Prinzipien einer Gewerkschaft zählen Solidarität, Zusammenhalt und tarifliche Stärke.“
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IGBCE-Bezirksleiterin Nina Melches sieht viele verschiedene Aufgaben für die Betriebsräte im Chempark.
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Das unterschreibt Bezirksleiterin Nina Melches sofort. Beim wegen der China-Importe kriselnden Spezialchemie-Konzern Lanxess macht ihr weniger die DNL-Liste Sorgen als „die Löwenstarken“: Das seien Bewerber, die sich vor einem drohenden Arbeitsplatzverlust in den Betriebsrat retten wollten. Für die Auseinandersetzungen mit der Arbeitgeberseite sei diese Motivation nicht so hilfreich, glaubt sie. Aus ihrer Sicht braucht ein Betriebsrat einheitliche Prinzipien, um Stärke zu zeigen. Insofern gelte auch: „Wir brauchen Kontinuität“ – auch nach den Wahlen.
Die Vorsitzenden wollen weitermachen
Hilfreich dabei könnte sein, dass die Vorsitzenden bei Bayer, Covestro, Currenta und Lanxess erneut antreten. Angesichts der „unglaublichen Themenvielfalt“ sei das entscheidend für eine gute Vertretung der Arbeitnehmerinteressen, so Melches. Bei Bayer könnte sich also Heike Hausfeld weiter mit der sehr speziellen Situation in dem Pharma- und Agrochemie-Konzern auseinandersetzen, dem mit der Bill-Anderson-Schlankheitskur ganze Hierarchieebenen abhandenkommen. Die Effekte dieser enormen Stellenverluste kämen auch bei den Tarifbeschäftigten an, ist Melches’ Eindruck. Dass der Bayer-Betriebsrat gefragt war, als Vorstandschef Anderson und seine Arbeitsdirektorin Heike Prinzip „Dynamic Shared Ownership“ als Organisationsprinzip einführen wollten, versteht sich von selbst.

Heike Hausfeld ist Vorsitzende des Bayer-Betriebsrates und tritt wieder an.
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Bei Covestro, wo erst vom 21. bis 23. April gewählt wird, stehen ganz andere Themen an. Die Übernahme durch Abu Dhabis staatlichen Ölkonzern Adnoc bringt doch mehr Umbrüche, als zunächst zu vermuten war. Dass nun auch Vorstandschef Markus Steilemann angekündigt hat, seinen in gut zwei Jahren auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, macht den Umbruch noch größer.
Wichtig für die Gewerkschafter, die im Aufsichtsrat den stellvertretenden Vorsitz stellen, ist auch, wer dort Chef ist. Und das ist seit der Übernahme nicht mehr der frühere Bayer-Vorstand und Arbeitsdirektor Richard Pott, sondern Rainer Seele. Und der hat eben keine vertraute Bayer-Vita, sondern war ursprünglich bei der BASF. Da muss sich der Betriebsrat unter Irena Küstner ebenfalls neu orientieren. Und das in wirtschaftlich überaus herausfordernden Zeiten für Covestro.

Covestros Betriebsratsvorsitzende Irena Küstner muss sich nach der Übernahme auf neue Akteure einstellen.
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Bei Lanxess ist der Druck ausschließlich wegen der weltwirtschaftlichen Lage groß. Die derzeitige Betriebsratsvorsitzende Iris Schmitz kennt das, aber die Situation wird immer vertrackter. Bei Themen wie dem Industriestrompreis kämpften Gewerkschafter und Vorstände Seit’ an Seit’, sagt Bezirksleiterin Melches. Andere Ideen, die im Umfeld der jetzigen Bundesregierung aufkommen, nerven eher: Die Teilzeit-Debatte sei da nur ein Beispiel.
Ob die Chemie-Krise wirklich den Fachkräftemangel entspannt, hält Melches übrigens für fraglich. Kurzfristig nehme die schwache Auslastung in den Unternehmen vielleicht etwas Druck, so Melches. „Aber was passiert, wenn es wieder aufwärts geht?“ Insgesamt müssten die Firmen „viel stärker ihren Personalbedarf analysieren“, glaubt sie. Sonst könne es ein böses Erwachen geben.
Wie man den Wandel gestaltet, ist auch Thema in den Tarifverhandlungen. Die gehen am 24. März weiter. Dann sind bei Bayer, Lanxess und Currenta die Betriebsräte zwar gewählt, aber noch nicht handlungsfähig. Schub für die Verhandlungen werden sie dann nicht entwickeln können.

