Im Prozess gegen die Mitglieder der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie wurde auch über Opfer und Folgen der Taten gesprochen.
EnkeltrickBrüder aus Leverkusener Großfamilie wurden von einer nahen Person verpfiffen

Das Bild stammt vom ersten Prozesstag: Landgericht Köln: Giuliano G. (23, weiße Jacke) und Christopher G. (26, sitzend) müssen sich wegen Enkeltricks vorm Kölner Landgericht verantworten.
Copyright: Ralf Krieger
Das Blut gefriert auch erfahrenen Prozessbeobachtern in den Adern, wenn Zeugen in einem Prozess berichten, welche Nöte ein Schockanruf bei ihnen auslöst. Auch Anrufe, an denen die beiden Brüder der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie an wichtiger Position im organisierten, kriminellen Netzwerk mitgewirkt haben sollen, hatte Folgen für die Opfer: Seine Mutter sei seit einem dieser Schockanrufe merklich vergesslicher, ja dement, geworden, berichtet der Sohn einer 86-jährigen Frau als Zeuge im Kölner Landgericht. Die Mutter und der Vater säßen seither fast nur noch zu Hause. Er sagt: „Sie schämen sich sehr, dass sie darauf reingefallen sind.“
Die Opfer werden auf zwei Weisen getroffen, wenn sie den psychologisch extrem gewieften Keilern am Telefon ausgeliefert sind: Sie verlieren viel Geld, oft Summen jenseits der 20.000 Euro. Nicht wenige verlieren durch den Betrug auch das Zutrauen zu ihrem Verstand, weil sie auf die Masche hereingefallen sind.
Von den Keilern, wie auch Ermittler diese Personen nennen, werden die Opfer stundenlang im Schockzustand so manipuliert, dass sie den Abholern ihr Erspartes übergeben, im Glauben, einem Verwandten aus einer schlimmen Lage zu helfen. Von der zur Tatzeit 85-jährigen Frau aus Trier berichtete eine Polizistin, dass sie über Stunden wiederholt den Namen ihres Enkels geschrien habe, von dem sie annahm, dass er einen tödlichen Unfall verursacht haben sollte; den weinenden Enkel hatten ihr die Keiler am Telefon vorgespielt. Selbst noch, als ihr längst mitgeteilt worden war, dass sie betrogen worden war, soll die Frau noch mehrmals den Namen des Enkels geschrien haben. Als diese Dinge im Saal besprochen wurden, blicken die Hauptangeklagten Brüder leer auf die Tischplatten.
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Durchorganisiertes kriminelles Netzwerk
Ging es bisher immer nur um die mutmaßlichen Täter, wurde am Mittwoch, 22. April, am Landgericht zum ersten Mal in der Verhandlung gegen die beiden Brüder aus der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie über die Geschädigten geredet.
Die Brüder hatten innerhalb des perfekt durchorganisierten kriminellen Netzwerks die Aufgabe übernommen, bei den Personen, die „reif“ waren, die heikle Abholung von Geldbeträgen oder Beuteln voller Schmuck zu organisieren. Den heiklen Part der Abholer bei den Geschädigten wollten sie aber selbst nicht machen: Dafür hatten sie einen Kokainsüchtigen und einen anderen Kleinkriminellen, die zu den Geschädigten an die Tür gingen und dafür einen Teil der Beute erhielten.
Die Angeklagten hatten innerhalb des Betrüger-Netzwerks auch den Draht nach oben, zum „Logistiker“. So heißen die Mittelsmänner, die wiederum den Draht zur „Chefetage“ und zu den Keilern haben. Der Name des Logistikers, ein Mann aus Jüchen, der mit den Leverkusenern verschwägert zu sein scheint, ist bekannt. Er dürfte auch im Gefängnis sitzen.
Polizei hat viele Beweise gesammelt
Die Brüder und die Kleinkriminellen sitzen seit Mai 2025 in Untersuchungshaft. Alle angeklagten Taten haben sie zugegeben und geben sich jetzt in der Verhandlung hilfsbereit. Alles andere hätte aber auch keinen Sinn: Die Polizei hat offenbar sauber ermittelt, hat Telefone abgehört und die Bewegungsprofile von Autos und Smartphones der Brüder aufgezeichnet. An Akten fehlt es nicht: Jeweils morgens an den Verhandlungstagen wird ein imposantes Rollregal voller Papierakten in den Gerichtssaal geschoben.
Die beiden Brüder kennen zwar offenbar Hinterleute der Enkeltrick-Organisation, die vermutlich in Osteuropa sitzen, Polen vielleicht, wollen sie aber nicht verraten – aus Angst vor Rache, wie einer ihrer Verteidiger begründete.
Geheimhaltung kennt aber auch die Gegenseite: In dem Verwandten-Netzwerk muss es eine Person geben, die nicht alles mitmacht: Einer, oder eine, die offenbar nah genug dran ist an der Leverkusener Familie und doch der Polizei schon 2024 einen Tipp gegeben hatte.
Ein Kölner Kriminalpolizist hatte im Juni 2024 einen ersten Hinweis bekommen: Giuliano und sein Bruder, der ehemals erfolgreiche Boxer Christopher, sollten demnach gemeinsam mit deren Vater und einem Onkel an Schockanrufen beteiligt gewesen sein. Das sagte der Kölner Kripomann in der Verhandlung als Zeuge aus. Den Namen dieses Tippgebers behielt der Polizist aber für sich.
